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Amalrics "Tournee" im Kino: Burlesque hinter der Kulisse

Mathieu Amalric ist ein Star-Schauspieler des französischen Kinos. In "Tournee", seinem dritten Film als Regisseur und Co-Autor, huldigt er der tristen Seite des Showbusiness - und der erotischen Tanzkunst der "New Burlesque". Dafür wurde Almaric 2010 in Cannes geehrt.

Er gilt als eine Art französischer Woody Allen, erhielt dreimal den nationalen Filmpreis "César". Mathieu Amalric ist in seinem Heimatland ein sehr populärer Schauspieler. Als Gelähmter in "Schmetterling und Taucherglocke" berührte er 2007 auch international ein großes Publikum, ein Jahr später wurde er James Bonds Gegenspieler in "Ein Quantum Trost". Und doch sah der schmale 45-Jährige seine wahre Berufung immer als Filmemacher. Tatsächlich bekam "Tournee", Amalrics dritte Kinoarbeit als Regisseur und Co-Autor, 2010 den Regiepreis in Cannes, errang kurzfristig Platz eins der französischen Kinocharts. Ob aber der stimmungsbetonte Roadmovie aus der Welt der "New Burlesque" auch in Deutschland ein Hit wird, bleibt abzuwarten.

Echte, selbstbewusste Frauen

Mit Nippelschmuck und falschen Wimpern, Lockenperücken und Glitzerkorsagen auf nicht immer jugendfrischen Körpern zelebrieren echte, selbstbewusst weibliche Stars der Szene den erotischen Showtanz, den eine Dita von Teese weltbekannt gemacht hat. Und dem Christina Aguilera und Cher in "Burlesque" ihre Ehrerbietung erwiesen. Bei Amalric heißen die Damen Mimi Le Meaux, Kitten on the Keys oder auch Dirty Martini, gecastet hat er sie auf internationalen Festivals. Mit Charisma gibt er selbst den abgewrackten, besessenen Tour-Manager der Truppe: Einst vor beruflichen und privaten Problemen in die USA geflohen, ist der zurückgekehrt, um sein Comeback zu feiern. Doch statt in Paris zu reüssieren, bleibt den Mädels nur der Trip durch die Provinz - und den Möchtegern-Macho holt der alte Ärger ein.

Kinotrailer: "Tournee"

Deutscher Erfolg fraglich

In langen, fast dokumentarisch wirkenden Bildern und ohne viel Dramaturgie fängt der Regisseur die triste Seite des Showbusiness ein. Austauschbare Hotels und Müdigkeit auf langen Zugfahrten, wenig Geld und schneller Sex auf der Toilette sind hier Alltag. Doch die energievollen Tänzerinnen lassen es sich nicht verdrießen - sie wollen Spaß und Erfolg. Bei spektakulär inszenierten Auftritten etwa in einer Diskothek im Industriegebiet werden sie umjubelt. Für ihren Manager kommt es dafür dicke: K.o. geschlagen landet er auf dem Pariser Straßenpflaster, als er dort um ein Engagement bittet. Die Mutter seiner Kinder weist ihn ebenso ab wie seine beiden Söhne.

Bindungs- und Ortlosigkeit zeichnet all diese Getriebenen aus, keiner scheint angekommen bei sich selbst. Das jedoch ist schon seit mehr als 100 Jahren ein Hauptthema westlicher Kunst. Und wenn Amalric seine Metaphern dann noch im Varieté findet, wie etwa der Maler Picasso zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wirkt das abgedroschen. Ebenso darf man seinen Verzicht auf eine richtige, runde Geschichte als wenig innovativ kritisieren. "Tournee" lebt von einer authentischen Sehnsuchts-Atmosphäre - und vom eigenwilligen Reiz der Burlesque-Szene. Was manche Cineasten daran begeistert, dürfte andere schlicht langweilen. Und einen Star-Bonus, der die Leute ins Kino lockt, hat Amalric in Deutschland noch nicht erreicht.

Ulrike Cordes, DPA / DPA