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Debatte: Pinguine mit göttlicher Mission

Der weltweite Erfolg der Dokumentation "Die Reise der Pinguine" weckt unerwartete Begehrlichkeiten. In den USA haben religiöse Gruppen versucht, die Tiere für ihre Ziele einzuspannen.

Von Carsten Heidböhmer

In Frankreich lockte "Die Reise der Pinguine" bis heute über 1,8 Millionen Menschen in die Kinos, in den USA ist er der erfolgreichste französische Film aller Zeiten. Doch überschattet wird dieser Erfolg von einer vor Wochen in den Vereinigten Staaten entbrannten ideologischen Debatte. Dort wollen rechtskonservative Journalisten, Prediger und Lebensschützer bei den Pinguinen einen Hang zur Monogamie entdeckt haben; die langen Märsche der Pinguine vergleichen sie mit Moses' Auszug aus Ägypten.

Andrew Coffin, Filmkritiker des christlichen "World Magazine", sieht in der Lebensgeschichte der Kaiserpinguine gar ein Argument gegen Darwins Evolutionstheorie. Das Überleben der Eier sei ein Beweis für die Lehre vom "intelligent design", nach der hinter den Naturphänomenen der Wille eines Schöpfers stecke. Es sei traurig, "dass der Film diese seltsamen und wunderschönen Tiere untersucht, ohne die Existenz eines Schöpfers anzuerkennen."

Die Erde existiert seit 6000 Jahren

Insbesondere die Kreationisten haben sich für diese Lesart des Films stark gemacht. Diese Gruppe lehnt die Lehre Darwins ab, nach der sich Säugetiere und Menschen im Laufe der Jahrmillionen aus wenigen Urformen entwickelt haben. Sie nehmen die biblische Geschichte wörtlich, wonach der Gott persönlich die Menschen geschaffen hat. Die Erde existiert für sie erst seit etwa 6000 Jahren, und die ersten Menschen lebten in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Tyrannosaurus Rex.

In den USA findet die Lehre der Kreationisten weite Verbreitung. Nach einer Umfrage des Instituts Gallup sind mittlerweile 54 Prozent der Amerikaner davon überzeugt, dass sich der Mensch nicht aus anderen Arten entwickelt hat. Diese Mehrheit glaubt, dass sich Charles Darwin geirrt hat. Und das, obwohl selbst die katholische Kirche die Evolutionstheorie anerkennt: Sie sieht im biblischen Schöpfungsbericht nur ein literarisches Bild dafür, dass das Universum auf Gott zurückgeht.

Liberale Lesarten

Auch liberale Aktivisten versuchen, den Film nach ihrer Lesart zu interpretieren: Kaiserpinguine seien immer nur für ein Jahr treu und führten ein insgesamt äußerst abwechslungsreiches Sexualleben. Auch Homosexualität sei unter Pinguinen recht verbreitet, wie Berichte aus mehreren Zoos zeigten.

Regisseur Luc Jacquet hat sich nun in einer Stellungnahme von jeglicher ideologischer Vereinnahmung distanziert. Auf der Titelseite der Tageszeitung "Le Monde" schrieb der Biologe und Tierfilmer: "Ich bin gegen jede Form des Bekehrungseifers und muss daran erinnern, dass es in diesem Film um Pinguine geht. Ihn jetzt religiös zu deuten wäre so, als würde man 'Superman' nach Verteidigungsstrategien analysieren".

Welche Blüten die Vereinnahmungsversuche treiben, zeigt ein Beispiel aus Singapur: Dort wurde der Filmemacher von Feministinnen beglückwünscht, die in dem Film eine Unterstützung für alleinerziehende Eltern sahen. Für Jacquet der Beweis, dass man von allem auch das Gegenteil behaupten könne. Letztlich belege die ganze Aufregung doch nur, welch große Faszination die Pinguine auf den Menschen ausübten.
Ab dem 13. Oktober können sich auch die deutschen Kinozuschauer von den polaren Frackträgern faszinieren lassen.

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