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"Fack ju Göhte"-Star im Interview: "Du landest auf der Straße", sagten die Lehrer zum Schüler Elyas M’Barek

Als Lehrer in "Fack ju Göhte" wurde er zum Star. Nun läuft der letzte Teil im Kino. Eigentlich müsste Schauspieler Elyas M’Barek darüber grübeln, wie er sich neu erfindet. Was sind seine Pläne?

Er hat sich gerade hingesetzt, als der erste Zeki-Müller-Moment kommt. Es ist ein Nachmittag im Hotel Bayerischer Hof, die Kellnerin steht etwas nervös am Tisch und fragt, was man trinken möchte. Natürlich hat sie ihn erkannt, aber sie will sich nichts anmerken lassen. "Ja, was trinken wir? Ist noch früh, oder? Ich glaube, ich nehme mal einen Espresso", sagt Elyas M'Barek und zeigt sein Mir-gehört-die-Welt-Gesicht. Die Augen auf Halbmast, den linken Mundwinkel leicht hochgezogen, breites Surferboy-Grinsen. Die Kellnerin schaut, als hätte sie einen Heiratsantrag bekommen.

Wer Elyas M'Barek trifft, der begegnet immer auch Zeki Müller, diesem charmanten und unverschämt gut aussehenden Waschbrettbauch-Lehrer aus "Fuck ju Göhte". Mehr als 14 Millionen Menschen sahen die ersten beiden Teile, es ist die erfolgreichste Kinoserie, die es in Deutschland je gab. Zeki Müller hat den 35-jährigen Schauspieler endgültig berühmt gemacht. Die Figur wirkte wie ein Energydrink im Bioladen deutscher Film. Er war lauter, greller, politisch unkorrekt. Niemand hätte gedacht, dass man das Youtube-süchtige und Netflix-verwöhnte junge Publikum noch einmal in solchen Massen ins Kino locken könnte.

Zeki konnte.

"Es war doch eine geile Zeit!"

Nun aber kommt der letzte Teil ins Kino. An diesem Nachmittag im Café ist Zeki Müller also schon so gut wie – tot. Und M'Barek? Was wird aus einem, der mit 35 bereits die Rolle seines Lebens hinter sich hat? Der sich plötzlich neu erfinden muss? Hat er Angst? Trauert er?

Nein, bei Fragen wie diesen grinst M'Barek nur und sagt dann locker: "Das Leben geht doch weiter. Vermutlich werde ich nie wieder eine Rolle spielen, die mir so viel Aufmerksamkeit beschert, aber darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Es war doch eine geile Zeit! Ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte." Er will jetzt einfach die letzte Runde genießen, noch ein letztes Mal mit Jella Haase und Max von der Groeben, seinen ewigen Problemschülern Chantal und Danger, wie auf Wandertag durch ein paar deutsche Kinos ziehen und sich feiern lassen. Überall, wo die PR-Tour sie hinführt, flippen die Teenies aus und zücken ihre Smartphones, um sich die Trophäe zu sichern – ein Selfie mit Elyas.

Elyas M’Barek und Jella Haase bei der Filmpremiere. Im finalen Teil sollen Müllers unterbelichtete Schüler endlich ihren Schulabschluss hinbekommen

Elyas M’Barek und Jella Haase bei der Filmpremiere. Im finalen Teil sollen Müllers unterbelichtete Schüler endlich ihren Schulabschluss hinbekommen

Manchmal ist er es schon ein wenig leid, auf den ewigen Posterboy reduziert zu werden. Ihn nerven die ewig gleichen Phrasen über sein Sixpack. Und weil er nichts aus seinem Privatleben preisgibt, schäumt die Boulevardpresse Gossip und Gerüchte auf. Der M'Barek kann doch jede haben! Was treibt dieser hedonistische Traummann wohl, wenn die Kameras aus sind? Er kennt das Spiel. Er nimmt es hin und nimmt es leicht. "Ich finde ja: Solange man mir nicht nachsagt, ich würde mit meinen unehelichen Kindern schwule Orgien im Bayerischen Hof feiern, ist noch alles okay", erklärte er einmal in einem Interview mit dem Magazin NEON. M'Barek ist keiner dieser im Kopf verknoteten Theaterschauspieler, die von der tiefgründigen Charakterstudie im Arthouse-Kino träumen. Für ihn ist Schauspiel ein Job und nicht Berufung. Er will unterhalten und selbst dabei Spaß haben.

In den USA, im Mutterland des Showgeschäfts, gibt es viele Schauspieler, die sich eher als Kino-Entertainer verstehen, Stars wie Ben Stiller oder Adam Sandler, die weniger durch ihre Wandlungsfähigkeit wirken als durch ihren Wiedererkennungswert. Auch M'Barek ist inzwischen zu einer wiedererkennbaren Marke geworden: gut aussehend, multikulturell und nie um einen Spruch verlegen.

Es gibt hierzulande nur wenige Schauspieler, die es geschafft haben, als Marke zu gelten, Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer vielleicht, aber im Gegensatz zu den beiden macht sich M'Barek rar, obwohl es an Angeboten nicht mangelt. "Ich will kein Zirkuspferd sein, das dauernd über die roten Teppiche tanzt", sagt er, "ich will nicht einen Film nach dem anderen drehen." Er ist vorsichtig und wählerisch bei seinen Rollen. Er will nicht, dass die Marke durch Dauerpräsenz verwässert wird. In der grandiosen Flüchtlingssatire "Willkommen bei den Hartmanns" spielte er einen Arzt und im nervenaufreibenden Thriller "Who Am I" einen Computerhacker. Doch egal, in welchen Charakter er schlüpfte, er blieb immer der lässige Junge, dem die Sonne ins Gesicht scheint. Schließlich soll ihm sein Image auch weiterhin mit lukrativen Werbeverträgen vergoldet werden. M'Barek warb schon für Magnum-Eis, für den Privatsender Sky und trat als Werbebotschafter für Jeep auf. Er mag es schick. Er mag es teuer. Inzwischen hat er sich auch seinen Kindheitstraum erfüllt und fährt einen Porsche 911 Turbo S. Sehr schick und 200.000 Euro teuer.

Elyas M'Barek flog erst vom Gymnasium, floh dann aus einem katholischen Internat

Vor ein paar Monaten lud ihn Angela Merkel als prominentes Aushängeschild und Jurymitglied zu einem öffentlichkeitswirksamen Integrationspreis ein. M'Barek gilt als Vorbild der jungen Migranten-Generation. Als Beispiel für einen, der es geschafft hat. Er wuchs als Sohn eines tunesischen Computerprogrammierers und einer österreichischen Krankenschwester auf. Es war ein liberales, liebevolles Elternhaus, aber doch gab es eine Zeit, in der er nicht wusste, wo er hingehörte. Er fühlte sich als Außenseiter, weil er südländischer aussah als seine Brüder. "Ich hatte eigentlich keinen Zugang zu der Kultur meines Vaters. Bei uns zu Hause wurde Weihnachten gefeiert, und ich sprach kein Wort Arabisch", aber draußen, in der Schule, im Schwimmbad, war er: der Fremde.

Endlich, mit 15, fand M'Barek dieses Zugehörigkeitsgefühl in einer Clique von Jungs auf der Straße, alles Kinder mit ausländischen Wurzeln. Er trug Lederjacke, Goldkette, die Haare voller Gel. Sie waren Halbstarke, die auch mal Streit anzettelten. Er flog erst vom Gymnasium, floh dann aus einem katholischen Internat und blieb später auf der Realschule sitzen. Verzweifelt bekniete seine Mutter danach eine Direktorin, ihrem Sohn noch eine Chance zu geben. Es war der Moment, als er aufwachte. Er wusste, was anderen Freunden passiert war. Einige waren im Knast gelandet, andere wurden abgeschoben.

Es wundert ihn heute selbst noch oft, wie schnell er zur Identifikationsfigur geworden ist für so viele Jungs und Mädchen, die einen ähnlichen Hintergrund haben wie er. Er sagt: "Ich kann eigentlich nicht mehr mitreden, weil die Leute mich inzwischen aufgrund meiner Prominenz ja ganz anders behandeln als früher." Aber er erinnert sich noch gut an diese ätzenden Situationen. Wenn er damals – auf Wohnungssuche – Vermieter anrief und seinen Namen sagte, dann waren die Objekte immer schon weg. Nicht aber für einen deutschen Kumpel, der ein paar Minuten später anrief; da waren die Wohnungen seltsamerweise wieder zu haben. "Heute würden dieselben Leute ein Zelt für mich bewachen", glaubt M'Barek.

Als Schüler hat er sich oft von Lehrern Sätze anhören müssen wie "Aus dir wird nichts" oder "Du landest auf der Straße". Er hat das irgendwann selbst ein bisschen gedacht. Doch dann traf er einen, der gleich an ihn glaubte, den Regisseur Bora Dagtekin, selbst ein Migrantenkind, Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter.

Dagtekin erkannte 2006 bei einem Casting sofort, welch klaffende Lücke dieser straßenschlaue Junge mit ausländischen Wurzeln, der nie eine Schauspielschule besucht hatte, im deutschen Kino füllen könnte. Es gab damals ja nur Schauspieler, die so deutsch aussahen, wie sie hießen – Daniel Brühl, Til Schweiger, Matthias Schweighöfer.

"Nächstes Jahr ist momentan gar nichts. Keine Rolle in Planung."

Bora Dagtekin aber wollte etwas anderes. Etwas Neues. Er kreierte die Kultur-Clash-Comedy "Türkisch für Anfänger", und Elyas M'Barek als Hauptdarsteller der Serie wurde zum Schauspielstar der Migranten-Generation. Seitdem sind die beiden nicht nur das erfolgreichste Duo des deutschen Films, sondern auch so etwas wie Verschworene. "Zu Bora habe ich absolutes Vertrauen – er ist wie ein großer Bruder für mich", sagt M'Barek. Und Dagtekin, der lustigste und begabteste Dialogschreiber des deutschen Kinos, bedankte sich auf seine Weise und schrieb ihm eine maßgeschneiderte Paraderolle: Zeki Müller.

M'Barek weiß, dass er jetzt mit 35 aus der Rolle des jungenhaften Macho-Proleten herausgewachsen ist. Die ewig gleiche Figur ist ausgereizt. Er verkörperte sie so perfekt und makellos wie Götz George einst die des Straßenbullen Horst Schimanski, doch jetzt – muss er weiter.

Aber wohin?

Bei dieser Frage entspannen sich erstaunlicherweise seine Gesichtszüge, und er sagt etwas, das manch anderen Schauspieler in eine Lebenskrise stürzen würde: "Nächstes Jahr ist momentan gar nichts. Keine Rolle in Planung." Er hat zurzeit genug Geld, um eine Weile gut über die Runden zu kommen. Er ist Teilhaber eines Restaurants in München. Er will jetzt erst mal reisen. Nur mit dem Rucksack, so wie früher, irgendwohin, wo ihn keiner kennt. Raus aus der Komfortzone, so nennt er das. Man könnte auch sagen: Elyas M'Barek macht jetzt erst mal Urlaub von Zeki Müller – allerdings ohne je wieder zu ihm zurückzukehren.

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