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Interview mit Bryan Singer: "Walküre ist keine Filmbiografie"

Ist er nervös vor der Deutschland-Premiere? Natürlich. Der amerikanische Regisseur Bryan Singer über Entstehung und Tücken des brisantesten Filmprojektes seiner Karriere.

Mr Singer, Sie haben sich für Ihren Film schwierige Helden ausgesucht: Nazis. Branchenkenner orakeln, dass Ihre Landsleute der Kinokasse da lieber fernbleiben.

Viele Amerikaner haben in der Tat nie von Stauffenberg gehört. Aber das kann kein Argument sein, dieses Kapitel der Geschichte zu ignorieren. Im Gegenteil, es hat mich eher bestätigt, den Film zu machen.

Der Filmstart wurde dreimal verschoben, und gerade in Deutschland wurde die Frage laut, ob ein Hollywoodregisseur eine so deutsche Geschichte überhaupt verfilmen kann. Macht Sie die Deutschland-Premiere nervös?

Aber natürlich! "Superman" in Australien zu zeigen ist eine Sache. Aber "Walküre" in Deutschland …

Wie kommt also ein Hollywoodregisseur auf Stauffenberg?

Mich hat Nazi-Deutschland immer schon interessiert. In zwei Filmen habe ich das Sujet angeschnitten, in "Der Musterschüler" und in "X-Men", wo eine der Hauptfiguren ein Holocaust-Überlebender ist. Von Stauffenberg erfuhr ich als kleiner Junge von meiner Mutter, die einige Zeit in Bonn bei der Familie des Widerständlers Helmuth von Moltke verbracht hatte. Da hörte ich zum ersten Mal, dass es Deutsche gab, die Hitler töten wollten. Das war sehr wichtig für mich als jüdisches Kind: zu erfahren, dass nicht alle Deutschen Hitlers Hass teilten.

Kannte Tom Cruise Stauffenberg?

Er wusste nicht viel über ihn, als ich bei seinem Studio United Artists anfragte, ob sie den Film finanzieren wollen. Inzwischen hat er alles nachgelesen, er ist da sehr ehrgeizig.

Stauffenberg war anfänglich begeistert von Hitler, in Ihrem Film unterschlagen Sie das.

Um es ganz klar zu sagen: "Walküre" ist keine Filmbiografie über Stauffenberg, sondern ein Verschwörungs-Thriller mit real existierenden Figuren und Geschehnissen. Wir erzählen die Geschichte von dem Punkt an, da Stauffenberg vom Krieg und den Machthabern bereits völlig angewidert ist. Im Film gibt es die - historisch verbürgte - Szene, wo er Hitler und dessen engsten Kreis auf dem Berghof aufsucht. Er sagte anschließend zu seiner Frau, er sei entsetzt, wie weltfremd sich Hitler verhalten habe, wie irre diese Männer seien.

Historikern gilt Stauffenberg nicht als Demokrat.

Noch mal, ich wollte keine historische Abhandlung über Stauffenberg und das Dritte Reich drehen, sondern einen Unterhaltungsfilm. Stauffenbergs politische Ansichten sind mit ihm gestorben. Er kam aus einer 800 Jahre alten Aristokratenfamilie, er war sicherlich kein Sozialdemokrat im heutigen Sinne.

Wie fühlt man sich als jüdischer Filmemacher in Berlin, wenn man Hakenkreuze entrollt und von SS-Uniformen umgeben ist?

Ein deutscher Freund von mir sagte angesichts der Hakenkreuze: Ach, da hängen sie ja - wieder … Es ist immer ein wenig seltsam als Jude in Deutschland. Gerade in Berlin, weil die Stadt voller Erinnerungen ist ans Dritte Reich. Meine Wohnung während der Dreharbeiten lag direkt an dem Platz, wo 1933 die Bücher verbrannt wurden. Und ich musste mir oft anhören, dass Hitler auch Gutes getan habe. Es hätte damals nicht so viele Verbrecher auf den Straßen gegeben. Kein Wunder, die saßen alle in der Regierung.

Wenn Sie alte Leute sahen, fragten Sie sich, was sie damals getan haben?

Immer. Einmal hatte ich ein Mittagessen mit Hitlers Leibwächter. Ich stellte ihm keinerlei "moralische" Fragen, ich wollte nur alles über das Attentat und Hitlers damalige Verfassung wissen. Rochus Misch sprach sehr sachlich über seine Geschichte. Er brachte Fotos mit. Eines kannte ich. Es zeigt vier SS-Männer in den Schützengräben um die Wolfsschanze. Sie haben Fliegennetze vor dem Gesicht, ein sehr surrealistischer Anblick. Ich wollte diese Netze unbedingt im Film haben. Rochus tippte auf einen der Männer. Ich schaute genauer hin. Das war er selbst. Und plötzlich war mir sehr, sehr unwohl.

Unterhielten Sie sich mit ihm auf Englisch?

Nein, er sprach nur Deutsch. Er hatte einen Übersetzer dabei. Wir brachten aber auch einen mit. Man weiß ja nie.

Interview: Christine Kruttschnitt / print