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Daniel Auteuil: "Ich war immer sehr auf Verführung aus"

In seinen Filmen ist er vor allem das: zurückhaltend und melancholisch. Doch im Gespräch entpuppt sich Daniel Auteuil, ein Superstar des europäischen Kinos, als durchaus lebensfroher Zeitgenosse.

Interview: Stephan Maus

Cannes, Filmfestspiele 2006, VIP-Terrasse des Nobelhotels "Martinez". Vom Meer her weht starker Wind. Der Wind trägt das Kreischen von Mädchen herüber, die auf der Croisette Penélope Cruz zujubeln. Die Jungs warten stumm darauf, dass der Wind Penélopes Rock lupft. High Glamour. Der in Algerien geborene Daniel Auteuil ist in seinem Element. Er schaut sich nach jeder schönen Frau um, die vorbeikommt - und es kommen viele vorbei.

Schöne Frauen haben zum Leben von Daniel Auteuil immer dazugehört. In erster Ehe war er mit der Schauspielerin Emmanuelle Béart verheiratet, bei Dreharbeiten lernte er dann seine Kollegin Marianne Denicourt kennen, Ende der 90er Jahre heirateten die beiden. Gegen die vielen Gerüchte um weitere Affären geht er sofort juristisch vor. Dennoch: Vielleicht verrät er uns ja am Ende, wie er die Frauen herumkriegt. Aber langsam.

In Ihrer Jugend waren Sie Landvermesser. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesem Beruf und der Schauspielerei?

Ja, den gibt es: dieses Vermessungsdings. Es steht auf einem riesigen Stativ, das dem Kamerastativ ähnelt.

Man hat aber den Eindruck, dass Sie auf eine sehr berechnende Art spielen.

Nein! Das ist ja großartig! Ich habe niemals irgendetwas berechnet!

All Ihre exakt abgezirkelten Gesten sprechen dagegen.

Oh nein! Das ist alles purer Instinkt. Ich lese gewöhnlich nicht einmal das Drehbuch! Ich lerne den ganzen Kram erst im letzten Moment.

Reglose Miene, überbordender Blick: Wie leeren Sie Ihr Gesicht, um Ihren legendären Blick hinzubekommen?

Ich würde sagen, dass dieser Blick eine Rolle ist. Das bin nicht ich - oder nur manchmal. Eigentlich habe ich einen Hang zu Possen und Späßen und zur Einfachheit. Ich flüchte vor Konflikten und komplizierten Diskussionen.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Ihre Blicke, wie man so sagt, töten können?

Ich benutze den Blick nicht, um zu töten. Ich weiß nicht, aber ... Na ja ... Das ist mir peinlich ... Das ist etwas, das ich im echten Leben nicht beherrsche.

Laut einem Frauenmagazin sollen Sie zu der Sorte Männer gehören, die wie ein guter Wein sind: je älter, desto besser - und schöner. Sie sind jetzt 56. Wann ahnten Sie, dass Sie ein begehrenswerter Mann sind?

Schon immer! Nein, nein, keine Ahnung. Aber aus einem Komplex heraus war ich immer sehr auf Verführung aus. Schon als ganz junger Mann. Sicherlich bin ich deshalb Schauspieler geworden. Wir sind stets auf Verführung aus - aber das muss man hinter sich lassen, und zwar sehr schnell. Wir hängen so sehr vom Begehren der anderen ab. Allein schon aus Rücksicht auf meine Gesundheit darf ich niemals auch nur versuchen, mich in all den Traumbildern wiederzufinden, die sich die anderen von mir machen.

Immerhin haben Sie es mit Ihrer Verführungskunst zum "Ritter der schönen Künste und der Literatur" gebracht.

Na gut, lassen wir meiner Eitelkeit freien Lauf: Heute bin ich sogar "Offizier des Verdienstordens". Das ist schon ein Erfolg ... Schauen Sie! (Eine Frau wie das neue Bond-Girl schreitet vorüber) Das wäre doch auch ein schöner Erfolg! Schauen Sie nur! Sehr hübscher kleiner Erfolg!

Legen Sie Ihre Medaille manchmal an?

