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Anosmie: Wenn die Nase blind wird

Kaffeegeruch am Morgen, schwitzende Menschen in der U-Bahn - wer seinen Geruchssinn verliert, dem ist das egal. Essen, Sex, das Leben: Nichts macht mehr Spaß. Wer an Anosmie erkrankt ist, leidet - mehr als man ahnt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Den Duft einer Rose einatmen - eine der kleinen Freuden, auf die Menschen mit Anosmie verzichten müssen

Den Duft einer Rose einatmen - eine der kleinen Freuden, auf die Menschen mit Anosmie verzichten müssen

Die Münchner U-Bahn war voll. Trotzdem blieben einige Sitze leer; keiner wollte sich in die Nähe des Obdachlosen setzen. Nur Harald Ruzok nahm neben ihm Platz. Mag sein, dass der Obdachlose nach Schweiß roch oder nach Knoblauch. Harald Ruzok störte sich nicht daran, rümpfte nicht die Nase, flüchtete nicht wie die anderen Fahrgäste. "Das ist der Vorteil", sagt er, "dass ich auch die üblen Gerüche nicht wahrnehme."

Harald Ruzok kann nichts riechen, weder sich noch andere, weder den Duft von Kaffee noch den Geruch von Sonnenmilch. Er leidet an Anosmie, Geruchssinnverlust. Mindestens einer von hundert Menschen in Deutschland ist betroffen, vielleicht sogar einer von dreißig, schätzt der deutsche Geruchsforscher Thomas Hummel. Die Dunkelziffer ist hoch.

Ein Stück Lebensqualität verloren

Ein riechender Mensch kann etwa 20 bis 30 Duftqualitäten unterscheiden, Parfümeure durch Training über 3000. Was aber, wenn der Geruchssinn ausfällt? Früher, als ihn mal einer fragte, auf welchen Sinn er am ehesten verzichten könne, hat Harald Ruzok geantwortet: "Auf den Geruchssinn." Ein Irrtum, wie er jetzt weiß.

Harald Ruzok vermisst viel. Den Geruch des Hafens zum Beispiel, wenn er in Hamburg ist. Oder den Geruch des Rotweins, des guten Rotweins für 50 Euro, der in seinem Keller lagert. Manchmal versucht er sich zu erinnern, an den Geruch seiner Freundin, an den Duft ihrer Haare, ihrer Haut und ihres Parfüms. Wenn er sie in den Armen hält, wenn sie miteinander schlafen, dann vermisst er das. "Der Geruch charakterisiert den Menschen mehr, als man denkt", sagt der 34-Jährige. "Ich weiß, dass ich ein Stück Lebensqualität verloren habe." Ja, manchmal sei er depressiv.

Der Geruchssinn lässt im Alter nach

Nicht immer fällt der Geruchssinn komplett aus. In deutschen HNO-Kliniken werden pro Jahr rund 79.000 Patienten mit Riechproblemen behandelt. Bereits mit 36 Jahren nimmt das Riechvermögen ab, wobei Frauen besser riechen können als Männer. Später, mit über 50 Jahren, fehlt bei 25 Prozent der Geruchssinn, bei den über 75-Jährigen sind es knapp 30 Prozent - hinter einem Geruchssinnverlust können auch Hirnleiden wie Parkinson oder Alzheimer stecken.

"Am häufigsten wird Anosmie durch sinunasale Erkrankungen verursacht, also durch entzündliche Veränderungen der Nase und Nasennebenhöhlen wie beispielsweise Nasenpolypen", erklärt Silke Steinbach, HNO-Ärztin am Münchner Klinikum Rechts der Isar.

Aber auch nichtentzündliche Veränderungen wie eine Nasenscheidewandverbiegung oder einen Tumor in der Nase können Auslöser sein. Durch solche Erkrankungen wird das Riechepithel in der Nase verlegt und ist dem Duftstoff nicht zugänglich. Bei elf Prozent aller Fälle tritt eine Riechstörung nach einem Virus-Infekt auf, bei zwei Prozent durch das Einatmen toxischer Substanzen. Eine Riechstörung kann auch ohne erkennbare Ursache auftreten und ist in sehr seltenen Fällen angeboren.

"Habe ich vielleicht Mundgeruch?"

"Es ist merkwürdig mit dieser Krankheit, man sieht sie mir ja nicht an", sagt Harald Ruzok. Die Freundin freilich, die weiß Bescheid. Und auch Bekannte und Kollegen. Sie sind eingeweiht, auch weil Harald Ruzok auf sie angewiesen ist. "Ich brauche die Riechenden", sagt er. Wenn er unsicher ist, ob die Milch vielleicht sauer ist, dann fragt er die Freundin, lässt sie daran riechen. Er kocht, weil er immer gerne gekocht hat. Manchmal sagt die Freundin, dass er etwas zu scharf gewürzt hat. Abgelaufene Wurst, der man nicht ansieht, ob sie schon verdorben ist, wirft er weg, wenn gerade keiner da ist, den er fragen kann.

Oder im Büro. "Vielleicht schwitze ich ja, fange an zu müffeln, da bin ich froh, wenn die Kollegen mir das sagen." Harald Ruzok verlässt sich nicht ausschließlich auf die Offenheit der anderen. "Wenn einer mich anschaut, dann denke ich, vielleicht liegt es ja daran, dass ich stinke oder Mundgeruch habe." Ja, man werde unsicherer im Laufe der Zeit.

