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Christoph Maria Herbst: Dieser Herbst wird lustig

Er war verdammt witzig neben Anke Engelke in "Ladykracher", jetzt spielt Christoph Maria Herbst in der Pro-Sieben-Comedy "Stromberg" seine erste Hauptrolle. Endlich.

Von Oliver Link

Nicht sehr lang ist es her, da ruft ihn der Carrell an. Herbst staunt, lauscht, ist einigermaßen ergriffen, er kann nicht anders, lauscht also dem schnarrenden Carelldeutsch und sieht sich auf einmal für Sekunden wieder als Junge auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzen. Vater, Mutter, beide Schwestern, Stefanie und Isabell, Carell spricht in die Stube in Wuppertal-Cronenberg hinein, es sind die Siebziger, Fernsehen ist ein großes Lagerfeuer. Man solle sich treffen, sagt der Holländer, in Köln, da und da, dann und dann und legt auf. Herbst wird mit dem Fahrrad hinfahren.

Nun gibt es größere Ereignisse im Leben eines Schauspielers, als mit Rudi Carell zu sprechen. Das weiß auch Herbst. Er weiß, von Carrell zu "Sieben Tagen, sieben Köpfen" eingeladen zu werden, nun ja, er findet es schmeichelhaft, Herbst ist ein Höflicher.

Die Umarmung der Maschine

Was ihn mehr interessiert: der alte Mann. Was hält er von Herbst? Was sieht er in ihm? Herbst bekommt einige Angebote zurzeit, nimmt sie mit dem Erstaunen eines Kindes und dem Zweifel des Vorsichtigen zur Kenntnis. Er spürt die sanfte und doch fordernde Umarmung der Maschine Unterhaltungsindustrie, es passieren Dinge um ihn herum, die ihn erregen, ihm schmeicheln. Schmeicheln, das oft zu Befremden wird, wenn er genauer nachdenkt über "diese Penisverlängerungen, die einem da auf einmal angeschraubt werden".

Eine Sendung zusammen mit Thomas Gottschalk wollten sie mit ihm machen. Gottschalk und Herbst!, das ging ihm länger durch den Kopf. Und eine eigene Show haben sie ihm auch gerade angeboten, "Herr Herbst! Die Christoph Maria Herbst Show! Was sagense dazu? Wir glauben an Sie! Wir sind sicher, dass sie der Richtige sind, mensch Herbst." Das sind die Momente, in denen er sich fragt: "Denken die, ja ja, der macht das schon? Denken die, ich bin scharf auf die Kohle?"

Es wird kein Gottschalk-Herbst geben und auch nicht die eigene Show, in der er Sketche anmoderiert, die er mit versteckter Kamera gefilmt hat. "Das lassen wir mal schön." Doch er spürt: Die Maschine wummert. Er ist jetzt fällig, er funktioniert, wie man im Unterhaltungsgeschäft so hübsch sagt. Er will wissen warum. Was hält man von ihm in der Branche? Mal sehen, was Carrell sagt, denkt er.

Carrell schwebt herab

Eins vor elf, "ich bin pünktlich, immer", eins vor elf betritt Herbst das Hotel, kein Holländer weit und breit. Der sitzt oben in seiner Suite und wartet. Eine halbe Stunde lang, Herbst immer noch unten in der Lobby, dann fährt Carrell im gläsernen Aufzug herab, sagt: "Was machst du für'n Scheiß?"

Dazu fällt Herbst nichts ein.

Carrell: "Wir duzen uns, nä? Ich bin der Rudi. Ich hab gehört, mit Geld kann man dich nicht kaufen, nä?"

Das findet Herbst interessant.

Herbst: "Wer erzählt denn das?"

Carell: "Das ist dein Ruf."

Herbst: "Ich wusste gar nicht, dass ich einen habe. Aber Herr Ruf hat recht, das ist nicht die Maxime meines Handelns."

Carell: "Das ist aber scheiße für dich, wir zahlen gut."

