Cannes-Tagebuch Film, Pudding und schöne Stars


Das 60. Filmfestival von Cannes ist feierlich eröffnet worden. Nach dem traditionellen Defilee führte die in Frankreich lebende Deutsche Diane Kruger durch die Zeremonie. Am ersten Abend enttäuschte der Eröffnungsfilm und ein heißes Gerücht löste sich in Wohlgefallen auf.
Von Bernd Teichmann

Wichtigste Nachricht: Das Wetter ist bombig. Blauer Himmel, 26 Grad, Geburtstagswetter. Dem chinesischen Regisseur Wong Kar-Wai wird's womöglich wurscht sein - er trägt seine Sonnenbrille höchstwahrscheinlich auch während eines Schneesturms und beim Duschen. Erstaunlicherweise war sein neuer Film "My Blueberry Nights", zweitwichtigste Nachricht, rechtzeitig fertig und im Projektor für die Eröffnung der 60. Filmfestspiele in Cannes. Vor drei Jahren noch hatte er die Festivalleitung an den Rand der Hyperventilation mit der verspäteten Lieferung seines Hotel-Dramas "2046" gebracht.

So richtige Jubiläumsstimmung ließ das erste englischsprachige Werk des enigmatischen Kino-Künstlers allerdings nicht aufkommen. Die Reaktionen des Premieren-Publikums fielen eher verhalten aus. Nicht zu Unrecht. Wie immer von visueller Finesse, Dialog-Armut und melancholischer Eleganz durchwirkt, lässt die Meditation über Liebe, Verlust und Einsamkeit die Sogwirkung früherer Wong-Filme vermissen. Pop-Reh und Leinwand-Debütantin Norah Jones schlägt sich wacker als vom Freund verlassenes Mädchen, das seinen Verlust mit einem Trip durch die USA zu verarbeiten sucht. Unterwegs trifft sie auf Leidensgenossen unterschiedlicher Art, toll gespielt unter anderen von Natalie Portman, Rachel Weisz und David Strathairn, während im Hintergrund die Gitarre von Ry Cooder knarzt. "Paris, Texas" revisited?

Den letztjährigen Jury-Präsidenten die Eröffnung bestreiten zu lassen, spielt jenen Kritikern in die Karten, die dem Festival die konservative Tendenz ankreiden, eher auf etablierte Namen zu setzen und nicht besonders gut darin zu sein, auf neue Talente zu setzen. Bist du erstmal in der Liga, bleibst du in der Liga, konstatierte ein deutscher Kollege. Ein Blick auf die 22 Beiträge des Wettbewerbs stützt diese These: Im Rennen sind neben Wong die Coen-Brüder, Emir Kustrurica, Kim Ki Duk, Quentin Tarantino, Alexander Sokourow, Gus Van Sant und Fatih Akin - vorletztes Jahr Jury-Mitglied - was uns natürlich trotzdem freut.

In die Röhre gucken dieses Mal die Italiener, Spanier und Engländer, die keine Produktion in der Palmen-Konkurrenz haben. Letzteres ist besonders pikant, weil der englische "Queen"-Regisseur Stephen Frears Präsident der Jury ist. Üppig vertreten sind hingegen die Asiaten, die mit gleich 16 Filmen in den verschiedenen Sektionen antreten. Für die unverzichtbare politische Würze sollen unter anderen Michael Moore mit seiner jetzt schon in die Schlagzeilen geratenen US-Gesundheits-System-Obduktion "Sicko" sorgen, ebenso wie Leonardo DiCaprio mit der Öko-Doku "The 11th Hour" und George Clooney, Matt Damon und Konsorten, die den Medien-Buhei um "Ocean's 13" nutzen wollen, um ihre Hilfsaktion für Dafur zu bewerben. Der erste vermeintliche Polit-Sprengsatz ging indes am ersten Tag nicht hoch. Die befürchteten Störfeuer im Zusammenhang mit der Vereidigung des neuen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy blieben aus.

Und zu guter Letzt löste sich ein Gerücht in Wohlgefallen auf, das in den vergangenen Tagen die halbe Cote d'Azur paralysierte: Der Russenmilliardär Roman Abramowitsch, bereits in Besitz eines Schlosses in Antibes, soll das legendäre, benachbarte Hotel du Cap gekauft haben, um es in seine Privatresidenz zu verwandeln. Ein Sprecher beruhigte schließlich die Gemüter: "Das Hotel wurde nicht verkauft. Es hat seit 1970 den selben Besitzer, Dr. Oetker." Dr. Oetker? Qualität ist halt doch das beste Rezept. Ein Credo, dass auch für die kommenden elf Festivaltage gilt, und uns lehrt: Kino und Pudding haben zumindest eine Gemeinsamkeit.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker