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Filmstart "Küss mich bitte": Na, wie war ich, Schatz?

Es soll angeblich Menschen geben - bevorzugt Männer - die nach dem Vollzug des Geschlechtsaktes Fragen stellen wie "Na, wie war ich, Schatz?". Oder: "Bist du gekommen, Mäuschen?" Dass Schweigen die bessere Taktik im Bett ist, lehrt die französische Liebeskomödie "Küss mich bitte" von Emmanuel Mouret.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Wer mag sich unmittelbar nach den leidenschaftlichsten Momenten schon so fühlen, als sei er in einem Verhör gelandet? Merkregel also: Keine Fragen nach dem Sex. Doch wie ist es vor dem Sex? Wäre es da angebracht, wenn sich der Mann erstmal erkundigt: "Darf ich auch mal mit Zunge?" Und weiter: "Darf meine Hand auf deinem Körper spazieren gehen?" Und dann: "Kann ich deine Brüste anfassen?" Nicolas (Emmanuel Mouret) stellt derlei Fragen, als er mit seiner besten Freundin Julie (Virginie Ledoyen) auf dem Bett sitzt. Die beiden haben beschlossen, "es" zu tun. Sie haben diese Entscheidung mit derselben Nüchternheit getroffen, wie wenn man sich für einen neuen Plasma-Fernseher entscheidet. Es ist weder Romantik im Spiel noch Liebe. Es geht der verheirateten Julie schlicht und einfach darum, dem armen Nicolas zu helfen. Denn der hat gerade drei Probleme: keine Freundin, kein Sex, keine Küsse.

Überhaupt: Küsse sind - und das sagt ja schon der Filmtitel - das wichtigste Thema in der französischen Liebeskomödie "Küss mich bitte". Von außen betrachtet ist der Vorgang ausgesprochen schlicht: Zwei Lippenpaare pressen sich aufeinander. Eigentlich ganz harmlos, doch man bedenke die Folgen. Und genau darum geht es Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Emmanuel Mouret, der unter anderem nach "Vénus Et Fleur" und "Changement D' Adresse", die bisher in Deutschland nicht erschienen sind, seine vierte und längste Regiearbeit zeigt.

Gibt es überhaupt Küsse, die ohne Folgen sind?

"Ausgangsgedanke war ein Film über die Auswirkung von eigentlich harmlosen Küssen", erklärt Mouret. "Oder anders gesagt: Gibt es überhaupt Küsse, die ohne Folgen sind?" Mit diesem Gedanken setzt sich auch die blonde Emilie (Julie Gayet) auseinander, als sie mit dem attraktiven Gabriel (Michael Cohen) in einem Hotelzimmer in Nantes sitzt. Die beiden haben sich vor wenigen Stunden kennen gelernt, miteinander zu Abend gegessen und nun knistert und kribbelt es zwischen den beiden. Alle Zeichen stehen auf Kuss, doch Emilie will dieser Regung nicht nachgeben. Grund ist die Geschichte von Julie und Nicolas, deren Freundschaft sich nach einem Kuss überraschend und komplett verändert hat. Emilie erzählt Gabriel davon - anstatt ihn zu küssen. "Manche Geschichten beeinflussen uns gegen unseren Willen", warnt sie und legt sogleich ein Kopfkissen über ihre gazellenartigen Beine, auf die Gabriel begeistert starrt. Romantik und Leidenschaft ade.

Die Erzählung in der Erzählung ist die grundsätzliche Struktur des Films. Mouret erklärt warum: "Die Idee, dass eine Frau vor einem Kuss zurückschreckt, obwohl sie den Mann begehrt, weil sie sich an eine Geschichte erinnert, die man ihr erzählt hat und die sie nun wiederum dem Mann erzählt, diese Idee gefällt mir sehr." Okay, der Einfall mag vielleicht hübsch sein, und doch ist er die größte Schwachstelle des sonst sehr gelungenen Films. Man könnte gut und gerne auf die Idee verzichten, die Geschichte erzählt sich auch so - die Szenen im Hotelzimmer in Nantes sind so überflüssig wie Felljacken für Eisbären. Und bremsen den Fluss der Story. Zudem hätte man es Julie Gayet und Michael Cohen erspart, quasi wie Statisten zu fungieren und weit unter ihren schauspielerischen Möglichkeiten zu bleiben.

Sonst gibt es nichts mehr zu meckern. "Küss mich bitte" hat Charme, Intelligenz und viel Humor. Es gibt weder Kitsch à la Rosamunde Pilcher noch Banalitäten wie man sie aus amerikanischen Schnulzen mit Cameron Diaz und Konsorten kennt. In seiner liebenswerten Tollpatschigkeit erinnert Emmanuel Mouret an Pierre Richard , "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh", und Virginie Ledoyen begeistert mit einer Mischung aus Naivität und Leidenschaft.

Und, natürlich, der Kuss zwischen Julie und Nicolas verändert alles. Sie schlafen miteinander, was nicht die einzige Folge bleiben soll. Das hat man nun davon, wenn man jemandem einen Gefallen tut: Vor dem Kuss waren die beiden noch beste Freunde, nun entdecken sie, langsam aber sicher, dass sie sich lieben. Diese Sache kann man nicht mehr einfach auf die leichte Schulter nehmen, insofern schlägt der Film im zweiten Teil einen etwas ernsthafteren Ton an. Es geht um moralische Fragen, insbesondere da Julie verheiratet ist. Beispielsweise darum: Ist es denn erlaubt, das eigene Wohl und damit die Erfüllung eigener Sehnsüchte vor das eines geliebten Menschen zu stellen? Regisseur Mouret versteht es geschickt, derlei Überlegungen immer wieder in Humor zu betten. Er zeigt, wie Julie und Nicolas alles daran setzen, ihre Liebe rückgängig zu machen. Nicolas bittet Julie: "Du musst mir helfen, dich nicht mehr zu lieben." Er schlägt unter anderem vor: "Um unsere Erinnerungen zu entmystifizieren, küssen wir uns auf dem Boden, da ist es am ungemütlichsten." Oder auch: "Ich versuche dich zu küssen und du stößt mich weg." Ob diese Taktik funktioniert - angucken!

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