An jenem Mittag also verlässt Herbst das Hotel in der Kölner Altstadt und weiß: Er hat einen Ruf. Das gefällt ihm.

Er stößt gerade in die Bundesliga vor, der Herbst, man sah ihn bewusst das erste Mal in drei Staffeln "Ladykracher" an der Seite von Anke Engelke, da stach er schon hervor, aus dem Ensemble, das Engelke gut aussehen ließ, er wurde ein Gesicht. Er tauchte im Kinofilm "Der Wixxer" auf, nun ja. Er drehte mit Doris Dörrie den Fernsehfilm "Das seltsame Paar", und da hatte er es auf einmal mit Leuten wie Heiner Lauterbach, Uwe Ochsenknecht und Armin Rohde zu tun. Leute, die ihm noch vor nicht langer Zeit unerreichbar schienen.

Dietl will ihn. Der Dietl

Und dann will ihn auf einmal Dietl, er spricht diesen Namen mit drei gesprochenen Ausrufungszeichen aus und hört dem Klang eine Weile hinterher. Dietl. Schmeicheln, das nicht zu Befremden wird.

Er spielt einen Latenighttalker im Stile Harald Schmidts in Meister Dietls "Vom Suchen und Finden der Liebe", Drehbuch: Helmut Dietl selbst und Patrick Süßkind, Herbst zählt die Namen der Schauspieler auf, die kommendes Jahr gemeinsam mit seinem eigenen im Abspann die Kinoleinwand herunterwandern werden - Moritz Bleibtreu, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Harald Schmidt, Anke Engelke - und seine Stimme hat etwas Ungläubiges, Berauschtes. Höher rauf geht's nicht im deutschen Film. Auch Eichinger will ihn für eine Hauptrolle in einem Filmprojekt im Frühjahr 2005. Die Maschine wummert immer lauter, sie will ihn, und er will sie, aber zu seinen Bedingungen. Das ist nicht uneitel, aber er kommt durch damit. In der "Hausmeister-Krause-Die-Camper-Ritas-Welt"-Welt will er nicht stranden. Mainstream ist ihm suspekt.

Da ist die Serie "Stromberg", in der er jetzt zu sehen sein wird, folgerichtig. Eine ambitioniertes Projekt mit interessanten, aber unbekannten Schauspielern und einer Grundidee, die Sehgewohnheiten über den Haufen werfen wird: Ein dem Fernsehzuschauer unsichtbares Kamerateam, dreht einen Dokumentarfilm über Büroalltag bei einer Versicherung "Capitol", so die Ausgangslage und rückt dabei den Mitarbeitern auf den Leib, allesamt natürlich gestandene Schauspieler, die so wirken müssen als seien sie keine Schauspieler. Deren dokumentarisch daherkommenden Streitereien, Intrigen und Verwicklungen zeigt Pro Sieben als etwas, das Herbst albernerweise "Dokudy" nennt. Mischung aus Dokumentarfilm und Comedy tut's auch.

Stromberg ist ein zu kurz Gekommener

Herbst spielt Bernd Stromberg, Ressortleiter Schadensregulierung, Buchstaben M bis Z. Ein kleiner Mann. Ein zu kurz Gekommener, ein Typ, der seine Durchschnittlichkeit ohne Erfolg mit Sarkasmus zu tarnen sucht, seine Mitarbeiter nervt und mit schlechten Scherzen demütigt. Abgesehen von der Film-im-Film-Idee klingt das zunächst nach TV-Sitcom-Meterware, wie man sie von Pro Sieben bereits durch Serien wie "Büro" mit Ingolf Lück kennt. Doch Leute wie Herbst selbst sowie Kollegen von renommierten Theatern wie Hamburger und Bochumer Schauspielhaus, Produzent und Drehbuchschreiber Ralf Husmann, ehemaliger Gagschreiber von Harald Schmidt und Regisseur Arne Feldhusen, der "Ladykracher" inzeniert hat, sind zu überdurchschnittlich, die Vorlage "The Office" aus England zu erfolgreich und hymnisch gelobt, als dass "Stromberg" nicht etwas wirklich Besonderes ist.

