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Gerüche: "Der sinnliche Effekt des Lilienduftes"

Der Geruchsforscher Alain Corbin ist der Mann, dessen Buch "Pesthauch und Blütenduft" Patrick Süskind zum "Parfum" anregte. Ein Gespräch über die Geschichte der Gerüche.

Herr Corbin, in Ihrem Buch "Pesthauch und Blütenduft" arbeiten Sie einen radikalen Bruch in der menschlichen Geruchsempfindsamkeit heraus. Worin besteht diese Revolution des Geruchssinnes, die kurz vor der französischen Revolution einsetzt?

In diesem Moment bündeln sich mehrere Phänomene. Die Menschen werden plötzlich sehr empfindlich gegenüber schlechtem Geruch.

Auch wir mögen keinen Gestank.

Aber wir glauben nicht, dass der Gestank Krankheiten überträgt. Wir beherzigen den Aphorismus von Brouardel: "Nicht alles tötet, was stinkt, und nicht alles stinkt, was tötet." Aber Mitte des 18. Jahrhunderts erschien alles bedrohlich, was unangenehme Gerüche aussandte. Denn nach den Theorien der damals aufkommenden neohippokratischen Medizin wurden Krankheiten über die Luft übertragen. Der Geruch war medizinisch diskreditiert und sollte es bis Pasteur bleiben. Erst Pasteur entdeckte, dass nicht der schlechte Geruch die Krankheiten überträgt, sondern Mikroben.

Warum werden die Menschen ausgerechnet zu dieser Zeit so geruchsempfindlich?

Das liegt vor allem an der zunehmenden Autonomie des Individuums, die man zu dieser Zeit in allen Bereichen ablesen kann. Sogar in der Meteorologie. Plötzlich befasst man sich mit dem Wetter. Das ist sehr genau datierbar. Man untersucht die Unwägbarkeiten des Wetters und ihr Verhältnis zu den Unwägbarkeiten des Ichs. Auch die Tagebuchkultur entwickelt sich stark. In Deutschland kommt der Bildungsroman auf. Und nicht zuletzt beschäftigt man sich auf einmal mit der Masturbation.

Das hat man doch sicher schon vorher gemacht!

Gemacht schon. Aber man hat nicht darüber gesprochen. Es gibt in den Archiven unzählige Dokumente von Medizinern, die ihre Patienten ausführlich zur Masturbation befragen. Sie fragen alles: die Qualität der Erektion, der Ejakulation. Und die Leute antworteten! Stellen Sie sich das vor! Es gab eine große Bereitschaft zur Selbstanalyse. Dasselbe gilt für Gerüche. Der Geruchssinn erschüttert das Seelenleben tiefer als das Gehör oder das Tasten. Man möchte sein Ich riechen und es den anderen zu riechen geben.

Hat man also den allgegenwärtigen Gestank beseitigt, um sich auf lieblich duftende Wiesen zu setzen, sich über seinen Bauchnabel zu beugen und sich zu erschnuppern?

Ja, die Revolution des Geruchssinnes führte zu einem hygienischen Feldzug ohnegleichen. Innerhalb von 150 Jahren wird die Gesellschaft fast geruchsfrei gemacht: Straßen werden gepflastert, Flüsse kanalisiert, private Toiletten eingeführt, Gemeinschaftsbetten verdammt. Man kämpft gegen jede Form von Gestank, um Gerüche zu empfinden, die unendlich subtil sind: die Gerüche des erwachenden Ichs. Von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich alles hin zur Zartheit. Die Farben, die Klänge und die Gerüche.

Das klingt nach empfindsamen Selbsterfahrungstrips. Was ist der politische Aspekt dieser neuen Geruchsempfindlichkeit?

Wenn man die starken Gerüche fürchtet, fängt man natürlich auch an, das gemeine Volk zu fürchten, das diese starken Gerüche verbreitet.

Waren denn die Gerüche vor dieser Sinnesrevolution völlig unproblematisch?

Die Geschichte der Gerüche ist sehr komplex. Eins kann man aber festhalten: Sehr lange war man davon überzeugt, Gerüche würden alles durchdringen. Sie waren eins mit dem Körper, von selber Substanz. Im Mittelalter zum Beispiel gab es die Gerüche der Heiligkeit. Die Kadaver der Heiligen verbreiteten den göttlichen Duft. Der Geruch war ihre göttliche Essenz. Im Laufe der Zeit wurden die Gerüche immer oberflächlicher. In der Vorstellung der Menschen kommen die Gerüche heute nicht mehr aus der Tiefe der Körper. Man kann sie abwaschen oder nach Belieben wechseln.

Der Titel Ihrer Geruchsgeschichte zitiert die Schlüsselgerüche des 18. und 19. Jahrhunderts: Der Pesthauch steht für die Obsession der schädlichen Gerüche. Der Blütenduft, genauer, der Duft des Osterglöckchens, symbolisiert die erwachende Empfindsamkeit für sublime Düfte.

