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TV-Kritik

"Axolotl Overkill" im Ersten: Helene Hegemanns Skandalbuch wird zum Kunstfilm

Das Buch "Axolotl Roadkill" entfachte 2010 einen Skandal und katapultierte Helene Hegemann plötzlich in die Rolle, "Stimme ihrer Generation" zu sein. Die ARD zeigt nun die Verfilmung des Romans.

Axolotl Overkill

Jasna Fritzi Bauer als 16-jährige Mifti in dem Helene-Hegemann-Film "Axolotl Overkill": 

Es war die literarische Sensation der Saison: 2010 hatte Helene Hegemann mit nur 17 Jahren ihren Debütroman "Axolotl Roadkill" vorgelegt - und der deutsche Feuilleton stand Kopf. Die Geschichte der 16-jährigen Mifti, die sich nach dem Tod ihrer Mutter ins Berliner Nachtleben stürzt, Drogen nimmt und Sex hat, wurde von den zumeist mittelalten, männlichen Kritikern als symptomatisch für die Jugend von heute gesehen - oder das, was sie in ihren Herrenphantasien dafür halten. Hegemann kam in diesem Gedankenspiel die Rolle der "Stimme ihrer Generation" zu.

Eine Rolle, die sie von Anfang an abgelehnt hat - und die einer eher oberflächlichen Interpretation des Buches entsprungen ist. Denn tatsächlich geht es gar nicht um das endkrasse Porträt einer hemmungslosen Jugend, die außer saufen und ficken vom Leben nichts erwartet. Tatsächlich verbirgt sich hinter den Schilderungen der Exzesse die traurige Geschichte eines Mädchens auf der Suche nach Halt und Zuneigung. 

Helene Hegemann verzichtet auf Sexszenen

"Axolotl Overkill" verdeutlicht diese Lesart des Buches. Für die Verfilmung ihres Romans verzichtet Hegemann auf voyeuristische Sexszenen und auf hektische Stroboskop-Bilder des Berliner Nachtlebens. Auch Drogensucht ästhetisierende Aufnahmen von Heroinspritzen erspart die Regisseurin dem Zuschauer. Dafür bekommt die Geschichte eine deutlich melancholischere Stimmung. Mifti, genial verkörpert von Jasna Fritzi Bauer, erscheint durch ihr sensibles Spiel gerade nicht wie eine abgestumpfte Jugendliche, die schon längst den Glauben an Werte verloren hat. Sondern, im Gegenteil, wie ein zwar sehr früh gereifter Mensch, in dem eine starke Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit schlummert, und der hinter der coolen Oberfläche sehr verletzlich ist.

Zusammen mit ihrer Freundin, der durchgeknallten Schauspielerin Ophelia (Mavie Hörbiger), versucht sie ihren Kummer zu betäuben. Der resultiert aus einer unglücklichen Liebe: Sie trauert noch immer ihrer Affäre mit der deutlich älteren Alice (Arly Jover) hinterher, die irgendwann einfach aus ihrem Leben verschwunden ist.
Ansonsten passiert nicht viel in diesem Film. Der Film zeigt - kunstvoll montiert - Szenen aus dem tristen Leben der Protagonistin, die zusammen mit ihrem Bruder bei ihrer älteren Schwester lebt. Denn die Mutter ist tot, während der intellektuell-bornierte Vater mit seiner neuen Freundin außerhalb der Stadt wohnt.

Oliver Polak und die Ghetto-Faust

Mehr ist es gar nicht, was auf der Handlungsebene geschieht. Was den Film sehenswert macht, ist die Stimmung, die er transportiert. Die gerade nicht stellvertretend für eine Generation steht, sondern einen besonderen, feinfühligen Menschen zeigt, dessen Bedürfnisse der kapitalistische Betrieb nicht befriedigen kann.

Wem das nicht Grund genug ist: Oliver Polak als Tierhändler im roten Trainingsanzug ist eine Wucht. Er verkauft Mifti nicht nur den titelgebenden Axolotl, sondern findet auch eine der besten Beschreibungen dafür, was in der Welt nicht stimmt: Er gebe anderen zur Begrüßung die Ghetto-Faust, weil er nicht wisse, ob die sich nach dem Toilettengang die Hände waschen. Wie soll in einer solchen Welt ein 16-jähriges Mädchen irgendeine Gewissheit haben?

Im Rahmen der Reihe "Filmdebüt im Ersten" zeigt die ARD "Axolotl Overkill" in der Nacht auf Mittwoch, 12. Juni, um 0.50 Uhr.

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