Für Anosmiker wird Essen oft zur Pflichtübung - das Aroma einer Speise wird über den Geruch ermittelt

Für Anosmiker wird Essen oft zur Pflichtübung - das Aroma einer Speise wird über den Geruch ermittelt

"Essen machte keinen Spaß mehr"

"Ich habe damals daran gedacht, mich umzubringen. Nicht nur einmal", sagt Lara (Name geändert), 21 Jahre alt, eine ehemalige Anosmie-Patientin aus Berlin. Sie war mit ihrem Fahrrad gestürzt, Schädelbasisbruch; dabei verschwand ihr Geruchssinn und auch ihre Lust auf das Leben. Lara zog sich immer mehr zurück, nur zu ihren Mitbewohnern hielt sie noch Kontakt und zu ihrer besten Freundin. Nach den Vorlesungen an der Uni - Lara studiert Jura - verkroch sie sich so schnell wie möglich wieder zu Hause.

Die Lara, die viel lacht, die noch um Mitternacht Freundinnen anruft und sagt: "Hey, lasst uns noch tanzen gehen", die Lara, die im Freibad immer die Erste am Sprungbrett ist und beim Wettschwimmen immer gewinnen will, war verschwunden. Von ehemals 56 Kilo magerte sie auf 47 Kilo ab, bei einer Größe von 1,71 Metern. "Essen machte keinen Spaß mehr", erinnert sich Lara, die heute wieder gerne nachts in die WG-Küche schleicht, um ein Glas Nutella auszulöffeln.

"Das Essen wird für Anosmie-Patienten oft zur Pflichtübung", sagt die Ärztin Silke Steinbach. Die Geschmacksknospen auf der Zunge erkennen nur die vier Grundqualitäten süß, sauer, salzig und bitter. Das Aroma einer Speise wird jedoch über den Geruchssinn vermittelt, wobei Duftmoleküle beim Essen über den Rachen von hinten in die Nase zum Riechepithel gelangen.

Die ersten Gerüche seit Jahren: Rasierwasser und Benzin

Als sein Geruchssinn vor dreieinhalb Jahren ausfiel, einfach so, dachte Harald Ruzok, dass sei sicher nur vorübergehend. Nach einem monatelangen Ärzte-Marathon, nach Kernspintomografie, Nasendurchfluss-Messungen und Kortison-Therapie gab es keine Besserung. Und auch keine Erklärung. Warum, weshalb - darauf wussten selbst Spezialisten keine Antwort. Vielleicht, mutmaßten einige, werde die Erkrankung durch eine Erkältung ausgelöst. Vielleicht, so andere, seien psychische Ursachen der Grund. "Ein Professor meinte, wenn er mir nicht helfen könne, dann könne mir niemand helfen", sagt Harald Ruzok. Er habe sich über diesen Satz geärgert, sehr sogar: "Man wird von der Schulmedizin schnell abgeschrieben."

Damit aber wollte er sich nicht abfinden, er begab sich, trotz anfänglicher Skepsis - "Ich bin Naturwissenschaftler" - in die Hände eines Homöopathen. "Der hat erstmal meinen Energiehaushalt runtergefahren, mir fehlte die innere Ruhe", erzählt Ruzok. Parallel ist er noch bei einem Osteopathen in Behandlung und geht zur Akupunktur. "Manche mögen das für Humbug halten", sagt er. "Aber was hatte ich schon zu verlieren?" Und tatsächlich, vor wenigen Tagen nahm Harald Ruzok die ersten Gerüche seit Jahren wahr: starkes Rasierwasser und Benzin. "Vielleicht kommt der Geruchssinn wieder zurück, einfach so, wie er damals gegangen ist", hofft Harald Ruzok jetzt. "Dann fahre ich in die Schweizer Berge, lege mich auf grüne Wiese und atme ganz tief durch."

Als untherapierbar eingestuft

Auch Lara wurde als "untherapierbar" eingestuft. Mediziner wissen: Anosmie ist nur schwer heilbar. Damit abfinden müssen sie sich nicht in jedem Fall. "Helfen kann der Einsatz von Kortikosteroiden in Tablettenform oder als Infusion", sagt Silke Steinbach. Allerdings: "Wegen der Nebenwirkungen keine Lösung auf lange Sicht". Bei chronischen Nebenhöhleninfekten werden Antibiotika eingesetzt. Operative Eingriffe bieten sich an bei einer behinderten Nasenatmung, bei chronisch entzündeter Nasenschleimhaut oder bei einer Verlegung der Riechspalte. "Eine Verbesserung des Riechvermögens liegt nach einer Operation bei 50 bis 100 Prozent", sagt Steinbach.

Lara hatte damals einen Rauchmelder angebracht, weil sie einen Brand nicht hätte riechen können. Doch kein Gerät konnte sie vor angebranntem Essen warnen, bis ihr der Geruch selbst in der Nase stieg - nach eineinhalb Jahren kehrte ihr Geruchssinn plötzlich wieder zurück. "Ausgerechnet, als mir eine Pizza im Ofen verkohlte", sagt Lara und lacht. Sie hat ihr Lachen wieder - und den Staub auf ihren Parfumflakons im Bad längst abgewischt.

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