Ja! Sie wurde mir vergangenes Jahr in Cannes verliehen. Ich habe sie den ganzen Tag getragen. Dann habe ich gemerkt, dass man mich deswegen verarscht hat. Da habe ich sie wieder abgelegt.

Haben Sie irgendwelche Requisiten aus Ihren Filmen aufgehoben?

Ja. Und Sie werden sehen, das ist ziemlich phallisch: Das Schwert des Haudegens Lagardère aus "Duell der Degen". Gabors Messer aus "Die Frau auf der Brücke". Napoleons Hut. Mit Emmanuelle Béart habe ich "Eine französische Frau" gedreht. Davon habe ich ein Offizierskostüm aufbewahrt. Keine Ahnung, warum. (Eigentlich klar, warum: Während des Drehs hat er sich von Emmanuelle Béart getrennt, die eine Nymphomanin spielt. Eine Uniform könnte helfen, Haltung zu bewahren.)

Sie haben oft mit Ihren Ehefrauen gedreht. Waren Sie eifersüchtig, wenn Ihre Frauen Liebeszenen mit anderen Männern...

(heftig) Unerträglich! Unerträglich! Ansonsten bin ich aber eher neidisch als eifersüchtig. Zum Beispiel bin ich auf das Auto von irgendwem neidisch. Ich will das, was andere haben.

Sind Sie auch neidisch auf Erfolg?

Den habe ich doch.

Davon kann man nie genug kriegen.

Meine Träume bewegen sich immer im Bereich meiner Möglichkeiten - außer, was die Frauen anbetrifft.

Gibt es eine Filmrolle, die Sie gern gehabt hätten?

Eine problematische Rolle, die ich gerne gespielt hätte, wäre die von Bruno Ganz gewesen. Hitler. Hat er verdammt gut gemacht.

Würde Ihnen nicht stehen.

Ich habe Napoleon gespielt. Das ist das Gleiche. Ehrlich, es war mutig, Hitler zu spielen.

Reden wir lieber von den schönen Seiten des Lebens. Wie ist es Ihnen gelungen, so viele schöne Frauen herumzukriegen?

Geschuftet habe ich, sage ich Ihnen! Ich habe malocht! Das ist nicht mit einem Fingerschnipsen gekommen! Glauben Sie mir, das war Sklavenarbeit! Spartacus und ich, wir wären ein gutes Paar gewesen.

Keine Techniken?

Sie müssen schuften! Hängen Sie sich rein! Das ist verdammte Arbeit!

Kein Problem! Wir Deutschen lieben die Plackerei! Aber das kann doch nicht alles sein. Malochen und verführen, das passt nicht!

Nein, das ist natürlich auch magisch. Quatsch, was rede ich: "magisch"! Das ist ein großer Brocken Arbeit! Ehrlich. Ein riesiger Brocken Arbeit!

Ist es eine gute Idee, den geheimnisvollen Melancholiker zu geben, um zu verführen?

Das kann sehr hilfreich sein! Aber das ist nicht meine Absicht. Bestimmte Rollen von mir regen einfach zum Träumen an. Wenn ich eklige Schmierlappen in Flip-Flops spielen würde, sähe alles ganz anders aus.

Was läuft besser bei den Frauen: Clown oder Melancholiker?

Normalerweise fängt es mit der Clownsnummer an. Dann wird man vom Gefühl eingeholt und nervt, weil man düster wird. In dem Moment lassen sie einen sitzen.

Also ist es schwieriger, eine Frau zu halten, als sie zu erobern?

Genau so ist es.

Erzählen Sie uns von Ihrer Kunst der Trennung.

Zuerst zwei Sachen: Entweder gehen Sie - oder Sie werden verlassen. Es ist einfacher, verlassen zu werden. Natürlich wissen Sie das, schließlich sind Sie schon ein großer Junge. Wenn Sie verlassen werden, haben Sie keine Schuldgefühle, also ist das die schönere Rolle. Aber sie führt zu einer sirupartigen Gefühlssuppe. Das kann zu einer ziemlich klebrigen Angelegenheit werden. Der wahre Mut besteht darin, Schnitte zu setzen - und den haben fast immer die Frauen. Jedenfalls ist es ein sehr schmerzhafter Akt. Trennungen mag ich am wenigsten.