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Deutscher Fernsehpreis: Zehn Schwächen des deutschen Fernsehens

Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreis vergewissert sich die Branche ihres Könnens. Kritiker streiten über Kategorien oder Nominierungen. Wichtiger ist eine realistische Gesamtbilanz.

Von Bernd Gäbler

Anlässlich des Fernsehpreises betonen die Fernsehmacher gerne, es würde kein besseres Fernsehen geben als das deutsche. Tatsächlich ist es nicht so gut, wie die Branchenvertreter glauben machen. Aber es ist auch nicht so schlecht, wie es manche Kritiker hinstellen. Schon gar nicht wird es immer schlechter oder war früher alles besser. In der mittleren Tonlage einer realistischen Beurteilung soll gleichwohl auf Defizite hingewiesen werden.

Nach wie vor ist die

Politikberichterstattung

zu sehr Parteien-fixiert. Obwohl sich alle Sender vorgenommen haben, nicht nur die parteipolitische Oberfläche aktuell zu erfassen, sondern Augen und Ohren, Kameras und Mikrofone zu öffnen für tiefer wurzelnde gesellschaftliche Bewegungen, gelingt dies zu selten. Es gibt zwar immer wieder einzelne tolle Dokumentationen (zum Beispiel "Aghet - Ein Völkermord"/NDR), gute Porträtfilme ("Steinbrücks Blick in den Abgrund"/ARD oder "Henners Traum"/ZDF). Aber die Verlinkung zwischen tagesaktueller Berichterstattung und dokumentarischen Formen klappt nicht. Auch die Sprache in den tagesaktuellen Sendungen wird unpräziser. Die gesellschaftliche Debatte ist weg von den Magazinen hin in die Talk-Formate gerutscht. Das unterwirft sie zu sehr dem Schielen nach Quoten und dem Mainstream.

Die Berichterstattung weitet kaum den Horizont

Das bedeutet: Gesundheit und Rente läuft als Debattenthema immer, schon Afghanistan oder gar "Google Street View" erscheinen den Redaktionen als Risikothemen. Es mag sein, dass dieser Trend zu "älteren Themen" auch dadurch unterstützt wird, dass Sat.1 und RTL aus dem Polit-Talk ausgestiegen sind. Fast immer - sei es bei den Schulabstimmungen in Hamburg oder den Protesten zu Stuttgart 21 - kommen die fürs bundesweite Senden zuständigen Redaktionen zu spät. Das Fernsehen zeigt Konflikte, aber selten, wie sie entstehen. Trotz Globalisierung und einzelner kritischer Filme dazu ("Schmutzige Schokolade"/ARD, "Somalia - Land ohne Gesetz"/ZDF, "Die Kik-Story"/ARD) weitet die Politikberichterstattung kaum den Horizont. Der Grundgestus beim Blick auf Asien und Afrika ist immer noch folkloristisch und touristisch.

Fernsehen dient natürlich nicht nur der Information, sondern ist eine große Unterhaltungsmaschine. Dabei ist die

Show-, Quiz- und Abendunterhaltung

optisch opulenter geworden, stagniert aber inhaltlich. Es dominiert ein Pilawa-Plasberg-Kerner-Hirschhausen-Einheitsbrei, in dem wechselweise Rosi Mittermaier/Christian Neureuther, Anna Loos/Jan-Josef Liefers, Gülcan Kamps oder Simone Thomalla Belangloses raten. Die "große Unterhaltung" ist weitgehend mut- und ideenlos. Man stelle sich einmal ein "Quiz der Deutschen" mit Helene Hegemann/CharlotteRoche/Lady Bitch Ray auf der einen Seite und Thilo Sarrazin/Arnulf Baring/Bernhard Bueb auf der anderen vor, also freche junge Frauen vs. alte Grantler, wie sie immerhin in regelmäßigem Wechsel die Bestseller-Listen anführen. Undenkbar! Es bleibt dabei, dass Stefan Raab mit "Schlag den Raab" den Ideenwettbewerb auf diesem Sektor turmhoch anführt.

Viele Serien sind routinierter Programmfüllstoff

Schmerzhaft bleibt auch die Qualitätsdifferenz zwischen deutschen und amerikanischen Serien. Gute US-Serien wagen besondere Charaktere ("Dr. House", "Monk"); sind dicht geschrieben ("Grey's Anatomy", "Mad Men") und nähern sich ästhetisch immer mehr dem Kino an. Zwar gab es mit "Weissensee" (ARD) auch im deutschen Fernsehen endlich einmal eine Serie mit tollen Schauspielern und fest umrissenem Sujet (DDR der 80er Jahre) und mit "Danni Lowinski" (Sat.1) einmal eine sympathische "working class"- Heroine, aber all die Nachmittags-, Herzschmerz-, Tierarzt-, Winzerkönigs- und Krankenhaus-Serien wirken doch immer noch wie von der Ökonomie diktierter routinierter Programmfüllstoff.

An die Stelle der journalistischen Untersuchung der Wirklichkeit oder ihrer künstlerischen Aufbereitung ist über weite Programmflächen hinweg die so genannte

"scripted reality"

("Mitten im Leben"/RTL; "Familien im Brennpunkt/RTL u.v.a.m.) getreten. Die ist kostengünstig zu haben. Auch ist es leichter, Spannungsbögen zu erfinden als sie in der Realität zu erforschen. Diese Entfiktionalisierung führt aber keineswegs zu einem Mehr an Wirklichkeit. Eher wird diese gemäß der Seherwartungen zurecht gebogen. Oft sind die Erwartungen, die bedient werden, aber schlicht Vorurteile. Weniger Journalismus und weniger Kunst führen leider häufig zu billigem "Ressentiment-TV".

