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GESPERRT! Peter Zadek: Letzter Vorhang für einen Rebellen

Er war wohl der größte und wichtigste Regisseur unseres Landes. Peter Zadek hat das Theater revolutioniert. So wie er inszenierte in den jungen Jahren der Republik kein Zweiter: lustvoll, provokativ, reißerisch. Jetzt ist er 83-jährig gestorben. stern-Autorin Birgit Lahann nimmt Abschied von einem großen Künstler, den sie über Jahrzehnte journalistisch begleitet hat.

Von Birgit Lahann

Weil er mir ein versprochenes Interview plötzlich nicht mehr geben wollte, hatte ich im Frühjahr ein kleines, freches Stück über Peter Zadek geschrieben. Vielleicht ging es ihm nicht gut, weiß der Teufel. Auf dem Küchentisch seiner Hamburger Wohnung jedenfalls stand eine Batterie Medikamente, und er lagerte im schwarzen T-Shirt mit verkrümelter Hose und braunen Socken in seinem roten Sessel und sah ziemlich elend aus. Schmal und sehr zerbrechlich. Und die weißen Haare standen ihm wie Vogelflaum zu Berge. Aber der Kopf war noch immer schön. Wir sprachen über alte Zeiten, neue Pläne, Sigmund Freud und zwei seiner Schauspieler, die sich das Leben genommen hatten, und die Fotografin Karin Rocholl durfte ihre Arbeit machen. Aber bitte nicht von der Seite, sagte er. Da hing doch diese Fettwucherung am Hals, dieses Lipom, das er nie hatte wegmachen lassen. Sonst kommt es nachher woanders wieder raus, sagte er. Sagte auch, wenn Lipomträger eines Tages mal in Mode kämen, wäre er doch fein raus. Da war er wieder, dieser Zadek-Witz. Also, es war fast ein lustiger Vormittag.

Nur das Interview wollte er nicht mehr geben. Und so schrieb ich denn mein kleines, freches Stück, und viele, die es lasen, sagten: Das wird er dir nie verzeihen. Sie kannten Zadek schlecht. Es kam ein bezaubernder Brief von ihm. Er fand die Geschichte herrlich und lud die Fotografin und mich in sein Haus nach Italien ein, nach Vecoli, das hoch oben in den Bergen über Lucca liegt. Dort würde er mit vielen Freunden Ende Mai seinen 83. Geburtstag feiern. "Sie sind höchst willkommen. Bis bald, Peter Zadek." Es wurde das letzte Wiedersehen.

Bremen war seine schönste Zeit

Kennengelernt hatte ich ihn Anfang der Sechziger, als er in Bremen Furore machte. Ich studierte damals Theaterwissenschaften und arbeitete ein halbes Jahr mit diesem jungen, wilden, arroganten Kerl mit der überschwappenden Fantasie, der 1958 aus dem englischen Exil zurückgekommen war. Bremen, sagte er, war seine schönste, seine aufregendste Zeit. Bremen war der Beginn einer neuen Theaterära. Mit "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind war der berühmte Bremer Stil geboren. Alles an diesem Stück war spannend für Zadek: die Schüler, die aufkeimende Sinnlichkeit, die Angst, die Sexualität, die Gnadenlosigkeit der Lehrer, der Selbstmord, die Abtreibung und der Tod danach. Seine blutjungen Akteure - Judy Winter, Vadim Glowna und Bruno Ganz - spielten auf fast leerer Bühne. Es gab nur das Riesenfoto von Rita Tushingham, das für Zadek eine Art Identifikation mit der jungen Generation war. Er ließ auch das Licht im Zuschauerraum nicht ausgehen. Die Leute sollten gesehen werden, wenn sie sahen, welche Probleme Schüler haben, wenn ihnen die Unschuld ausgetrieben wird.

Zadek war der Orkan, der den Staub von der Bühne wirbelte, der alten Schauspielern neues Gehen beibrachte. Sehr freundlich machte er das: Entschuldigen Sie bitte, aber Sie gehen leider wie ein Schauspieler. Und immer inszenierte er mit Lust und Leichtigkeit, erzählte Geschichten, probierte alles aus und hielt seine Akteure fest an langer Leine. Seine Haltung war - lagernd. Er lagerte in jedem Stuhl, in jedem Sessel, Sonnenbrille über der Stirn und die Arme hinterm Kopf verschränkt. Und wehe, es störte ihn jemand während der Probe mit irgendwelchen Lappalien. Das war für ihn wie ein Interruptus. Da konnte er gleich Schluss machen.

