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"Victoria" von Sebastian Schipper: Warum ein deutscher Film der Liebling der Berlinale ist

Die Berlinale hat seinen ersten Favoriten - und der kommt aus Deutschland. Sebastian Schippers "Victoria" begeisterte Zuschauer wie Kritiker. Und verzichtet dabei auf jeden Schnitt.

Von Carsten Heidböhmer, Berlin

Sebastian Schipper (2. v.R.) und die Schauspieler Franz Rogowski, Laia Costa und Frederick Lau (v.l.) bei der Premiere ihres Films "Victoria", der schon jetzt als heißer Anwärter auf den Goldenen Bären gilt

Sebastian Schipper (2. v.R.) und die Schauspieler Franz Rogowski, Laia Costa und Frederick Lau (v.l.) bei der Premiere ihres Films "Victoria", der schon jetzt als heißer Anwärter auf den Goldenen Bären gilt

Das Festival ist gerade mal drei Tage alt, und schon hat die Berlinale seinen ersten Favoriten auf den Goldenen Bären. Elf Jahre nach dem Triumph von Fatih Akins "Gegen die Wand" könnte erneut eine deutsche Produktion als bester Film ausgezeichnet werden. Der Film, der fast alle Zuschauer begeistert, stammt von dem deutschen Regisseur Sebastian Schipper ("Absolute Giganten"). "Victoria" erzählt die Geschichte eines Bankraubs in Berlin. Was den Film so besonders macht: Er ist in einer einzigen Einstellung gedreht. 140 Minuten ohne jeden Schnitt. Ein Vorgehen, das es in dieser Konsequenz und Radikalität noch nie gegeben hat. Welch ein Kraftakt!

Festivals mögen solche Experimente, weil sie neue Wege beschreiten, die Filmsprache erweitern und kommenden Generationen von Regisseuren neue Möglichkeiten an die Hand geben. In den seltensten Fällen ergeben derartige Experimente für sich einen guten Film. Schon Alfred Hitchcock arbeitete daran, einen Film in einer Einstellung zu drehen. Weil die Filmrollen 1948 nur zehn Minuten aufzeichnen konnten, musste er verdeckte Schnitte machen. Dem Film ist leider das Experimentelle anzumerken - "Cocktail für eine Leiche" gehört zu den schwächeren Werken in Hitchcocks Oeuvre.

Kraftvoll und mitreißend

Genau das ist aber das Wunderbare an "Victoria": Dem Film haftet nichts Experimentelles an, er kommt im Gegenteil wahnsinnig kraftvoll und mitreißend daher. Es beginnt gegen 4 Uhr morgens in einer Berliner Techno-Disco, wo die junge Spanierin Victoria (Laia Costa) vier Berliner Jungs kennenlernt (Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit und Max Mauff). Alle sind beschwingt und ausgelassen, natürlich ist auch Alkohol im Spiel, man ist jung und genießt das Leben. Wie schon in "Absolute Giganten" fängt Schipper diese jugendliche Unbeschwertheit wunderbar ein. Doch dann kippt diese Stimmung plötzlich, die Jungen werden in einen Bankraub verwickelt, Victoria lässt sich überreden, das Fluchtauto zu fahren. Und schon sind wir mittendrin in einem packenden Genre-Film, in dem der Zuschauer in Echtzeit Planung und Durchführung des Raubs verfolgt - immer begleitet von Sturla Brandth Grøvlens fiebriger Handkamera. Wie hier Ausgelassenheit in Angst, Euphorie in Panik umschlägt, alles durch die Echtzeit-Handlung motiviert, ist meisterhaft.

Insgesamt drei Mal ließ Sebastian Schipper seine Schauspieler und den Kameramann die Tortur der 140 Minuten durcharbeiten. Eine irre Konzentrationsarbeit: Passiert auch nur ein Fehler, ist die ganze Arbeit umsonst gewesen. Nach jedem Take sahen sich alle Beteiligten das Ergebnis an und verbesserten die Geschichte. Der dritte Take saß dann. Diesen Film zu sehen, so Schipper, sei für ihn ein bewegender Moment gewesen.

Doch wie kommt man auf die Idee, so ein Wahnsinnsvorhaben umzusetzen? "Wir hatten eine hirnrissige Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein", sagte der Regisseur auf der Pressekonferenz in Berlin. Gut möglich, dass ihm diese "hirnrissige Idee" einen Goldenen Bären einbringt.