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Plagiatsvorwurf: Die Nöte des Dr. Axolotl zu Guttenberg

Was ist falsch? Was ist echt? Seinen Doktortitel wird Minister zu Guttenberg wohl behalten, aber sein Hochglanz-Image leidet. Peinlich, dass gerade ein Politiker Einschätzungen abschreibt.

Von Florian Güßgen

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: "Wie, Guttenberg hat die Bibel doch nicht selbst geschrieben", ätzt User "n303n" auf Twitter. "Wann entlässt Guttenberg seinen Doktorvater? Der hat ihn unzureichend informiert", schreibt "publictorsten". Und Nutzer Markus Trapp mutmaßt in einem Tweet: "Stephanie zu Guttenberg wird die Plagiatsvorwürfe in einer Sonderausgabe von "Tatort Internet' schonungslos aufklären."

Es ist schon ein grandios süffiger Scoop, den die "Süddeutsche Zeitung" heute veröffentlicht hat. Demnach hat Polit-Star und Verteidigungsminister, hochwohlgeboren Doktor Karl-Theodor zu Guttenberg, bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben, an mindestens drei Stellen - und ist dabei von einem Bremer Jura-Professor ertappt worden. Hatte die Textklauerei Helene Hegemanns für ihren Bestseller "Axolotl Roadkill" die Literaturszene aufgewühlt, dürfen sich nun das politische Berlin und die gesamte Republik an der Dissertation von Dr. Axolotl zu Guttenberg ergötzen.

"Der Vorwurf ist abstrus"

"Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", verteidigte sich der Minister am Mittwoch. Er sei jedoch bereit zu prüfen, "ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Schlampereien, soll das heißen, kann's ja gegeben haben, ärgerliche Fehler. Sorry. Aber, so die Botschaft, man möge doch die Kirche bitte im Dorf lassen: Drei Fehler, drei vergessene Quellenangaben, sagen nichts aus über die Qualität einer Arbeit. Er werde eventuelle Fehler in einer Neuauflage korrigieren lassen, beschied Guttenberg. Und tatsächlich: Es ist unwahrscheinlich, dass ihm die Plagiatsvorwürfe, selbst wenn im Einzelfall nachgewiesen, den Titel kosten werden.

Dennoch ist die Sache hochnotpeinlich - und sie kann sich für Guttenberg zu einem ernsthaften Problem ausweiten. Denn es ist mehr als ein akademischer Fauxpas, mehr als ein bloßes Kavaliersdelikt, abzuschreiben, ohne auf die Quelle zu verweisen. Es ist ein handfestes akademisches Vergehen, zumal Guttenberg nicht irgendeinen Fakt, irgendein Zitat abgekupfert hat, sondern eine "Bewertung". Es ist natürlich eine wunderbare Ironie, dass ausgerechnet ein Politiker aus einer ausdrücklich christlichen Partei, der CSU, seine Einschätzung über den Gottesbezug in einer europäischen Verfassung aus der Zeitung, der "NZZ am Sonntag" abpaust. Wenn der Mann schon solche grundsätzlichen Urteile "re-mixed": Wofür steht der dann eigentlich? Was ist Schein, was ist Sein?

Adel und Titel als flankierendes Dekor

Die Frage drängt sich umso mehr auf als Guttenberg einer ist, der sich als Polit-Star bewusst inszeniert hat. Er ist, im Duett mit Gattin Stephanie, ein Meister der Bilder, ein Meister der Wirkung. Er gibt den Politiker des klaren Wortes, des gesunden Menschenverstandes. Darauf beruht seine Popularität, im Volke aber auch in der Union, in der CSU genauso wie in der CDU. Adelige Herkunft und akademischer Titel sind da flankierendes Dekor, aber in ihrem gesellschaftlichen Wert nicht zu unterschätzen.

Dabei hat das Guttenberg-Image in der Vergangenheit schon erhebliche Risse bekommen. Kurz nach seinem Amtsantritt als Verteidigungsminister im Herbst 2009 entließ Guttenberg im Zuge der "Kundusaffäre" in Afghanistan hoppladihopp seine Staatssekretär Peter Wichert und den Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Vorschnell, überhastet, wie ihm bis heute vorgeworfen wird, jedenfalls keinesfalls überlegt. Im vergangenen Dezember zog er Kritik auf sich, als er nicht nur Showmaster Johannes B. Kerner für eine Sendung vor soldatesker Kulisse mit nach Afghanistan nahm, sondern auch seine Frau Stephanie. Ist hier Image alles?, lautete die Kritik. Im Januar dann der nächste Fauxpas. Bei der Aufklärung der Vorwürfe gegen die Führung des Marine-Schulschiffs "Gorch Fock" wurde ihm nicht nur eine schlechte Informationspolitik gegenüber dem Bundestag vorgeworfen, sondern auch, dass er Norbert Schatz, den Kapitän des Schiffs vorschnell gefeuert habe. Die Nummer mit der in Teilen abgekupferten Dissertation ist nun ein weiterer Riss im Image "KTs".

Musste es denn "summa cum laude" sein?

Und trotzdem sollte man die Plagiatsvorwürfe politisch nicht überbewerten. Trotz aller Süffisanz wäre es zu billig, Guttenberg alleine auf seinen Hang zu Selbstinszenierung zu reduzieren. Politik, gerade die internationale, ist oftmals eine Sache von Auftreten, von Stil und Tonlage, bei näherer Betrachtung von viel Schein. Und das kann Guttenberg wirklich gut: Als Verteidigungsminister gekonnt und kompetent auf Englisch parlieren, sich auf internationalem Parkett bewegen. Auch die von Gutenberg angepackte Reform der Bundeswehr, die De-facto-Abschaffung der Wehrpflicht, ist eine Leistung, bei der Guttenberg inhaltlich aber auch mit seiner Polit-PR überzeugt hat.

Zudem ist Guttenberg sicher nicht der einzige Politiker, schon gar nicht der einzige Mensch, der eher aus Gründen der Eitelkeit und des Prestiges denn aus Gründen der akademischen Neugier nebenbei mal schnell eine fragwürdige Dissertation aus dem Hut gezaubert hat. Ob die dann unbedingt auch noch ein "summa cum laude" bekommen muss und ob es im Zeitbudget eines Abgeordneten oder gar eines Spitzenpolitikers nur rein theoretisch denkbar ist, dass der Doktorand sein Werk wirklich komplett selbst verfasst, das sind andere Fragen. Aber auch da darf man sich nichts vormachen: Nicht jeder Professor guckt immer ganz genau hin, ob das Werk seines Doktoranden wirklich nun ein Glanzlicht des wissenschaftlichen Fortschritts ist.

Aber selbst wenn die politische Bedeutung der Plagiatsvorwürfe nüchtern betrachtet werden muss, so gilt: Zu Guttenberg muss sich nun auch an seiner Dissertation messen lassen. Er muss erklären, unabhängig von dem Urteil des Obmannes der Bayreuther Universität, wie es sein kann, dass er es als Doktorand nötig hatte, Bewertungen schnöde aus Zeitungen abzukupfern. Und er muss mehr denn je beweisen, dass der ganze Politiker Guttenberg wirklich mehr ist als eine gekonnte Collage von Titeln, Phrasen und Inszenierungen. Irgendwann fliegt ihm sein Image sonst auch politisch um die Ohren.