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Der neue Bond: Null Nullnullsieben

Kein Humor, kaum Sex, kein Spielzeug. So wenig Bond war nie. Das neue 007-Abenteuer ist ein schwindelerregend rasantes Rachedrama ohne Markenzeichen.

Von Jochen Siemens

Dieses kleine, feine Lächeln. Dieses Lächeln, das den Zuschauern um den Mund spielte, wenn der Film vorbei war. Das Lächeln über die zarte Spur Ironie, die sich durch diese Filme zog und sich um den Martini, "Mein Name ist Bond, James Bond", eigenartige Superwaffen und Mädchen in Bikinis legte. Das Lächeln starb nie, könnte man in 007-Sprache sagen, auch wenn manche der Filme mäßig oder albern waren. Und nun das.

Nicht einmal gegrinst in 103 Minuten "Ein Quantum Trost". Sondern wie angeschraubt im Kinosessel gesessen. Die Augen, sagt die Forschung, brauchen 50 Millisekunden für jede Bewegung, bei diesem Bond sind sie fast überfordert, so schnell rast, zuckt und wackelt es auf der Leinwand. Man sucht im Kino das Bremspedal, und der Verstand hechelt den Bildern hinterher. Daniel Craig Bond jagt über eine, war es eine Landstraße?, in einem, war es ein Aston Martin? Oder er kracht im toskanischen Siena durch das Dach einer, war es eine Kirche? Und wenn man ein wenig heimisch ist in der Bond-Kultur, muss man auf fast jede Wiedererkennung verzichten: kein "Mein Name ist Bond, James Bond", kein Q, keine, absolut keine Spielzeuge, bis auf ein Handy, was viel kann, aber das können heute ja alle Handys. Keine Liebesgeschichte, sondern nur der Rest einer merkwürdig zusammengepressten Bettszene mit einer Agentin.

Wenige Einblicke

War das jetzt, fragt man sich, wenn die Lichter im Saal angehen, ein Bond? Nur einmal blinkt die 007-Marke kurz auf: Bond sitzt in einem Flugzeug an der Bar, vor sich ein leeres Martini-Glas, jemand fragt: "Was trinkst du da?" Und Bond: "Keine Ahnung." Dann erklärt der Barkeeper: drei Teile Gin, ein Teil Wodka, ein halber Teil Kina Lillet, eine dünne Scheibe Zitrone, alles geschüttelt, nicht gerührt; schon klar, der alte Scherz als Zitat seiner selbst. Aber sonst: der trockenste, dürrste Bond aller Zeiten.

Und das, obwohl es buchstäblich um das Gegenteil geht. Um die Macht über das Wasser. Und doch um die Liebe. Und um Rache. Und um "das Gefängnis in deinem Kopf ", wie Camille, war es eigentlich ein Bond-Girl?, am Ende zu 007 sagt. Ein Männerfilm also und eigentlich eine saftige Geschichte darüber, dass verletzte Männer immer noch etwas zu erledigen haben. Und Bond ist verletzt. In der Seele. Aber um diese Parabel zu verstehen, muss man "Casino Royale", den Vorgänger, gesehen haben, in dem Bonds Geliebte Vesper den Agenten verrät und dann selbst ums Leben kommt. Dieser Tod lastet auf ihm und treibt ihn. Wortkarg, mit granitenem Gesicht, will er es wissen. Was Persönliches also. Und so entstehen zwei Filme, einer in seinem Kopf, den wir nicht sehen, und einer vor seinem Kopf, den wir sehen. Das Herz, die Intelligenz und die Leidenschaft sind in seinem Kopf, wir sehen nur die Fassade. In der alten Bond-Kultur war es die Ironie, die hochgezogene Augenbraue oder der Bikini des Bond-Mädchens, die das durchlässig machten. Hier nicht.

Er sucht. Er findet den düsteren Unternehmer Greene (Mathieu Amalric), der in kleinen Ländern das anrichtet, was Banker zurzeit mit der Weltwirtschaft veranstalten. Er destabilisiert sie, schmiert die Korruption und hievt Diktatoren an die Macht. In "Ein Quantum Trost" ist es Bolivien, ein Säbel-General will wieder regieren. Greene hilft und will dafür nur ein Stück Steinwüste haben. Er hat heimlich Staudämme gebaut und hortet Wasser unter der Erde. In einer Szene zeigt der Film ein Dorf in der Steinwüste, in dem die Bewohner um einen nur tropfenden Wasserhahn herumstehen wie um eine versiegende Ader. Greene ist Teil der Weltmafia "Quantum", so wie es Vesper war und wie es viele andere in dieser Geschichte - sogar CIA-Agenten - auch sind. Es ist ein "Trau keinem", und es ist vielleicht auch die zeitgemäße Botschaft. Selbst der Schurke Greene gibt sich als Öko-Retter aus und hält eine Rede, die Al Gore hätte halten können. Das Böse, so die Nachricht, kann auch in einer Ordensschwester wohnen, wer weiß das heute schon? Aber es macht Bond noch einsamer, als er sowieso schon ist. Und uns auch.

Tradition vs. Moderne

Man kann bei "Ein Quantum Trost" die völlige Entbondisierung beklagen, die Schroffheit und den Verzicht auf jedes Augenzwinkern. Man kann auch cineastisch irritiert sein, wenn Regisseur Marc Forster für Millionen Dollar Actionszenen inszeniert, die im Kino zwar als Splittergranaten explodieren, aber den Blick auf das Geschehen - wem rennt 007 eigentlich hinterher? - verweigern. Immerhin ist es wieder eine halbe Weltreise - Italien, London, Karibik, Österreich, Südamerika, Russland. 200 Millionen Dollar hat "Quantum" gekostet, der teuerste 007 aller Zeiten.

Man kann den 22. Bond-Film aber auch als zeitgemäß mögen. Als Action-Movie, der in teuren Andeutungen daherkommt. Dessen Bilder wenig zu Ende erzählen, weil die Wirklichkeit sowieso immer alles überholt. Als MTV-Regie, als reales Trommelfeuer für die Augen, denn es gibt wenig am Computer Inszeniertes. Einmal wird ein Flugzeug beschossen, und es brennt und qualmt und stürzt ab. Das wurde in Baja California gedreht, und da konnten sie aus Umweltschutzgründen nicht abfackeln, da musste der Computer ran. Aber sonst ist es in all seiner Rauheit ein echter Film. Man kann ihn auch mögen, weil Daniel Craig mit seinem spürbaren Schmerz und seinen Verletzungen die Figur so real macht, wie es Roger Moore oder Pierce Brosnan nie schafften. Sean Connery schon, aber das war ein anderer Bond. Da konnte man lächeln, wenn er balzte: "Das ist aber ein hübsches Nichts, das sie da beinahe anhaben." Zu Craig Bond sagt Camille einmal: "Sie sind schrecklich effizient." Das könnte man über den ganzen Film sagen.

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