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65. Filmfestival von Cannes: Abwarten und Palmen gucken

Klare Favoriten gibt es beim Filmfest in Cannes dieses Jahr nicht. Dafür Starstau, einige Überraschungen und eine nachhaltig verblüffende Nicole Kidman.

Von Patrick Heidmann, Cannes

In der zweiten Halbzeit der Filmfestspiele von Cannes setzt bei den Festivalbesuchern gewöhnlich eine gewisse Entspannung ein. Auf dem Filmmarkt sind die wichtigsten Geschäfte gemacht, die Schlangen vor den Kinos werden etwas kürzer, in den Fischrestaurants bekommt man auch ohne Reservierung einen Platz, und die Fotografen stürzen sich auf Lokalprominenz, weil die Hollywood-Stars wieder abgereist sind. Doch in diesem Jahr ist an der Croisette einiges anders als sonst - nicht nur das zwischendurch entsetzlich nass-stürmische Wetter.

Seit am Dienstag Brad Pitt zur Weltpremiere seines verquatschten Anti-Thrillers "Killing Them Softly" erschien (Angelina Jolie war aufgrund von Rollenvorbereitungen zuhause geblieben), staut sich die internationale Prominenz auf dem roten Teppich erst recht. Besonders groß war das Aufgebot am Mittwoch. Für "On the Road", die seit Jahren mit Spannung erwartete Verfilmung von Jack Kerouacs Kultroman der Beat-Generation, waren neben den Hauptdarstellern Sam Riley (samt Ehefrau Alexandra Maria Lara) und Garrett Hedlund auch "Twilight"-Bella Kristen Stewart, Viggo Mortensen und Kirsten Dunst angereist. Allerdings verhindert die Prominenz der Nebendarsteller nicht, dass der überlange Film des Brasilianers Walter Salles abgesehen von atmosphärischen Bildern der intellektuellen Tiefe der Vorlage kaum gerecht wird.

Trashbarbie Nicole Kidman

Andere Filme im Rennen um die Goldene Palme kamen sehr viel weniger glatt daher - und machten prompt auch sehr viel mehr Spaß. "Paperboy" von "Precious"-Regisseur Lee Daniels etwa wandelt in seiner schwülen, hemmungslosen Überfrachtung mehr als einmal am Rande der Lächerlichkeit und droht immer wieder, völlig aus dem Ruder zu laufen. Doch energetischer als diese 1969 angesiedelte Südstaaten-Geschichte um einen Reporter (Matthew McConaughey), der über einen womöglich zu Unrecht verurteilten Schwerverbrecher (John Cusack) berichten will, präsentierte sich das Kino im diesjährigen Wettbewerb selten. Und nirgendwo sonst konnte man Nicole Kidman als aufgedonnerter White-Trash-Barbie dabei zusehen, wie sie einen fast nackten, mit Quallenbissen übersäten Zac Efron anpinkelt. Platz zwei geht an "Holy Motors" vom französischen Regie-Exzentriker Leos Carax, der ein ziemlich irres und in seiner Rätselhaftigkeit mutiges Spektakel abgeliefert hat, in dem sich der radikale Hauptdarsteller Denis Lavant und sein erigierter Schwanz nicht einmal von Eva Mendes oder Kylie Minogue die Show stehlen lassen.

Auch Kristen Stewarts "Twilight"-Kollege (und vermeintlicher Lebensgefährte) Robert Pattinson (der sie am Mittwoch in den Festivalpalast begleitete) bekam seinen Auftritt. Der Brite spielt die Hauptrolle in David Cronenbergs Wettbewerbsbeitrag "Cosmopolis". Auch er bewegt sich als Börsen-Zocker samt Stretch-Limousine weg von seinem jungen Stammpublikum und blamiert sich diesmal weder beim Sex mit Juliette Binoche noch im intensiven Wortduell mit Paul Giamatti so sehr wie zuletzt in "Bel Ami". Cronenbergs Adaption des gleichnamigen Romans von Don DeLillo selbst macht es aber in seiner konsequenten Wortlastigkeit und wenig vorhandenen Handlung dem Zuschauer alles andere als leicht, Zugang zu dieser klaustrophobischen, intellektuell aufgeladenen Kapitalismuskritik zu finden.

