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"Der gute Hirte": Untertauchen im System

Edward Wilson hat den amerikanischen Geheimdienst CIA aufgebaut. "Der gute Hirte" mit Matt Damon in der Hauptrolle zeigt die Wandlung Wilsons vom Studenten zum Topagenten, der mehr und mehr im eigenen System verschwindet.

Von Bianca Kopsch

Unauffälliger geht es nicht: grauer Hut, schnörkellose Brille, biederer Anzug. Matt Damon in der Rolle des CIA-Agenten Edward Wilson. Er wohnt in einem Vorort von Washington D.C., hat eine attraktive Gattin (Angelina Jolie) und einen wohlerzogenen Sohn. Er nimmt morgens den Bus zur Arbeit und - taucht ab ins System. Eine Geheimwelt, in der er durch den Aufbau des amerikanischen Spionagedienstes Central Intelligence Agency (CIA) die politische Zukunft seines Landes prägt. Gemeinsam mit unzähligen anderen farblosen Gestalten wie er selbst.

Es ist eine Geschichte über Patriotismus und Verrat, Selbstaufopferung und Verlust. Nichts ist so, wie es scheint. Hinter jeder Fassade verbirgt sich eine Ungewissheit. Und am Ende ist jeder allein. Das System, der CIA-Apparat, hält zwar wie ein "guter Hirte" seine Agenten-Schafe zusammen - aber jeden für sich isoliert. Es gibt weder wahre Freundschaft, noch echtes Vertrauen. Diese Botschaft wird in immer wiederkehrenden Variationen über fast drei Stunden Filmlänge ausgedehnt. Die Hälfte der Zeit hätte ausgereicht, um das zu vermitteln.

Matt Damon besticht durch Zurückhaltung

Doch die Langsamkeit ist hier Stilmittel: die unaufgeregte Erzählweise, die relative Ereignislosigkeit. Kein Glamour, wenig Action. Es ist ein Spionagefilm, der kein Thriller ist. Das ist das Besondere. Die CIA erscheint hier wie eine Behörde mit Agenten im Beamten-Style. Ein spannender Job sieht anders aus. Daraus einen packenden Film zu machen, ist eine harte Bewährungsprobe, die die Geduld des Publikums durchaus strapazieren kann.

Matt Damon spielt zurückgenommen, fast ohne emotionale Regungen die Entwicklung vom strebsamen, zurückhaltenden Literaturstudenten zu einem verschlossenen, ganz in seiner Arbeit aufgehenden Topagenten. Am liebsten würde man ihn manchmal schütteln, um eine Reaktion aus ihm herauszuholen. Aber Damon beherrscht seine ungewöhnliche Agentenrolle mit formvollendeter Passivität. Patriotismus ist für Edward Wilson selbstverständlich. Einsatz für wirtschaftliche Interessen in Lateinamerika gehört genauso dazu wie der Kampf gegen den Kommunismus während des Kalten Krieges. Geheimhaltung ist Ehrensache. Wilson funktioniert wie eine Maschine, im Einsatz für sein Vaterland - und verliert dabei sein eigenes, privates Leben.

Familienleben ohne Nähe

Von seiner Ehefrau, die Edward Wilson nicht aus Liebe, sondern aus Pflichtgefühl geheiratet hat, entfernt er sich im Laufe der Jahre immer mehr. Und auch seinem Sohn kommt er nie nahe. Die wenige Zeit, die er zu Hause, bei seiner Familie verbringt, sitzt er alleine in seinem Arbeitszimmer und führt flüsternd Telefonate - oder baut Flaschenschiffchen. Dabei wirkt er nicht einmal unglücklich. Das ist sein Leben, und er akzeptiert es so, wie es ist.

Weil die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, sondern in Rückblenden zwischen verschiedenen Zeitebenen von den 60er bis in die 30er Jahre zurückspringt, erfährt der Zuschauer schon am Anfang, wo Wilsons Agentenkarriere einmal hinführt. Unter seiner Verantwortung misslingt die "Operation Schweinebucht", die amerikanische Invasion in Kuba im Jahr 1961. Wilsons Ehrenkodex wird dadurch stark beschädigt. Das ist die Rahmenhandlung, in die die Entwicklungsgeschichte der CIA sowie Wilsons persönliche Agentenvita eingebettet ist. Als es Edward Wilson gegen Ende des Films schließlich gelingt, den internen Verrat an dieser Geheimoperation aufzuklären, bringt es nicht nur ihm selbst keine Entlastung, sondern seiner Familie auch noch zusätzlichen Schaden.

Menschlichkeit geht unter in dem System der Agentur

Vordergründig handelt "Der gute Hirte" von der Entwicklung der CIA, dem Aufbau eines Geheimsystems, das um die Macht in der Weltpolitik kämpft. Die Geschichte, die dahinter steht, ist jedoch die größere, bewegendere, die eigentliche. Sie erzählt von Entmenschlichung. Vom Abtauchen in einem System, das seine Mitglieder verschlingt, wie eine Herde die einzelnen Schafe. Persönlichkeit, Gefühle, alles das, was die Agenten als Menschen ausmachen könnte, geht unter in ihrem Leben für die Agency. In einer Spionagewelt, in der Ehefrauen und Kinder zu Statisten verkommen und Freundschaften zu einem abstrakten Begriff.

Robert De Niro kritisiert in seiner zweiten Regiearbeit, die auf seinen intensiven Recherchen mit CIA-Pionieren beruht, weniger die Arbeit und die Methoden des amerikanischen Geheimdienstes. Vielmehr fokussiert er sich darauf, was ein System aus Menschen machen kann. Er selbst führt bei dem Film nicht nur Regie, sondern spielt auch vor der Kamera eine kleine, aber wichtige Rolle: den Strippenzieher hinter den Kulissen - der Pate als Hirte gewissermaßen.

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