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Burghart Klaußner - der deutsche Mann: "Man muss immer Partei ergreifen"

Burghart Klaußner ist fester Bestandteil der Besetzungslisten deutscher Filme. Sein Charakterkopf ist aber nicht nur für beeindruckende Rollen in der deutschen Geschichte gut. Der Mann hat auch etwas zu sagen.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Burghart Klaußner - mal Schiller, mal Spielberg

Wenn es um Charakterköpfe geht: Burghart Klaußner kann alles - von Schiller zu Spielberg

Wenn Burghart Klaußner auftaucht, wird es ernst. Zumindest auf der Bühne und im Film. Gerade ist der 65-jährige gebürtige Berliner in der Rolle des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zu sehen, der im Nachkriegsdeutschland dafür gesorgt hat, dass die Menschen nicht einfach vergessen, dass in ihrem Namen sechs Millionen Menschen ermordet worden sind: mit der Jagd auf Adolf Eichmann und mit den Auschwitz-Prozessen. "Der Staat gegen Fritz Bauer" sei ein Western, sagt Klaußner, der auch gerade mit Steven Spielberg und Tom Hanks gedreht hat. Spätestens Michael Hanekes "Das weiße Band", diese unvergessliche Studie über Kindererziehung im Prä-Faschismus, hat sein markantes Gesicht unvergesslich gemacht.

Burghart Klaußner als hessischer Generalstaatsanwalt Fritz Bauer

Wie lange haben Sie eigentlich gebraucht, um das "Weiße Band" wieder los zu werden?

Ich kann damit bis heute gut leben. Denn ich bin ja nicht der Meinung, dass der Pastor ein Verbrecher war, den man möglichst schnell loswerden muss, sondern eine historische Figur, das Symbol einer bestimmten historischen Entwicklung in Deutschland, in Europa und in der Welt. Das ist nicht nur eine deutsche Figur. Aber eine historische. Und ich war sehr froh, nun Fritz Bauer spielen zu können, denn für mich fügt das der dunklen Seite der Medaille eine helle hinzu. Ein Glücksfall. Mit all den anderen Figuren, die ich gespielt habe, kann ich für mich fast so etwas wie eine Galerie deutscher Männer auf den Weg bringen.

Was haben Sie aus dieser Galerie der Männer in Deutschland bisher gelernt?

Ich glaube feststellen zu können, dass man sich hier - viel mehr als anderswo - für die eine oder die andere Seite entscheiden muss. Es gibt kaum Möglichkeiten, in der Zwischenwelt zu leben. Man muss immer Partei ergreifen. In der Sonne sitzen, Cappuccino schlürfen und die Dinge an sich vorüberziehen lassen als Beobachter des Lebens, das ist in Deutschland nicht möglich. Ich hatte eine Zeit lang den Eindruck, unsere jungen deutschen Männer der Neunziger und Nuller Jahre wären plötzlich zivilisiert geworden, hätten Höflichkeit gelernt. Ich war ganz erstaunt: Wo ist denn das deutsche aggressive Gen geblieben? Aber nun ist es ja wieder da. Und wird, was für eine plötzliche Wendung, von staunenswerter deutscher "Willkommenskultur" konterkariert .
Also gibt es das deutsche aggressive Gen?
Ich glaube schon.

Haben die Deutschen das Böse nicht besiegt?

Das hat mit den Deutschen nichts zu tun. Das Böse kann man nicht besiegen. Es ist ein integraler Bestandteil der menschlichen Natur. Das kann man nur eingrenzen. Das ist die sogenannte Arbeit an der Zivilisation. Und die steht täglich auf dem Programm.

Der Trugschluss ist, zu glauben, man habe etwas erreicht und dann ist es gut: Demokratie, Antifaschismus, Emanzipation...

Es ist ein Prozess. Man kann nichts abhaken. Das einzige, was überraschenderweise Fortschritt produziert in einem Sinne, den wir alle verstehen, ist die Naturwissenschaft.

Weil Sie ohne Religion auskommt.

Sie ist offensichtlich unabhängig von Ideologien insgesamt. Aber das geht jetzt zu weit. Ich stimme Ihnen zu: Man kann nichts abhaken. Der Prozess der Zivilisation ist ein Stolperweg.

Viele Menschen sehen in Heidenau, Tröglitz, Dortmund einen Rückfall.

Die Grenzen schienen ja geradezu minütlich zu fallen, was Verrohung betrifft, unserer Gesellschaft, der Sprache und so weiter. Aber Geschichte wiederholt sich natürlich nicht. Wenn ich zu Ihnen sagen würde, das ist wie bei Napoleon, würden Sie mich auslachen. Kein Mensch könnte da Analogien ziehen. Die Geschichte geht jeweils andere Wege. Und wie der Augenblick zu zeigen scheint, manchmal auch wieder glückhafte.

Fritz Bauer war jemand, der sein Leben in den Dienst einer Idee gestellt hat, der Gerechtigkeit. In unserer heutigen Gesellschaft scheint das nicht mehr notwendig.

Es hat vor allem in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur wenige Menschen gegeben, die willens und in der Lage waren, sich so gegen den Strom des Vergessenwollens zu stellen wie Fritz Bauer. Er war ein einsamer Held. Wie der Cowboy im Western, der sich gegen alle durchsetzt. In diesem Sinne ist "Der Staat gegen Fritz Bauer" ein Cowboy-Film. Ein Film Noir über einen Cowboy.

Der am Ende aber verliert.

Nein, tut er nicht.

Aber er hat es nicht geschafft, Adolf Eichmann in Deutschland vor Gericht zu stellen. Der wurde in Israel verurteilt und gehenkt.

Eichmann ist immerhin gefasst worden auf Bauers Hinweis und Wirken hin. Allerdings war Bauer als aufgeklärter Jurist sicher kein Anhänger der Todesstrafe. Insofern hat er sein Ziel nicht gänzlich erreicht. Aber einer der großen Verbrecher ist gefasst worden, und ihm ist vor allem ein öffentlicher Prozess gemacht worden. Es ging Bauer ja nicht um Rache. Das lässt sich ganz klar sagen. Bauer ging es um Reue. Die Verbrecher dingfest machen, ihnen und der Gesellschaft vor Augen führen, was sie getan haben und ihnen die Erkenntnis abfordern, dass sie falsch gehandelt haben. Aber es ist ihm nicht gelungen. In den Auschwitz-Prozessen hat kein einziger Täter bereut.

Könnte man eigentlich sagen "Der Staat gegen Fritz Bauer" ist das Prequel zum Oscar-Anwärter "Im Labyrinth des Schweigens"?
Unser Film ist die Steigerung von "Im Labyrinth des Schweigens". In vielerlei Hinsicht.

Was antworten Sie jemandem, der sagt: Warum soll ich mir "Fritz Bauer" angucken, ist doch nur ein weiterer Holcaust-Film?
Holocaustfilme sind ein wichtiges, aber anderes Genre. Dies ist ein Film über Deutschland. Zuhause. Väter, Mütter, Onkels und Tanten. Es ist ein Familienalbum. Die Frage, wie war es damals eigentlich, als Onkel Fritz sich einmal gegen die Regierung Adenauer aufgelehnt hat. Das hat viel mit Familie zu tun. Ich erinnere mich, dass wir als Kinder in den 50er Jahren über diese Dinge nicht geredet haben. Aus der Sorge heraus, es könnte irgendetwas ans Tageslicht kommen.