Interview gegen Geld?

Für interne Aufregung sorgte in diesem Cannes-Jahr bei einigen Journalisten die Erkenntnis, dass Gespräche mit den Stars Geld kosten sollten. Tatsächlich ist die Praxis nicht neu: US-Produktionsfirmen organisieren die Reisen und die Pressearbeit der Schauspieler, die internationalen Verleiher zahlen für die Interviewplätze der Journalisten ihres Landes. Für Aufsehen sorgte dieses Mal allerdings, dass einige Verleiher - aus deutscher Sicht zum Beispiel ein kleiner DVD-Vertrieb, der die Rechte an "Paperboy" besitzt - diese Kosten nicht tragen konnten oder wollten. Eine Vier-Augen-Begegnung mit Nicole Kidman, so machte es unter den angereisten Medienvertretern die Runde, koste deshalb 1500 Dollar. Aus privater Tasche wollte das natürlich keiner bezahlen, und so sprach die Australierin schließlich nur mit Journalisten aus Ländern, in denen die Filmverleiher besser bei Kasse sind.

Der glamouröse Auflauf der Prominenz geht noch bis zur Preisverleihung am Sonntagabend weiter. Für die US-Independent-Produktion "Mud" werden am Samstag Reese Witherspoon und abermals Matthew McConaughey dem roten Teppich erwartet. Und auch "Amelie"-Star Audrey Tautou zeigt sich: Sie spielt die Hauptrolle im außer Konkurrenz laufenden Drama "Thérèse Desqueyroux" (dem letzten Film des Franzosen Claude Miller).

Eine Frage der Palme

Wer am Sonntag allerdings auf die Bühne kommen und Auszeichnungen entgegen nehmen darf, steht auf einem anderen Blatt. Glaubt man der Kritiker-Masse, sind die heißesten Anwärter auf die Goldene Palme zwei Regisseure, die sie bereits einmal gewonnen haben: Michael Haneke für sein Ehe- und Altersdrama "Amour" sowie der Rumäne Cristian Mungiu für seine sperrige Klostergeschichte "Dupa dealuri". Doch nicht nur weil Gerüchten zufolge der Jury-Präsident Nanni Moretti eine erklärte Haneke-Abneigung pflegt, würde auch eine Entscheidung für Altmeister Alain Resnais ("Vous n'avez encore rien vu") nicht überraschen.

Die Darstellerpreise wären ein anderer, hoch verdienter Weg, Hanekes Meisterwerk zu ehren, sind doch Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, diese Legenden des französischen Kinos, auf ihre alten Tage eine Klasse für sich. Allerdings darf in Cannes (seit der dreifachen Auszeichnung für Hanekes "Die Klavierspielerin" 2001) jeder Film nur einen Preis erhalten, und es erscheint ungerecht, dieses Film-Ehepaar preismäßig auseinanderzureißen. Deswegen gehören bei den Männern ohne Frage auch besagter Denis Lavant, Mads Mikkelsen für "Jagten" und Matthias Schoenaerts für "De rouille et d'os" von Jacques Audiard zu den Favoriten. Bei den Frauen sind es Marion Cotillard (ebenfalls für "De rouille et d'os“) und die Österreicherin Margarete Tiesel für Ulrich Seidls Sextourismus-Drama "Paradies: Liebe" zu den Favoriten. Aber auch Nicole Kidman sollte man nicht ausschließen. Teenie-Stars anzupinkeln und John Cusack oral zum Orgasmus zu verhelfen, obwohl der drei Meter entfernt sitzt, schafft schließlich nicht jeder.