Nach einem Drehtag im August sitzt er dann vor einem, vegetarisches Essen, Kölsch, erst sehr viel später, nach dem einen oder anderen Grappa wird er nach der einen oder anderen Zigarette fragen. Ein schmaler Mann mit irgendwie großem Kopf, dunklen Augen, schmalen Schultern, nicht hässlich, nicht schön, nicht groß, nicht klein, etwas Weiches umgibt ihn, er ist ein Typ, den man leicht unterschätzt, zumindest bis er anfängt zu reden. Dann überrascht er, hat einen.

Besonders - erst auf den zweiten Blick

Er ist schnell, schlagfertig und selbstironisch, ohne das zur Masche zu machen und legt den Reflex beim Gegenüber, vom Äußeren auf Innere schließen zu wollen aufs Kreuz. Was ihn und seine Wirkung als Schauspieler ganz gut erklärt. Durchschnitt auf den ersten Blick, Besonderes auf den zweiten und alle anderen, die danach kommen. Kein Wunder, dass einer wie Herbst etwas länger brauchte, um da hin zu kommen, wo er jetzt ist in einer Branche, in der der erste Blick oft der letzte ist. Der Mann ist 38.

Auf allen Schauspielschulen wird er abgelehnt, die Eltern sagen "Junge, mach was Sicheres" und er macht eine Banklehre, schließt als Jahrgangsbester ab, doch das "Feuer, das in ihm brannte", wie er es etwas pathetisch nennt, heißt Schauspielerei. Als Junge wollte er noch Priester werden, "mit Zölibat und dem ganzen Pipapo". Das Elternhaus ist katholisch, er bewundert den Priester, wird Messdiener und Lektor, bis ihm die Mädchen dazwischen kommen. Gläubig ist er bis heute.

Er gründet gemeinsam mit anderen in Wuppertal die Amateurbühne Tic, die es bis heute gibt, bewirbt sich bei Theatern, sagt der Bank auf Wiedersehen und beginnt an der "Burghofbühne im Kreis Wesel", vulgo: Landestheater Dinslaken. Spielt gefühlte zwei Millionen Mal in "Pippi Langstrumpf" einen tumben Polizisten. Da ist er 23, Dietl ist noch weit. Sehr weit. Nach zwei Jahren will er nicht mehr, erwägt ernsthaft, Jura in Hannover zu studieren, sieht sich die Leute an, die da so ein- und ausgehen und lässt Jura Jura sein.

Er muss nicht mehr lügen

Mit einer Lüge kommt er zu einem Engagement am Stadttheater Bremerhaven, in seiner Bewerbung hat er geschrieben, er habe am Kölner Theater "Der Keller" eine Schauspielausbildung absolviert. Der Intendant schaut ihn nach seiner Beichte durch die dicke Brille aus seinem gelben Polyester-Rollkragenpullover heraus an und sagt: "Ist mir doch egal. Sie sind ein brillanter Schauspieler." Seitdem muss er nicht mehr lügen und bleibt vier Jahre.

Später schlägt er sich wacker durch "TV Movie"-Movies, "Film-Filme" und Serien, in denen er verschluckt wird, bis er schließlich beim Ladykracherteam landet. Da ist er schon in seinen Mittdreißigern, krebst immer noch rum und so ist es ein Schock für ihn, als ihn im Urlaub per SMS mitgeteilt wird, dass die geplante vierte Staffel von "Ladykracher" abgesagt ist. Engelke fühlt sich zur Nachttalkerin berufen, für kurze Zeit geht ihm durch den Kopf: Das war's jetzt. Wie zahl ich jetzt die Miete?

Doch da war die Maschine schon aufmerksam geworden auf ihn, begann mit der Umarmung und wer umarmt wird, der fällt nicht. Man sieht ihm an, dass er das inzwischen weiß. Dass er jetzt dazu gehört, ein kleiner Teil eines größeren ist, einer, der beachtet wird.

Er wird noch viele Anrufe kriegen, der Herbst. Sehr viele.