Noch immer nicht vollständig zu überblicken sind die gesellschaftlichen Folgen des allgegenwärtigen Castings. Dass Probanden hier permanent genötigt werden, "alles geben" zu wollen, mag noch als populäre Ausformung der Leistungsgesellschaft gedeutet werden. Emotionale Identifikation wie Häme sind möglich. Was aber ist genau jeweils der Inhalt der harten Exerzitien? Meistens fordern Sendungskonzept wie Juroren eine Mischung aus umfassender Anpassung an absurde "challenges" und gleichzeitige Selbstbehauptung. Diesem pubertären Paradox sind nur wenige gewachsen. Emotionale Intelligenz und Sensibilität stehen meist nicht auf dem Lehrplan der Casting-Shows. Die Juroren prägen auch einen neuen kommunikativen Habitus: gerne setzen sie "unverblümt" mit "unverschämt" gleich.

Keineswegs auf dem Rückzug sind

Comedy und Kabarett

. Als besonders innovativ erwies sich hier ausgerechnet das ZDF. Sowohl "Neues aus der Anstalt" wie die "heute-show" sind hinreichend bissig, um im deutschen TV herauszuragen. In der Comedy scheint die künstlerische Anstrengung etwas nachzulassen zugunsten der abgefilmten Live-Auftritte. Was mit Mario Barth begann, setzt sich längst über Cindy aus Marzahn fort bis hin zu Horst Lichter und dem "Hundeprofi" Martin Rütter. Es gibt kaum ein anderes ähnlich kosteneffektives Programm wie so ein Stündchen Solo-Mitschnitt.

Bildung und Kultur werden an den Rand geschoben

Ähnlich wie das dokumentarische Fernsehen durchaus immer wieder sehenswerte Produktionen hervorbringt, ergeht es auch der klassischen Kulturberichterstattung. Auch wenn vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender zahlreiche Anstrengungen unternehmen, um ihren Ursprungsauftrag noch wahrzunehmen, ist es doch nicht nur "gefühlte Wahrheit", dass Bildung und Kultur an den Programmrand oder in die Spartenprogramme geschoben werden.

Nach Marcel Reich-Ranicki und Elke Heidenreich gibt es nur noch marginale Büchersendungen ("Druckfrisch"/ARD, "Die Vorleser"/ZDF). Kinokritik ist fast verschwunden; fürs Theater ist ohnehin die Sparte da. Ob ZDF neo für jüngere TV-Formen und Inhalte eine ähnliche Alibi-Funktion hat oder tatsächlich das ZDF inspiriert, ist noch offen. Eher als deren Eigenproduktionen verblüfft aktuell, dass es diesem digitalen Kleinsender gelungen ist, Liebhaber-Serien wie "Mad Men" oder "30 Rock" zu kaufen. Dies mag auch ein Zeichen für die Verzagtheit der anderen sein.

Auch wenn es Experimente gibt wie Dominik Grafs Serie "Im Angesicht des Verbrechens", die sehr komplexe ZDF-Produktion "KDD", immer wieder auch hervorragende Einzelausgaben des "Tatort" oder große Fernsehfilme (etwa "Zivilcourage"/ARD), gute Drehbücher, Regisseure und Schauspieler - der sich erholende deutsche TV-Markt ist zur Zeit dennoch nicht die Wiege für

fernseh-ästhetische Neuerungen

.

Dies hat strukturelle Gründe. Das duale System von öffentlich-rechtlichen Sendern und privaten Konkurrenten hat sich stabil etabliert - mit leichten Verschiebungen zugunsten der öffentlich-rechtlichen Anbieter. Die erste Generation dieser Systemstabilisierung - Leo Kirch, Dieter Stolte, Helmut Thoma, Fritz Pleitgen, Jobst Plog, Günter Struve - ist abgetreten. Das Management hat sich einerseits weiter professionalisiert, ist andererseits aber noch stärker für Images, Audience Flow, Programmplanung, Verträge und Lobbyarbeit eingespannt. Auch wenn die ewige Klage vom alles blockierenden sturen Routine-Redakteur ein Märchen ist, auch wenn es mit Bettina Reitz (BR, demnächst degeto), Gebhard Henke (WDR), Reinhold Elschot (ZDF), ja sogar dem wieder installierten Sat.1-Chef Andreas Bartl und vielen anderen immer wieder Programm-Macher gibt, die auf Qualität und substanzielle Neuerungen drängen, ist die zweite duale Manager-Generation weiter abgerückt von den kreativen Zentren. Zu oft wird das Kreative abgeschoben in die Zulieferbetriebe.

Der deutsche Fernsehmarkt bietet kaum Raum für

Pay-TV

, jedenfalls nicht für ein Bezahl-Fernsehen mit nennenswerten Eigenproduktionen. So ist es fast unmöglich, auch für kleinere Publika viel Aufwand zu betreiben. Darum sind die Prime Time, das Show-Geschäft, die Serien und "Event-Filme" so stark vom Reichweiten-Kalkül durchdrungen, das wenig kunstfreundlich ist und selten den Eigensinn hervorkitzelt. Vielleicht hat sich die Lage nach der Werbekrise jetzt schon wieder zu sehr beruhigt, um schöpferische Ressourcen zu wecken. In der deutschen Fernsehlandschaft gibt es immer wieder einzelne schöne Blüten, aber die Phase der Konsolidierung ist insgesamt auch etwas langweilig.

  • Bernd Gäbler