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Erinnerungen an Christopher Lee Ein Abend mit Goethe und Dracula


Vor 25 Jahren hat stern-Autor Kester Schlenz als junger Journalist Christopher Lee zu einem Interview getroffen. Eine Begegnung, die er bis heute nicht vergessen hat.
Von Kester Schlenz

Seine stechenden, blutunterlaufenen Augen hatten mich meine ganze Kindheit hindurch verfolgt: Graf Dracula - mein Lieblingsmonster. Gleich würde ich ihm, dem Fürsten der Finsternis, gegenüberstehen. Denn Christopher Lee hatte mal wieder einen Horrorfilm gedreht. Und ich, ein junger Filmredakteur, soll ihn an diesem Abend interviewen. Die Dame von der Presseabteilung führt mich in ein Hotelzimmer. Ich setze mich neben ein prasselndes Kaminfeuer und warte. Es ist November. Schon dunkel draußen.

Die Tür geht auf. Und da steht er. Groß. Hager. Er kommt auf mich zu. Hebt die lange, feingliedrige Hand, mit der er seinen Opfern das Herz aus dem Leib reißen kann - und sagt in fast akzentfreiem Deutsch: "Guten Abend, junger Mann. Ich freue mich, Sie zu sehen." Dann lächelt er. Freundlich. "Sie sprechen Deutsch?", frage ich überflüssigerweise. "Ja", sagte Mr. Lee. "Noch weitere Sprachen?" Er blickt in den Kamin. "Nun, ja: Französisch, Italienisch und Spanisch. Und in Griechisch, Russisch und Schwedisch komme ich zurecht." Dracula verwandelt sich in wenigen Momenten in einen feinsinnigen, hochgebildeten, britischen Gentleman, erzählt von seiner Zeit als klassischer Sänger (er hat mit Yehudi Menuhin gearbeitet) und parliert über Goethe. Aus dem "Faust" kann er Etliches im Original zitieren.

Und so sitzt Christopher Lee, der größte Filmbösewicht aller Zeiten, neben mir und deklamiert mit leiser Stimme: "Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin..." Vampire sind unsterblich. Aber an diesem Abend ist "Graf Dracula" in Frieden neben mir verschieden und hat einem zuvorkommenden Mann von Welt Platz gemacht. Jetzt ist Christopher Lee gestorben. Möge er in Frieden ruhen. Knoblauch auf dem Sarg wird nicht nötig sein. Man sollte ihm lieber den "Faust" drauf legen.


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