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"Vom Suchen und Finden der Liebe": Liebe, Lust und Langeweile

Helmut Dietls neue Komödie erzählt die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe, die sich vom Tod nicht aufhalten lässt. Und auch der Zuschauer durchlebt Lust und Leid.

Von Claudia Fudeus

Wer humpelt so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Komponist Mimi Nachtigal, der während eines Spaziergangs gerade eben die Frau seines Lebens vorübereilen sah. Mimi verfolgt die Unbekannte und findet sie, weinend auf einer Brücke stehend. Die Schöne mit den Kulleraugen und einem Allerweltsnamen ist gerade bei einem Casting für Sängerinnen gescheitert - "keine Höhen, keine Tiefen, kein Volumen", so der grausame Befund. Wenn dies Zusammentreffen kein Wink des Schicksals ist...

Mimi beschließt, fortan nur noch für seine Flamme zu komponieren. Als "Venus Morgenstern" wird sie nicht nur seine Freundin, sondern im weiteren Verlauf ihrer Zweisamkeit auch gefeierte Sängerin seiner höchst erfolgreichen Schnulzen. Alle Höhen und Tiefen inbegriffen.

Er ist ein narzisstischer Macho, sie ein zickiges Sensibelchen. Je erfolgreicher Mimis und Venus' berufliche Partnerschaft wird, desto weniger klappt es im Privatleben. Mimi hat einen Star kreiert – und die Frau, die ihn mit ihrer Mädchenhaftigkeit bezauberte, verloren. Bei einer Preisverleihung schickt Venus ihn öffentlichkeitswirksam zum Teufel. Sie nimmt sich einen neuen Liebhaber, Mimi sich das Leben. So weit, so tragisch - in den meisten Liebesgeschichten wäre hier dann wirklich Schluss.

Alles Gute kommt von unten?

Doch die Mär in Helmut Dietls neuem Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" ist damit noch lange nicht am Ende angelangt. Denn die griechische Insel, die er in Erinnerung an romantischere Zeiten für seinen Selbstmord auswählt, beherbergt das Tor zum Hades, der griechischen Unterwelt. Während Mimi sich im Schattenreich gegen die Verführungsversuche eines goldgewandeten Hermaphroditen wehren muss, packt Venus die Sehnsucht: Sie will Mimi zurück. Und auch sein Tod kann sie nicht stoppen. Wie Orpheus, der laut Sage einst seine Eurydike aus dem Hades befreite, so steigt auch sie auf der Suche nach dem Geliebten in die Unterwelt hinab. Und wenn ihr die Rettung gelingt, so küssen und schlagen sie sich noch heute...

Reihenweise große Namen

Die kalte Jahreszeit ist ja immer gut für herzerwärmende Liebesepen, und die Idee von Regisseur Helmut Dietl ("Rossini", "Late Show") und seinem Co-Autor Patrick Süßkind ("Das Parfum") ist reizvoll: Eine Geschichte, die zwar in dieser Welt beginnt. Doch anstatt sich nur durch irdische Höhen und Tiefen zu bewegen, ist diese Liebe gleich in Himmel, Hölle und der griechischem Sagenwelt zu Hause. Dieses Konzept lockte reihenweise große Namen der deutschen Showszene vor die Kamera. Moritz Bleibtreu spielt Mimi Nachtigal als selbstverliebten, weinerlichen Künstlertypen mit Wuschelkopf und Leidensmiene. Großartig, wenn er zerzaust im Hausflur kampiert, weil er all die Erinnerungen in der gemeinsamen Wohnung nicht aushält. Wie will man jemanden trösten, der Besucher zwingt, an den Tasten seines Klaviers zu schnuppern, weil seine Venus ihre Aura darauf hinterlassen habe?

Was will er uns damit sagen?

