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Cannes Tag 3: Danke, Jean-Claude van Damme

Drin, drauf und um die Croisette herum: Der dritte Tag des Filmfestivals von Cannes zeigte Catherine Deneuve und Penelope Cruz bei der Liebe, gönnte Jean-Claude van Damme den Neuanfang, verschaffte Mike Tyson einen massiven Auftritt - und langweilte mit Tatu.

Von Sophie Albers, Cannes

Während ein Fast-Vollmond über dem Festival-Palast hängt und Mike Tyson samt Familie und beachtlichem Freizeitgewicht für sein Biopic "Tyson" über den roten Teppich stapft, beginnt ein paar hundert Meter weiter nördlich die wohl langweiligste Party des Abends. Zehn gibt es im Schnitt pro Tag auf dem Filmfestival von Cannes. Das reicht von kleinen Exklusivitätsorgien in Villen am Berghang bis zum Stehempfang in einer Diskothek, die kein Star je auch nur von außen gesehen hat.

Diese hier ist nicht nur öde, sondern auch noch laut: Die russischen Show-Lesben Tatu treten auf. Grund ist der Film "You and I". Keine Ahnung, warum "Killing Fields"-Regisseur Roland Joffé die Geschichte von zwei Mädchen erzählen muss, die im glitzernden Moskauer Sex- und Drogensumpf rumlungern. Mischa Barton spielt eine davon. Sie hatte laut Gerücht keine Zeit für Interviews auf dem größten Filmfest von good old Europe, weil ihr das Endergebnis nicht so richtig gefallen habe.

Bleiben Tatu, die im Film immerhin kurz auftauchen, und deshalb dem Abend ein ausführliches Konzert aufnötigen, das eigentlich niemand sehen will. "Milli Vanilli" ruft einer von der Bar. Der Majestic Beach leert sich mit jeder Nummer ein bisschen mehr. Da hilft es auch nicht, dass Jelena Sergejewna Katina und Julia Olegowna Wolkowa irgendwann nur noch im Mieder auf der kleinen Bühne stehen.

Sag die Wahrheit

Doch der Freitag hatte auch richtige Stars zu bieten: Der Morgen begann mit der grande dame des französischen Kinos. Catherine Deneuve ist in Arnaud Desplechins Familiendrama "Un Conte de Noel" (Eine Weihnachtsgeschichte) zu sehen, das mit dem Experiment "Wenn in einer Familie alle sagen, was sie wirklich denken" zweieinhalb Stunden füllt. Die Deneuve spielt mit der üblichen grandezza eine krebskranke Mutter, die dem Sohn, der das rettende Knochenmark spenden soll, lächelnd erzählt, dass sie ihn eigentlich noch nie gemocht habe. Ebenso die Schwiegertochter sagt und tut, was ihr gerade durch den Kopf schwirrt, als sie erfährt, dass sie die große Liebe des besten Freundes ihres Mannes ist. Wenn man sich erst einmal an das Wahrheitsagen gewöhnt hat, muss man aufpassen, wem man nach dem Abspann zuerst über den Weg läuft.

Und auch Woody Allen hat sich in seinem neuen Werk mit bereits vermisster Leidenschaft großen Gefühlen gewidmet: "Vicky Cristina Barcelona" vereint Penelope Cruz, Javier Bardem und Scarlett Johansson zum Fantasie sprengenden Threesome. Niemand spielt das vor Eifersucht rasende Vollweib schöner als Schmolllippe Cruz. Und kein Regisseur beherrscht das Mensch-ärgere-dich-nicht der Liebe mit solch beschwingter Leichtigkeit wie Allen. Wer hätte gedacht, dass Mr. New York sich in Spanien so wohl fühlen könnte.

Muscles from Brussels

Doch all das ist nichts gegen die Begegnung der besonderen Art, die dieser Nachmittag noch bereit hielt: Auge in Auge mit Jean Claude van Damme. Der gebürtige Belgier stellt in Cannes seinen neuen Film "JCVD" vor, der ebenfalls alle Fantasie sprengt, wobei er jedoch ganz ohne Sex auskommt.

Ein junger Regisseur namens Mabrouk El Mechri hat die "Muscles from Brussels" dekonstruiert. Van Damme spielt sich selbst: Im Film ist das ein fast bankrotter, geschiedener, desillusionierter, lebensverlorener Actionstar, der Filme wie "Die ultimativen Schmerzen 4" annehmen muss, um den Sorgerechtsstreit um seine Tochter finanzieren zu können. Van Damme kehrt in seine Heimat Brüssel zurück, um neu anzufangen. Als er in einer Bank einen geplatzten Scheck neu anweisen will, wird er bei einem Raubüberfall als Geisel genommen.

Der Tod auf der Fingerspitze

Das wäre der Moment, in dem er den Helden rausholt, den seine Fans seit "Bloodsport" oder "Universal Soldier" kennen und lieben, doch stattdessen präsentiert der Karate-Gott den ultimativen Antihelden. Und dabei ist ihm kein Geständnis zu weich, keine Träne zu entblößend. Es gibt sogar einen siebenminütigen Monolog, der, angeblich improvisiert, zum Striptease runter auf Herz und Knochen wird. "JCVD" ist das Testament eines Superhelden, der zu neuen Ufern aufbricht und ein paar Kilo Muskelmasse zurücklässt. Der Film ist vor allem aber auch eine grandiose Ansammlung von Filmzitaten - von Lumets "Hundstage" bis Tarantinos "Reservoir Dogs" - die in Kombination mit dem erstaunlichen Mut eines abgestiegenen Schauspielers ein völlig überraschendes, ganz besonderes Unterhaltungskunstwerk geschaffen hat.

So steht man dann ein paar Stunden später vor zwei albernen Russinnen, die sich einst in die Charts knutschen mussten, und denkt an den festen Händedruck eines Mannes, der nicht nur den Tod auf der Fingerspitze trägt, sondern sagt, ein Grund für seinen Film sei auch gewesen, dass er sich immer wieder gefragt habe, was er hier eigentlich mache. Da geht man doch besser nach Hause, bevor Katina und Wolkowa noch mehr ausziehen. Gute Nacht, Jean-Claude.

[Lesen Sie Montag Jean-Claude van Damme im stern.de-Interview]