HOME

Dennis Muren: Der digitale Bilderrevolutionär

Er gehört zu den ganz Großen im Filmgeschäft. Kein Zweiter erhielt so viele Oscars wie er. Doch fast niemand kennt Dennis Muren. Denn der Amerikaner wirkt hinter der Leinwand.

Von Jörg Isert

Dennis Muren ist einer der erfolgreichsten Menschen in der Filmbranche - und gleichzeitig einer der unbekanntesten. Der hochgewachsene Amerikaner, der am 1. November 60 wird, hält einen besonderen Rekord: Er gewann mehr Oscars als jede andere lebende Person, insgesamt neun. Zu seinen engsten Bekannten gehören George Lucas, Steven Spielberg und James Cameron. Dazu hatte er in "Jäger des verlorenen Schatzes" einen Cameo-Auftritt an Harrison Fords Seite. Auf dem Hollywood Walk of Fame ist er mit einem Stern verewigt - als einziger Vertreter seiner Zunft. Der Grund, warum ein scheinbar unbekannter Mann in die erste Liga Hollywoods aufsteigen konnte, ist einfach: Muren ist für die Tricks in den Blockbustern zuständig, er ist ein "Visual Effects Supervisor". Als solcher war er für die größte Bildrevolution seit Einführung des Farbfilms verantwortlich.

Der Ritter aus dem Kirchenfenster

Er war seiner Zeit schon immer voraus: 1985, als kaum einer an die Möglichkeit von computergenerierten Filmbildern dachte, machte sich Dennis Muren an ein riskantes Projekt. Gemeinsam mit der damals unbekannten Computer-Klitsche Pixar versuchte er, ein irreales Vorhaben Realität werden zu lassen. Die Idee: Ein auf einem Kirchenfenster aufgemalter Ritter springt aus dem Glas und läuft, aus 82 Scherben bestehend, auf einen entsetzten Priester zu. Keiner wusste, wie man "Das Geheimnis des verborgenen Tempels" von Regisseur Barry Levinson umsetzen sollte, Muren setzte auf die Hilfe von Computern. Neun Monate später hatte er neun denkbar kurze Einstellungen im Rechner. Doch die hatten es in sich: Für "Das Geheimnis des verborgenen Tempels" hatten Muren und Co. den ersten fotorealen Computer-Charakter erschaffen.

Zehn Jahre zuvor war Muren Teil der ersten Effekte-Revolution gewesen: Nachdem er einen Film namens "Equinox" gedreht hatte, stieß er 1975 "Industrial Light and Magic" (ILM). Die Firma hatte George Lucas kurz zuvor gegründet, um die Tricks von "Star Wars" herzustellen. Für den Sternenkrieg wurde eine computergesteuerte "Motion Control"-Kamera entwickelt. So wurde jede beliebige Kamerafahrt exakt wiederholbar. Es folgten zahlreiche weitere Filme für Lucas, Steven Spielberg und James Cameron. "E.T." und seinen Kumpel Elliott ließ er auf einem Fahrrad am Mond vorbeiheizen, die zurückgekehrten Jedi-Ritter durch den Wald von Endor, Indiana Jones durch den Tempel des Todes rasen. Für jeden dieser Filme mit damals revolutionärer Tricktechnik gewann Muren einen Oscar.

Ein Jahr blaumachen

Dennoch: Um das Jahr 1989 hatte Muren von all dem genug. Er fand, dass klassische Filmtricks an ihre Grenzen gestoßen waren: Fantastische Landschaften mit Gemälden, "Matte Paintings", umzusetzen - das gab es schon bei "Der Zauberer von Oz". Kleine Dinosaurier-Modelle mit Einzelbild-Technik zu filmen, sodass sie sich später zu bewegen schienen - "King Kong" ließ grüßen. Eine Schloss-Miniatur zu bauen und ins Bild einzufügen - ja geht's noch? Muren zu stern.de: "Es war langweilig geworden. Gleichzeitig hatten wir bei ILM wieder gute Ergebnisse mit einzelnen computergenerierten Sequenzen erzielt - bei Filmen wie 'Willow' und 'The Abyss'." Muren beschloss, ein Jahr blau zu machen und von der Pike auf alles über die Technologie zu lernen. Oft saß er bis drei Uhr nachts vor seinem Computer, begeistert von den Möglichkeiten eines Programms, dessen Namen damals nur Insidern ein Begriff war: Photoshop.

Nach der Auszeit geriet Muren 1990 erneut an den größenwahnsinnigen Regisseur von "The Abyss". Für den damals teuersten Film aller Zeiten, "Terminator 2", wollte James Cameron einen Bösewicht, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte: Einen Roboter aus flüssigem Metall, der jede Gestalt annehmen kann. Muren pushte das ILM-Team zu neuen Höchstleistungen und gewann seinen siebten Oscar.

Spielberg ist begeistert

Während Hollywoods Bossen ganz allmählich der Gedanke kam, dass CGI - Computer Graphic Images - ein interessantes Tool sein könnten, werkelte Muren schon an dem Film, der die Technik endgültig etablieren sollte. Für "Jurassic Park" entwickelte sein ILM-Team unter strengster Geheimhaltung digitale Kreaturen, die eine Haut hatten und atmeten: Dinosaurier. "Man kann immer auf Nummer sicher gehen und an der gleichen Stelle stehen bleiben. Man kann aber auch etwas Neues ausprobieren. Mir gefällt die zweite Möglichkeit besser.", sagt Muren. Die Dinosaurier-Tests für eine einzelne Szene im Film wurden dem ahnungslosen Steven Spielberg gezeigt. Der war so beeindruckt, dass er beschloss, fast alle Dino-Szenen am Computer umzusetzen. Der Rest ist Filmgeschichte: "Jurassic Park" spielte weltweit mehr als 900 Millionen Dollar ein, die digitale Bild-Revolution war nicht mehr aufzuhalten.

Heute ist Muren, der zuletzt an Filmen wie "The Hulk", "Star Wars: Angriff der Klonkrieger" und "Krieg der Welten" gearbeitet hat, manchmal nicht mehr so glücklich über die Geister, die er einst rief. "In den letzten Jahren sind die computergenerierten Bilder schlechter geworden. Alles sieht so künstlich aus. Wobei: Haben Sie 'Mission Impossible 3' gesehen? Da gibt es Effekte, die bemerkt kein Zuschauer. Die sind neat." Neat - das ist das Wort, das Muren benutzt, wenn er etwas toll findet. Ordentlich. Besonders ordentlich findet er eine realistische Herangehensweise mit quasi unsichtbaren Effekten.

Im kommenden Jahr wird der Meister der Bilder mit dem Lifetime Achievement Award von Hollywoods Visual Effects Society ausgezeichnet. Diese Ehre wurde bisher nur den Regisseuren George Lucas und Robert Zemeckis zu Teil. Außerdem arbeitet er an einem Projekt mit der inzwischen weltbekannten Firma Pixar. Und er schreibt an einem Buch für Nachwuchs-Trickser. Die jungen Computer-Animatoren hält er darin an, nicht allzu viel Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen. Stattdessen sollen sie besser die echte Welt beobachten: für bessere Bilder aus Bits und Bytes.