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Künstler Piotr Uklanski: "Ich finde Tom Cruise nicht attraktiv"

In seinem Kunstwerk "Die Nazis" zeigte er Fotos berühmter Schauspieler in Nazi-Rollen und sorgte damit für großes Aufsehen: Ein Gespräch mit dem polnischen Künstler Piotr Uklanski über Tom Cruise und "Operation Walküre", Scientology und die Anziehungskraft des Bösen.

Der Konzeptkünstler Piotr Uklanski, 1968 in Warschau geboren, lebt und arbeitet in New York. Seine Ausstellung "Die Nazis", die 1998 in der "Photographers Gallery" in London und 2000 in den Kunst-Werken in Berlin zu sehen war und dann nach Warschau ging, erregte Aufsehen: Sie versammelt 164 Farb- und Schwarzweiß-Fotos von berühmtern Schauspielern in Nazi-Rollen. Die Porträts wurden abfotografiert von Videokassetten, Pressefotos, Standbildern oder Filmpostern; sie zeigen Filmlegenden wie Marlon Brando, Yul Brynner, Horst Buchholz, Richard Burton, Ralph Fiennes, Curd Jürgens, Klaus Kinski, Christopher Lee, Roger Moore, Peter O'Toole, Ronald Reagan oder Peter Sellers als Filmnazis. Uklanskis Ziel war es, die Betrachter zu irritieren, sie mit der Frage konfrontieren: "Wie sexy sind die Nazis?" Das Ausstellungsplakat mit Klaus Kinski in Uniform und Zigarette in der Hand galt in Berlin schnell als Kultobjekt und wurde vielfach geklaut.

Herr Uklanski, was halten Sie von Tom Cruise?

Ich mag ihn nicht als Schauspieler, ich finde ihn nicht besonders attraktiv. Aber ich habe gehört, dass in Deutschland viel darüber diskutiert wurde, dass er diesen Film gedreht hat...

... der in diesen Tagen bei uns anläuft: "Operation Walküre".

Ja, und ich fand das sehr interessant: Hätten die Deutschen auch über diesen Film diskutiert, wenn ein anderer Stauffenberg gespielt hätte und nicht Tom Cruise? Ging es dabei wirklich nur um Scientology? Ich meine, ich bin auch kein Scientology-Sympathisant, aber letztlich ist es doch so: Da dreht ein Schauspieler einen Film, er schlüpft in eine Rolle - das hat doch mit seinem persönlichen Hintergrund nichts zu tun. Und sind Schauspieler nicht alle ein bisschen seltsam? Es gibt sicher auch Alkoholiker unter ihnen, die nicht für jede Rolle geeignet sind, aber herrje, das ist Showbusiness! Was soll die Aufregung?

Wenn Sie Ihr Kunstwerk "Die Nazis" heute noch einmal gestalten könnten - Sie würden Tom Cruise in Wehrmachtsuniform nicht ausklammern, nur weil er im wahren Leben ein Scientologe ist?

Nein, ich würde das nicht so eng sehen. Wissen Sie, hier in den USA gibt es so viele Sekten. Sicher, Scientology ist vielleicht erfolgreicher als manch andere, weil sie prominente Mitglieder hat, die offen über Scientology sprechen. Aber fahren Sie mal in die Südstaaten und schauen da fern: Da sehen Sie so viele Evangelisten, die das gleiche machen und Tonnen von Geld damit verdienen. Das ist die andere Seite der Redefreiheit.

Wenn Sie "Die Nazis" betrachten, wer ist Ihr liebster...

... Nazi? (lacht)

Nein, Ihr liebster Schauspieler von all den dort abgebildeten?

Ach, ich mag das alte Hollywood, das sehr ernst war und Ikonen hervorgebracht hat wie Yul Brunner und Marlon Brando.

Die Sie in der Rolle des Bösen zeigen. Warum?

"Die Nazis" ist ein sehr persönliches Werk geworden, weil ich glaube, dass wir alle von Dingen angezogen werden, von denen wir eigentlich nicht angezogen werden sollten. Dieser Zwiespalt hat mich interessiert: Als ich das Material gesammelt habe, haben mich all die Bilder angesprochen, haben mich all die Filme fasziniert, die ich dafür gesehen habe.

Ein seltsames Gefühl?

Sicher, das ist ja eine moralisch komplexe Situation: Du siehst Porträts über Nazis, die keine Anziehungskraft auf dich ausüben sollten. Haben sie aber, und das hat mich beschäftigt. Die Reaktionen auf "Die Nazis" waren denn auch sehr komplex, sehr verschieden: In London wurde gegen die Ausstellung demonstriert, bevor sie begonnen hatte, weil die Leute glaubten, es müsse sich dabei um eine Hommage an die Nazis halten. In Warschau zerstörte ein polnischer Schauspieler sein Bild in der Reihe, weil er meinte, der Titel "Die Nazis" würde implizieren, dass all die dort abgebildeten Schauspieler Nazis seien. In Berlin dann war die Reaktion eher sachgemäß, so von wegen: Hmm, interessantes Werk - nichts für deutsche Künstler, aber wenn ein Pole so etwas macht, dann ist das okay. (lacht)

Interview: Ulrike von Bülow