Man darf nicht vergessen, dass in der damaligen Vorstellungswelt der Blütenduft einen gefährlich sinnlichen Effekt auf die Frauen hat: Die Blume wühlt ihre Sinne auf.

Der Kampf gegen den Gestank führte also geradewegs in eine hysterische Geruchsneurose.

Ja. Die Frau durfte zwar an der einfachen Gartenblume riechen, aber niemals an der Lilie! Das weibliche Begehren und der Blumenduft waren stark verbunden.

Dann deckt sich die damalige Vorstellungswelt mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen: Der Geruchsforscher Hanns Hatt hat festgestellt, dass die Samenzelle die Eizelle mit Hilfe von Geruchsrezeptoren findet. Die Eizelle duftet zwar nicht nach Osterglöckchen, aber nach Maiglöckchen.

Dann wäre der Maiglöckchenduft die weibliche Essenz. Das erinnert an die damalige Theorie der "aura seminalis", der Samenaura. Es gab diese Idee, dass der Samen eine ganz spezielle Aura hat. Selbst ohne Penetration könnte eine Frau schwanger werden. Allein durch die Aura. Das waren die Ideen eines sehr renommierten Wissenschaftlers.

Was wären die Schlüsselgerüche unserer Zeit?

Ich würde sagen, die Neutralität der Warenhäuser und Einkaufszentren. Diese neutrale Mischung all der konkurrierenden Waren. Schon Émile Zola spricht davon. Und der Benzingeruch.

Die Geruchsgeschichte birgt ein großes Paradox: Auf der einen Seite gibt es den Kampf für eine zivilisierte Welt, die Deodorisierung. Auf der anderen Seite steht die Sehnsucht nach archaischen Zuständen, die man durch tierische und strenge Gerüche befriedigt. So gibt es ein Hin und Her zwischen Zivilisation und Animalischem.

Nein, kein Hin und Her. Sie sagten Sehnsucht. Das ist es. Ich möchte hier nicht die Psychoanalyse herbeizitieren. Aber keine Deodorisierungskampagne wird unsere Sehnsucht nach dem Tierischen je beseitigen können. Sobald ein Prozess der Zivilisierung einsetzt, lauert in der Tiefe die Sehnsucht nach dem Rohen.

Genau dieses Animalische will die Geruchsindustrie in uns wecken: Wie moderne Alchimisten versuchen die Duftforscher, Pheromone zu synthetisieren, die uns unwiderstehlich machen. Es gibt einen Traum, den man auch in Süskinds "Parfum" wiederfindet: Ich lege einen Lockstoff auf und ...

... ernte die Früchte. Die Ärzte des 19. Jahrhunderts waren dem schon ziemlich dicht auf der Spur. Manche dieser Wissenschaftler waren überzeugt, dass es einen sechsten Sinn gebe: den Geschlechtssinn. Sie nahmen an, dass manche Substanzen unmittelbar auf diesen Geschlechtssinn einwirken. Ein Geruch konnte diesen unterschwelligen Geschlechtssinn aktivieren.

Wollte man kein Kapital daraus schlagen?

Nein, das waren Wissenschaftlerträume.

Wahrscheinlich war der Markt noch nicht reif. Schließlich war das Parfüm im Bürgertum verpönt, weil es das Symbol der Verschwendung war.

Ja, das Parfüm symbolisierte das Verschwinden, das Ephemere.

Die Verflüchtigung lief also dem bürgerlichen Anhäufungstrieb entgegen?

Ja, zugleich war das Parfüm aber auch ein wirksames Distinktionsmerkmal. Die wohlriechende Frau schmückte den Bürger und zeigte seine Position an.

Offensichtlich ist der Geruchssinn der Sinn der Paradoxe.

Das sieht man schon an seiner Fähigkeit, die Zeit zu überwinden. Der flüchtigste aller Sinne vermag es, durch die Erinnerung, die er hervorruft, die Zeit zu besiegen. Das ist die Essenz des Geruchssinns: Er ist paradox und zweideutig. Er ist der Sinn der Verfeinerung und des Animalischen.

Für sein "Parfum" hat sich Patrick Süskind sehr stark von Ihrer großen Geruchsstudie inspirieren lassen. Hat Sie das nie geärgert?

Oh nein. So sehr ich das Plagiat unter Historikern verachtenswert finde, so sehr billige ich dem Romancier sämtliche Freiheiten zu.

Der Duft des Geldes scheint Sie nicht zu locken. Was ist Ihr Lieblingsduft?

Der Duft der Ackerwinde. Victor Hugo beschreibt diese Blume sehr schön: Wenn man sie pflückt, bleiben einem nur zwei Sekunden, um sie zu riechen.

Interview: Stephan Maus / print