Alexandra Maria Lara nimmt man die mädchenhafte Venus sofort ab. Leider setzt der Film mehr auf ihre Kulleräugigkeit und viele Tränen als auf ihre Schauspielkünste. Ihre Figur wird im Verlauf des Filmes immer mehr zu einem Abziehbild. Daran zeigt sich ein entscheidendes Problem des Films: Will Dietl eigentlich, dass man diese Liebesgeschichte ernst nimmt? Dafür wirkt fast alles, was seine Hauptdarsteller sagen und tun, zu aufgesetzt, zu übertrieben. Oder will er sich über die beiden lustig machen, das Ganze ironisieren? Dafür wird zu viel gefühlt und geweint, dafür wird all der Trauer um die entglittene Liebe zu viel Raum gegeben. Viel mehr als der Geschichte des Paares an sich - was die beiden nach den ersten magischen Momenten für immerhin sieben Jahre aneinander band, wird niemals richtig klar und die Zeit der Beziehung im Schnelldurchlauf abgehandelt. Hoffentlich war es nicht nur die Karriere, denn was für eine Liebesgeschichte wäre das denn?

Gegenentwurf: Sex nach Stundenplan

Auch der pragmatische Gegenentwurf zu Mimi und Venus, das befreundete Pärchen Theo und Helena, hilft dem Zuschauer bei dieser Frage nicht weiter. Die beiden, gespielt von Uwe Ochsenknecht und Anke Engelke, organisieren Sex mit dem Terminplaner und finden Leidenschaft nur außerhalb der Ehe - er mit dem Hausmädchen Kalypso im griechischen Feriendomizil, sie mit einem Zufallsliebhaber, den Harald Schmidt mal wieder hauptsächlich wie Harald Schmidt wirken lässt. Das ist keine Liebesgeschichte wie die von Mimi und Venus, aber immerhin: Diese Beziehung hält. Auch wenn sie in ihrer angestrengten Geschäftsmäßigkeit nicht unterhält.

Auch die Kulissen sind XXL

Vielleicht sind die Kulissen in diesem Film so groß, dass alles darin klein und kümmerlich wirken muss: Riesige Plätze und Gebäude, strahlendes Licht, Luxusappartements und kühle urbane Designtempel. Höhepunkt ist ein Totenreich, das von der Ausstattung irgendwo zwischen Las-Vegas-Showkulisse und Stundenhotel angesiedelt ist.

Stellenweise ist das ein wunderbarer Bilderreigen. Mimis Selbsttötung mit weißen Pillen am schwarzen Flügel neben grauem Marmor und blauem Meer beispielsweise lässt sich am besten mit "schöner sterben" beschreiben. Gleichzeitig schreibt das Drehbuch ihm jedoch vor, nach jeder Tablette so viel Alkohol in sich hineinzuschütten, dass die Flasche kaum weiter als bis zur vierten Pille reichen dürfte. Wenn es den Zuschauer angesichts dieser Szenerie zu solchen Berechnungen treibt, zeigt das, dass das Ganze nicht wirklich fesselnd ist.

Kein Happy End in Sicht

"Vom Suchen und Finden der Liebe" ist gut, wenn sich der Film seinen Figuren behutsam nähert, ohne gleich den Holzhammer der Lächerlichkeit herauszuholen. Insbesondere zu Beginn des Films gibt es einige solch sanfter Szenen. Bei ihrer ersten Verabredung sitzen sich Mimi und Venus beim Essen gegenüber und gestehen sich: "Sie haben eine sehr, sehr süße Art, die Gabel zu halten" - "Ich finde ihren Gipsfuß auch sehr sexy, das hat so etwas Beschädigtes." Haach... charmant, ungewöhnlich, irritierend. Davon hätte es noch viel mehr geben müssen.

So bleibt es mit dem Film ein wenig wie mit Mimis Gipsbein: Ja, er ist sexy - Moritz Bleibtreu und Alexandra Maria Lara gehören nicht umsonst zu den gefragtesten jungen Schauspielern. Ja, das "Beschädigte" ihrer Liebe, die skurrilen Gestalten und Situationen faszinieren. Und doch, nach einer Phase erster Verliebtheit ahnt man schnell, dass der Beziehung zwischen Zuschauer und Film kein glückliches Ende gegeben sein wird.

  • Claudia Fudeus