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Realität auf der Berlinale: Skandal um Vergewaltigungszene

Auf der Berlinale stechen drei Filme hervor, in denen sehr realistisch Gewalt in Deutschland thematisiert wird. Detlev Bucks "Knallhart", Andres Veiels "Der Kick" und der höchst umstrittene Streifen "Der freie Wille".

Von Kathrin Buchner

Gleich am Anfang zeigt Regisseur Matthias Glasner in seinem Film "Der freie Wille" eine Vergewaltigungsszene. Die Szene ist sicher nicht brutaler als viele andere Gewaltsequenzen, die man tagtäglich im Kino oder im Fernsehen sieht. Aber die Art und Weise, wie sie gedreht wurde, schockiert. Denn es gibt kein Entkommen, keine schnellen Schnitte, keine Verzerrung, keine Distanz, keine Verkürzung: Die Kamera hält ununterbrochen drauf, wie der Täter die Frau vom Fahrrad reißt, sie in die Dünen schleppt, ihre Hände fesselt, ihr ins Gesicht schlägt als sie nicht aufhört zu schreien, ihre Hände mit Mullbinden aus dem Verbandskasten seines Autos fesselt, ihr die Kleider vom Körper reißt, sich ein Kondom überstreift und in die Hände spuckt um ihre Vagina zu befeuchten.

Während der eine Teil der versammelten Filmjournaille "Der freie Wille" schon als heißen Kandidaten für den Goldenen Bären handelt, ist der andere Teil schockiert und angewidert von den so realistisch gezeigten Gewaltszenen. "Gewalt-Sex schockt die Berlinale" titelt gar die Berliner Boulevard-Zeitung "B.Z.". Eine Redakteurin bekennt, sie "wollte gar nicht mehr hinsehen". Peinlich allerdings - das Szenenbild, dass diese Erfahrung der Reporterin illustrieren soll, ist falsch betitelt: Bei der auf der Straße liegenden, zusammengekauerten Frau handelt es sich nicht um ein Vergewaltigungsopfer des Protagonisten Theo Stör, sondern um seine Freundin. Sie krümmt sich vor seelischem Schmerz, nachdem er sie verlassen hat. Die "Süddeutsche Zeitung" unterstellt dem Regisseur gar, er sei "bemerkenswert frauenfeindlich", während "Die Welt" das Werk als "Wettbewerbshöhepunkt" bejubelt.

Dreharbeiten mit "viel Selbstekel"

Regisseur Matthias Glasner, der sich sechs Jahre auf den Film vorbereitet hat, interessierte das individuelle Schicksal eines Vergewaltigers. "Wir haben alles getan, um in dem Film nicht zu verallgemeinern", sagt Glasner, der das Drehbuch zusammen mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel verfasst hat. "Ich hoffe, dass die Zuschauer sagen werden, sie hätten einen Menschen kennen gelernt und nicht einen Vergewaltiger", so Glasner. Die Dreharbeiten seien "mit viel Selbstekel" verbunden gewesen, bekennt der Regisseur. Aber man müsse sich mit solchen Menschen eben auseinander setzen.

Zwiespältigkeit der Täter auch bei "Knallhart"

Auch Detlev Buck ging es in seinem neuen Werk "Knallhart" darum, die Vielschichtigkeit der Charaktere zu zeigen. Erol zum Beispiel, der Anführer einer Schulgang, der den Hauptdarsteller Michael gnadenlos schikaniert und verprügelt, ist bei Buck auch als Familienvater zu sehen, der seine Baby-Zwillinge im Kinderwagen durch Neukölln schiebt. Im Gegensatz zu der in düsteren Farben gehaltenen, ja fast dokumentarisch anmutenden Atmosphäre von "Der freie Wille" wirkt "Knallhart" in vielen Passagen fast komödiantisch-leicht, obwohl die Thematik im wahrsten Sinne des Wortes knallhart ist. Das liegt vor allem an der perfekt besetzten Crew, für die Buck ein Jahr lang gecastet hat.

Die Handlung ist schnell erzählt: Der 15-jährige Michael Polischka (David Kross) zieht mit seiner Mutter vom noblen Berliner Stadtteil Zehlendorf in den Multikulti-Stadtteil Neukölln. Dort wird Michael von der Schul-Gang um den Underdog Erol immer wieder verprügelt. Bis er die Bekanntschaft von Hamal macht, einem Drogenhändler im großen Stil, der Michael vor der Gewalt der anderen Gang schützt. Dafür muss der 15-Jährige allerdings als Dealer arbeiten.

Buck setzt Gewaltszenen pointiert und spärlich ein

Regisseur Buck beschränkt sich darauf zu zeigen, wie Michael das erste Mal richtig verprügelt wird und wie er mit einem Blecheimer auf den Kopf von einem Baseballschläger getroffen wird. "Es gab ja noch so viele andere Handlungsstränge zu erzählen, da wollte ich mich nicht unnötig lang mit Gewaltszenen aufhalten", so Buck. Dass ihm ein authentisches Bild von den Zuständen in Neukölln gelungen ist, und er eher unter- als übertreibt, bestätigt nicht nur Hauptdarsteller Erhan Emre, der im Nachbarstadtteil Kreuzberg aufgewachsen ist, sondern auch der Bürgermeister des Bezirks, Heinz Buschkowsky. "Das findet auf den Straßen alles statt. Dass junge Menschen zu Opfern der Gewalt werden, ihr hilflos gegenüber stehen und versuchen, dieser Situation auf welche Art auch immer zu entrinnen, ist kein Klischee", sagt Buschkowsky.

Kein Wunder, getarnt als Pisa-Beobachter hat Buck schließlich monatelang in den Klassenzimmern von Neukölln recherchiert. Schon im Vorfeld der Berlinale provozierte der Film eine Diskussion über die dortigen Zustände. Wobei Neukölln für Buck lediglich exemplarisch steht. Es könnte auch jeder andere Stadtteil irgendwo in Deutschland sein.

Sozialdrama, das völlig ohne Gewaltszenen schockiert

Obwohl das Thema des Films unglaublich brutal ist, wählt Regisseur Andres Veiel in seinem Film "Der Kick" eine völlig andere Darstellungsweise. Er drückt Gewalt lediglich mit Worten aus und kann gerade dadurch ganz hart an der Realität bleiben. In Form eines Theaterstücks, als das es auch ursprünglich geschrieben war, nur mit zwei Schauspielern, die in verschiedene Rollen schlüpfen und nur durch Mimik und Gestik zu unterscheiden sind, erzählt Veiel eine wahre Geschichte: nämlich die eines scheinbar grundlosen, brutalen Mordes zweier junger Männer an ihrem Bekannten.

Veiel, dessen Dokumentation "Black Box BRD" 2001 mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, hat sieben Monate lang in Potzlow recherchiert, hat Stimmen eingefangen und daraus die Dialoge montiert. Er hätte es als zynisch empfunden, "einen Film gegen Gewalt zu machen, indem diese Gewalt gezeigt wird" Deshalb ist er froh, dass die Zuschauer - zumindest auf der Berlinale - den Film sehr positiv aufgenommen haben. "Der Kick" läuft im September in den deutschen Kinos an.

So verschieden in der Form diese drei Werke sind, eins haben sie gemeinsam: Sie durchleuchten die Mehrdimensionalität der Täter, zeigen, wie schnell die Grenzen zwischen Opfer und Täter verschwimmen, und sind authentisch. Wer diese Filme sehen will, darf nicht erwarten, in Popcorn-Kino zu versinken, sondern wird sich auseinandersetzen müssen mit Deutschland im Jahre 2006.