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Analyse: Fantasy-Helden und unsere Sehnsüchte

Sie zaubern, fliegen mit Glücksdrachen und leben in irrealen Welten. Und doch: Fantasy-Helden verraten viel über unsere ganz realen Sehnsüchte.

Zwischen hunderten Demonstranten, die in der Kälte auf den Castor-Transport warteten, lief er herum: ein Ork oder besser gesagt, ein mit roter Kapuze, Plastik-Maske mit zerfurchtem, drohendem Gesicht und verbreiterten Schultern gerüsteter Atom-Gegner. Auf seinem Schild stand: »Orks gegen Castor«.

Deutschland im Fantasy-Taumel. Doch warum eigentlich? Warum verkleiden wir uns nicht alle als James Bond, dessen Film auch gerade in den Kinos anläuft?

Ganz einfach: James Bond ist zu realistisch. Er kann weder zaubern, noch sich unsichtbar machen, noch fliegt er mit einem Flugdrachen namens Fuchur um die Welt. Fantasy-Helden können Dinge, die wir Leser oder Kinobesucher nicht können, aber die wir gerne können würden: fliegen, Feinde weg zaubern, ganze Welten vor dem Untergang erretten. »Wir identifizieren uns mit den Fantasy-Helden und das dient der Kompensation«, weiß Prof. Wolfgang Biesterfeld, Spezialist für Fantasy-Literatur an der Universität Kiel. »Fantasy-Helden befriedigen unsere Sehnsucht nach Übernatürlichem.«

Und diese Sehnsucht nach dem Übernatürlichem ist uralt: Die alten Griechen lauschten Homers Abenteuern. Später erzählte man sich am Herdfeuer die Nibelungensage. Und heute tauchen wir eben nicht mehr in die Welt von Siegfried ein, sondern fiebern mit Frodo aus dem »Herr der Ringe« mit: »Gerade in unserer areligiösen Zeit kann auch die Religion das Bedürfnis nach Übersinnlichem nicht mehr befriedigen,« erklärt Wolfgang Biesterfeld. »Die modernen Fantasy-Romane sind der Ersatz für Sagen und Märchen und alle anderen Formen der Volkspoesie.«

In den 70er Jahren ging es los mit der Fantasy-Faszination der Deutschen. Damals erschien »Der Herr der Ringe« als Taschenbuch. In den achtziger Jahren befriedigten »Momo« und die »Unendliche Geschichte« die Sehnsucht nach dem Übersinnlichen. Die beiden Romane von Michael Ende hatten einen zeitlichen, sogar philosophischen Bezug: In Momos Welt wollten alle Menschen plötzlich Zeit sparen und Momo musste gegen graue Männer kämpfen, die den Leuten die Zeit stahlen. Bastian, der Held aus der »Unendlichen Geschichte« musste Phantásien erretten, die Welt der Phantasie, die vom »Nichts« bedroht wurde, weil sich immer weniger Menschen mit der Phantasie beschäftigten. »Der magische Bereich des Imaginären ist eben Phantásien, in das man ab und zu reisen muss, um dort sehend zu werden. Dann kann man zurückkehren in die äußere Realität, mit verändertem Bewusstsein, und diese Realität verändern oder sie wenigstens neu sehen und erleben,« sagt Michael Ende, Autor von »Momo« und »Unendliche Geschichte«.

»Harry Potter ist einfacher«, sagt Wolfgang Biesterfeld. »Hier geht es nicht darum, die Phantasie zu retten, sondern es ist einfach nur eine Geschichte eines außergewöhnlichen Jungen, der Zaubern gelernt hat und seine Widersacher erledigt.« Ohne eindeutigen zeitlichen Bezug fällt es bei Harry Potter noch leichter, den Alltag zu vergessen, können Leser und Kinobesucher noch tiefer in eine andere, phantastische Welt eintauchen. Das erklärt vielleicht auch, warum Fantasy gerade in Zeiten einer wirtschaftlichen Krise so beliebt ist.

Die phantastische Welt, in die wir auf Seiten der Helden eintauchen, ist einfacher und klarer als die Wirklichkeit: »In Fantasyromanen kämpft stets Gut gegen Böse. Das ist wie bei der Religion, wo das Göttliche gegen das Teuflische kämpft«, sagt Fantasyliteratur-Experte Biesterfeld. Junge Helden erretten ihre Welt dann vor dem Bösen.

Und die Identifikation mit Fantasy-Helden ist leicht: »Im Vergleich mit anderen literarischen Helden bleiben sie relativ blass. Sie besitzen keine ausgeprägten Charaktereigenschaften«, weiß Wolfgang Biesterfeld. »In weniger profilierte Charaktere kann man leichter hineinschlüpfen.« Es sind ihre Requisiten, die sie unterscheiden: Harry Potter besitzt Flugpulver und Zauberstock. Frodo aus dem Herr der Ringe kann sich mit seinem Ring unsichtbar machen.

Trendforscher glauben, dass der Fantasy-Rummel auch die nächsten Jahre anhalten wird: »Die phantastischen Welten der Fantasy-Figuren befriedigen die Sehnsucht der Menschen nach übersinnlichen Kräften und starken Naturerlebnissen in einer ansonsten von rationalen Prinzipien geprägten Welt«, meint Corinna Mühlhausen, Trendforscherin des Münchner Zukunftsinstituts. »Kinder erleben eine Figur wie Harry Potter als symphatisches Vorbild, dem es nachzueifern gilt. Und Erwachsene finden in den zauberhaften Fantasy-Welten eine willkommene Abwechslung zu den Problemen ihres Alltag. Aus diesem Grund wird der Fantasy-Boom auch im nächsten Jahr anhalten und mit neuen magischen Motiven genährt werden.«

Anke Dörrzapf