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Anke Engelke: Frau Schmidt saust ins Quoten-Tal

Die Erwartungen waren baumhoch, entsprechend tief ist sie gefallen: Anke Engelke droht mit ihrer Late-Night-Show zu scheitern. Schuld ist ein falsches Konzept - und ein bisschen sie selbst.

Die Stille nach dem Gag kann grausam sein. Wenn das Klatschvieh im Kölner Studio, obschon aufs Äußerste beömmelungsbereit, es wieder mal nicht ticken will. Den Lacher verweigert oder ihn erst rauslässt, nachdem Frau Anke ihre Kleinmädchenschnute zieht, signalisierend: Leute, das war jetzt aber ziemlich komisch!! Ladykracher? Feuchte Böller sind das, in die Pfütze geplumpst mit der Zündschnur voran. Da stellen sich dem Zuschauer die Nackenhärchen auf, als erlebte er eine missglückte Aufführung beim Feuerwehrball.

Besonders peinlich das Ganze, weil Anke Engelke ja eigentlich eine Gute ist, Insel in einem Ozean von 7-Tage-7-Köpfe-Stumpfsinn. Wer sie am roten Teppich bei der Oscar-Verleihung gesehen hat, schlagfertig & saufrech, oder als Widerpart von Ollie Dittrich in den genialen "Blind Date"-Experimenten des ZDF, dem tut es weh, zu sehen, wie sich die legitime Erbin von Diether Krebs null und nichtig macht.

Andererseits: selbst schuld. Auf dem heißen Stuhl des hl. Harry lässt man nicht ungestraft Scherzkrepierer los wie: "Reiner Calmund ist zurückgetreten, er hatte wahrscheinlich zu viel am Hals." Verlegenes Hüsteln im Studio, Nachschlag: "Wenn er überhaupt einen hat." Ja doch, Anke! Verstanden! Es handelte sich um einen Gag, nicht wahr? Wenn das "tagesaktuelle Comedy" ist, wie sie uns der Sender versprach, hat Mike Krüger die Neue Frankfurter Schule gegründet.

Klar ist, Anke E.

versucht eine Kopie der "Harald Schmidt Show". Dass sie das nicht kann, ist inzwischen ebenso klar. Ob sie's noch lernt, diskutiert die Medienmeute seit zwei Wochen. Und gibt großzügig Tipps. Anke soll bessere Gag-Schreiber anheuern, interessantere Gäste einladen, die totgerittenen Straßeninterviews streichen, die talentfreie Band feuern, mehr Rollen-Sketche einbauen. Und, und, und.

Alles vergebens, steht zu fürchten. Ein nächtliches Feuerwerk aus Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung, gar eines, "wo Angela Merkel ihre Kanzlerkandidatur bekannt gibt" (Sat-1-Chef Roger Schawinski), wird diese Sendung nie. Entertainment auf der Schnittstelle zum politischen Kabarett liegt Lichtjahre jenseits von Ankes Universum. Wenn sie Wörter wie "Ausbildungsplatzabgabe" in den Mund nimmt, klingt das so authentisch, als würde Frau Merkel "ficken" sagen. Das genuin Gemeine, glaubwürdig Fiese von Dirty Harry geht ihr gänzlich ab. Der bekennende Katholik Schmidt führte am liebsten seine eigene Szene vor, die der Gutmenschen, Ökofittis, Warmduscher, Feuilletonkasper. Und Engelke? Witzelt Anno Domini 2004 über den Papst, der keine Frau hat. Unterirdisch. Schmachvoll. Jämmerlich.

Mittlerweile folgen die Zuschauer der Linie der Kritik: Die Quoten sind mies, immer häufiger unter dem Sat-1-Senderschnitt (im Mai 11,2 Prozent). Auf dem Tiefpunkt der vergangenen Woche schalteten nur 840.000 Gutwillige bei Anke ein.

Doch es geht nicht nur um Quote. Die schwankte auch beim Vorgänger anfangs fast täglich zwischen Top und Flop. Schmidt jedoch besaß Kredit, weil er als Premiummarke für den Privatsender fungierte, in dem sich ansonsten unfreiwillige Witzbolde wie der "Akte"-Moderator Meyer tummeln. Schmidt zog die begehrte Zielgruppe der jungen, gebildeten, gut verdienenden Männer an Land. Anke, so wissen die Mediaexperten, lockt zwar nicht gerade Proll-Potatoes auf die Couch. Doch die unter 30-jährigen Typen mit Geld hat sie vorerst verschreckt. Anke wird mehr von Frauen geguckt, ihre Zuschauer verdienen auch schlechter als die ihres Vorgängers. So aber hatte die Werbewirtschaft nicht gewettet. Jetzt verlangen die ersten Agenturen Preissenkungen.

Es würde der Show

nicht mal etwas nützen, wenn intelligentere Scherzbergwerker bessere Gags lieferten. Das Problem hört auf den Namen Anke. Ein kluger Mensch hat mal geschrieben, es habe nur einen einzigen James Bond gegeben. Weil nämlich allein Sean Connery das Flair des Gefährlichen besaß, das man mit einem Killeragenten verbindet. Und nur einem wie Harald Schmidt nimmt man die wunderbare Sottise ab, der Potsdamer Platz sehe aus, "als wären die Ceau­escus kurz vor dem Erschießen noch mal zu Geld gekommen". Sitzt bei ihm wie angegossen. Für eine derart erlesene Gemeinheit lohnt sich das Aufbleiben. Selbst wenn Engelke was Ähnliches einfiele: Man glaubte es ihr einfach nicht. Sie hat nicht das Gesicht dafür.

Dem Sender fehlt ein Rezept für die täglich rund 90.000 Euro teure Show. Selbst der Schweizer Roger Schawinski legt seine anfängliche Anke-Begeisterung ("Ich bin euphorisch") langsam ab. Sie müsse "Rituale" ins Programm bringen, wie Schmidt dies getan habe, rät er: "Die dicken Kinder von Landau oder seine Chinesen - in dieser Art braucht Anke Engelke auch etwas."

Doch intern weiß man längst: Eigentlich müsste Engelke die Sketche selbst spielen, drei oder vier am Tag davon produzieren. Das ist ihre Stärke. Doch dafür bleibt neben der Show zu wenig Zeit. "Das ist vom Arbeitsaufwand her nicht zu schaffen", sagt ein Sat-1-Insider. So blieben nur zwei Möglichkeiten: Entweder, man befreit Engelke endlich aus dem Schmidt-Korsett und schneidet eine Comedy-Late-Night auf sie zu. Oder man belässt es bei dem klassischen Format. "Dann muss man sich fragen, ob Anke die Richtige ist." Solange sie Frau Schmidt spielt, kann sie nur verlieren.

Wolfgang Röhl/Johannes Röhrig