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"Gnade"-Regisseur Glasner im Interview Über Fahrerflucht und die Abgründe des Menschen


Als dritter und letzter deutsche Film wurde am Donnerstag der Film "Gnade" auf der Berlinale gezeigt. Im Interview erläutert Regisseur Matthias Glasner, was er Gnade und Schuld miteinander verbindet und warum er Menschen eher skeptisch begegnet.

Sein Drama "Der freie Wille" über einen Vergewaltiger sorgte bei der Berlinale 2006 für Kontroversen, nun kehrt Matthias Glasner mit "Gnade" in den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele zurück. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa erzählte der deutsche Regisseur, warum er Menschen und ihr Verhalten in vielerlei Hinsicht eher skeptisch sieht und was er mit Gnade verbindet.

In "Gnade" arbeitet die Figur von Birgit Minichmayr im Hospiz mit sterbenden Menschen. Dann begeht sie Fahrerflucht und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen - wie schon oft in den früheren Werken. Was reizt Sie an genau dieser Situation?

Glasner: "Ich finde eine Geschichte immer dann spannend, wenn sie in die Grenzbereiche führt. Was macht uns als Menschen aus? Was hat uns hierhin geführt? Das Thema Gut oder Böse interessiert mich dabei nicht so sehr. Wer bin ich zu urteilen, was gut oder böse ist? Ich bin auch nur ein Mensch. Ich kann aber schauen, was jemand gut kann oder wo seine Grenzen sind. Ich habe allerdings keine grundsätzliche Menschenliebe, ich bin eher skeptisch, was unsere Spezies angeht."

Was meinen Sie mit Skepsis den Menschen gegenüber?

Glasner: "Ich finde uns nicht so toll. Ich finde, dass wir sehr viel Mist bauen. Ich finde, dass wir uns sehr stark von unseren Schwächen und unseren Instinkten leiten lassen, nicht von unseren Stärken. Was wir uns zum Beispiel im Namen der Liebe immer wieder antun, ist ungeheuerlich. Was wir uns antun in Kriegen, wenn die Regeln nicht mehr gelten. Der Mensch an sich ist ein abgründiges Wesen."

"Gnade" stellt auch wieder die Frage nach Schuld. Wie wichtig ist Ihnen dieses Thema?

Glasner: "Wir haben ein sehr seltsames Verhältnis zur Schuld. Ich finde es falsch, mit einem schlechten Gewissen herumzulaufen. Dazu besteht ja kein Anlass, denn die anderen sind eigentlich auch nicht besser. Andererseits finde ich die Selbstgerechtigkeit von vielen auch sehr schrecklich. Also dieses Mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen. "Es ist schrecklich was DAS Land macht", "Es ist schrecklich was DIE Religion macht". Es geht in vielen Gesprächen darum, was die anderen falsch gemacht haben, dass sie Schuld haben: der Chef, der Arbeitskollege. Das beengt aber sehr. Man muss sich selber Schuld eingestehen, dann kann man sie anderen auch eingestehen. Dann gäbe es für alle mehr Luft zum Atmen. Das Thema Schuld beschäftigt mich also insofern, als dass ich denke, es würde uns mehr befreien, wenn wir uns von diesem Gedanken befreien könnten."

Welchen Einfluss kann Kino da haben?

Glasner: "Ich möchte das Kino nicht missbrauchen als moralische Instanz. Ich möchte nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen. Ich persönlich finde Filme spannend, in denen wir Reisen in unsere Abgründe machen. Wie zum Beispiel die von Lars von Trier, die finden andere anstrengend - ich finde das aufregend und unterhaltsam. Also sich zwei Stunden in einen dunklen Raum zu setzen, der Vorhang geht auf und man macht eine Reise. Das möchte ich auch meinen Zuschauern anbieten. Also etwas erleben, was sie sonst nicht erleben würden - und sich vielleicht auch selbst hinterfragen."

Ihr erster Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Der freie Wille" über einen Vergewaltiger wurde sehr kontrovers aufgenommen. Nun thematisieren sie Fahrerflucht. Möchten Sie Zuschauer bewusst herausfordern?

Glasner: "Das ist so eine Zwangsneurose von mir. Ich will da hin, wo ich beim Machen schon weiß, dass es Zuschauer geben wird, die das ärgert. Ich habe eine große Abneigung gegen diese vielen deutschen Filme, die wie für den Schulunterricht gemacht werden. Kino hat doch immer etwas von Jahrmarkt, da kommt es ursprünglich auch her. Ich selber bin durch Horrorfilme, Zombiefilme, italienische Gangsterfilme, japanische Horrorfilme zum Kino gekommen. Etwas von diesem Geist habe ich noch immer in mir. Kino ist eine Achterbahnfahrt, durch Gut und Böse, durch Spaß und Nicht-Spaß, durch Freude und Trauer. Es muss auf jeden Fall etwas mit mir machen."

Das Wort Gnade hat etwas sehr Wohlwollendes, ist aber auch christlich konnotiert. Warum haben Sie das zum Titel ihres Films gemacht?

Glasner: "Ich verbinde mit Gnade nicht unbedingt etwas Christliches oder überhaupt etwas Religiöses. Ich würde es gerne davon lösen, allein schon deswegen, weil ich glaube, dass wir in einer gottlosen Welt leben. Mit Gnade meine ich in diesem Fall daher auch "sich selber vergeben", auch um anderen vergeben zu können. Die Frau im Film zum Beispiel muss erkennen, dass ihre Fahrerflucht auch zu ihr gehört, nicht nur ihre Arbeit im Hospiz. Nur dann kann sie sich vergeben und auch erst dann können andere ihr vergeben. Nur so wird der Teufelskreis unterbrochen, wo auf eine Tat die nächste folgt."

Aliki Nassoufis, DPA DPA

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