Cruise-Stauffenberg-Kontroverse Berlin macht sich "lächerlich"


Eberhard Diepgen, ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, fürchtet, dass die Hauptstadt sich mit einem Cruise-Boykott "lächerlich" macht. Wegen seiner Mitgliedschaft in der Scientology-Kirche sei der Schauspieler kein "Verbrecher".

Eberhard Diepgen, vormals lange Jahre Regierender Bürgermeister von Berlin, sorgt sich um seine Stadt: Denn der CDU-Politiker fürchtet, der Sitz der deutschen Regierung mache sich "international lächerlich". Anlass für Diepgens Sorge ist der eskalierende Streit darum, ob Hollywoods Superstar Tom Cruise wegen seiner Angehörigkeit zur umstrittenen Scientology-Kirche die richtige Besetzung für die Rolle des Hitler-Attentäters Claus von Stauffenberg in dem US-Spielfilmprojekt "Valkyrie" ("Walküre") ist. Diepgen beantwortet die Frage, ob ein Scientologe den Helden und Märtyrer des deutschen Widerstands gegen die Nazi-Diktatur spielen kann: "Natürlich, wenn er ein guter Schauspieler ist. Die Zugehörigkeit zu einer umstrittenen Sekte macht ihn doch nicht zum Verbrecher."

"Törichte Verbote

Klaus Schütz, der ehemals für die SPD die Politik in Berlin als Regierender Bürgermeister führte, bangt wegen der anhaltenden Debatte um Cruise darum, dass Berlin "als ein Filmstandort der Ersten Klasse nicht wieder in Frage gestellt wird durch derartig törichte Verbote". Damit spielt Schütz an auf das von den Bundesbehörden verfügte Verbot für das amerikanische Filmteam von "Valkyrie", Dreharbeiten im Bendlerblock machen zu dürfen. Im Hof des dem Verteidigungsministerium gehörenden Gebäudekomplexes war Stauffenberg im Juli 1944 hingerichtet worden.

Für Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, wären Dreharbeiten mit Cruise dort unerträglich, wie er in einem TV-Interview erklärte: "Ich verwahre mich davor, dass der Ehrenhof der Gedenkstätte zum Schauplatz einer erneuten Hinrichtung des Protagonisten Stauffenberg, der durch Tom Cruise gespielt wird, benutzt wird."

"Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise"

Auch Stauffenbergs 72-jähriger Sohn Berthold steht der Verkörperung seines Vaters durch den Hollywood-Star sehr kritisch gegenüber: "Es ist mir unsympathisch, dass ein bekennender Scientologe meinen Vater spielt." Der Frankfurter Publizist und Herausgeber Frank Schirrmacher hat in einem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" nun aber an Stauffenbergs Mitgliedschaft in dem sektenähnlichen Kreis um den Dichter Stefan George in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erinnert: "Der George-Kreis wäre heute im Überwachungsbereich des Sektenbeauftragten und - denkt man an die von George 1933 zugestandene ’Ahnherrschaft’ der ’neuen nationalen Bewegung’ - auch des Verfassungsschutzes."

Unverständnis in den USA

In der amerikanischen und internationalen Öffentlichkeit stößt die deutsche Debatte weitgehend auf Kritik und Unverständnis, zumal der Regisseur von "Valkyrie", Bryan Singer, nicht nur ein Renommierter seines Fachs, sondern auch Jude ist. Und das Drehbuch stammt immerhin von einem nicht minder renommierten Oscar-Gewinner. Den diesjährigen triumphalen Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck ("Das Leben der anderen") hat der Streit um Cruise vor einigen Tagen zu einem ganzseitigen Zeitungsbeitrag unter dem Titel "Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise" provoziert. Donnersmarck beklagt in seinem Text: "Selbst der größte Star der Siegernation ist uns nicht gut genug, unseren Übermenschen Stauffenberg zu spielen." Der Filmemacher erkennt gerade in der Mitwirkung von Cruise eine große Chance, denn dessen Stauffenberg-Darstellung werde "das Ansehen Deutschlands mehr befördern, als es zehn Fussball-Weltmeisterschaften hätten tun können". Donnersmarck kritisiert in seinem Artikel scharf das geistige Klima, in dem die Debatte stattfindet: "Die furchtbar langweilige Gleichmacherei, die in Deutschland zur Zeit grassiert, toleriert das nicht. Sie will komplette Korrektheit in allen Aspekten des Lebens."

Wolfgang Hübner/AP


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