Der inszenierte Antisemitismus

Für mich war die Zeit in Bremen auch noch eine ungewöhnliche Geschichtsstunde. Zadek hatte Shakespeares "Kaufmann von Venedig" inszeniert mit dem Juden Shylock als bösem, gierigem Geldverleiher. Er war Täter, nicht Opfer. Das war ungeheuerlich. Wer, wenn nicht ein Jude, hätte sich das getraut. Dabei hatte Zadek so recht, wenn er sagte, es gibt eine Haltung, die heißt: Antisemitismus. Und die wird nie verschwinden, nicht mal, wenn es keine Juden mehr geben sollte. Also müssen antisemitische Stücke auf die Bühne, damit man weiß, was los ist.

Später wollte er ja auch, dass Fassbinders antisemitisches Stück "Die Stadt, der Müll und der Tod" aufgeführt wird. Gerade in Deutschland. Weil die Deutschen - anders als zum Beispiel englische Antisemiten - ihre Juden eben umgebracht haben. Deshalb wollte er so ein Stück, wie er sagte, quasi als Erholung von diesem Grauen auf der Bühne sehen. Ach, Zadek, er dachte so herrlich und erschreckend geradeaus. Und wie verhasst war ihm auch damals schon der Philosemitismus, diese devote, überfreundliche, verklemmte Art, mit Juden umzugehen. Er fühlte sich ja nicht als Opfer. Sein Vater war 1933 hellsichtig genug gewesen, gleich mit der Familie nach London zu emigrieren. Jetzt, bei unserer letzten Begegnung in Italien, sagte er mir, dass der Philosemitismus so weit ging, dass er nie genau wusste, warum man ihn engagierte. Ob man ihn vielleicht nur wollte, weil er Jude war. Ein Jude im Haus machte sich ja gut in der jungen Bundesrepublik.

Chaos auf die Bühne bringen

Gelähmt haben ihn solche Vorstellungen nicht. In Bremen schockte er das Bürgertum mit Brendan Behans "Die Geisel". Das Stück war gegen Autorität, Disziplin, Intoleranz, Nazis und Faschismus. Also gegen alles, was krank macht. Und der verrückte Zauberer Zadek brachte seine ganze Begabung ein, füllte das Original mit kabarettistischen Sketchen und anarchischen Brocken. Machte es aktuell. Wollte das ganze Chaos der Welt auf die Bühne bringen. Der Provokateur als Aufklärer. Und das junge Publikum jubelte.

Jetzt, Ende Mai in Vecoli, in seinem alten italienischen Gemäuer mit dem Medici-Wappen über der Terrassentür, war die Sehnsucht nach einer frischen Inszenierung ungebrochen. Und die Melancholie über ausbleibende Angebote groß. Jedes Theater, egal wo auf der Welt, war doch sein Zuhause. Sogar auf der Intensivstation, wo er nach seiner schweren Operation an Schläuchen hing, bot er den Ärzten, halb sediert, seinen Tontechniker an, der die widerlichen Piepgeräusche der Apparate mal richtig einstellen könnte. Und für die uniformierten Schwestern würde man im Theaterfundus auch was Fröhlicheres finden.

Die Emanze und der Chauvi

Er liebte sein Haus bei Lucca, in dem er viele Monate im Jahr mit seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Elisabeth Plessen, wohnte. Vor 30 Jahren, als er die junge Gräfin kennenlernte und in ihrem Herrenhaus in Schleswig-Holstein besuchte, kam er sich vor wie im Film, wie in "Rebecca". Dabei mochten sie sich anfangs beide nicht. Sie war für ihn die bekannte Emanze, er der chauvinistische Jude, der den Intellekt für sich gepachtet hatte. Also beste Voraussetzungen für eine haltbare Liebe.

Wir saßen auf der Terrasse mit Blick auf einen sehr italienischen Garten mit Oleanderbüschen und Zitronenbäumen, und Zadek sagte: Ja, sie ist die Frau, bei der ich mich nie langweile und die ich wirklich liebe. Aber anfangs waren da noch andere Geliebte, sagte ich, und die Plessen stellte Sie vor die Wahl: Die oder ich. Ja, ja, sagte er vergnügt, Sie sehen, wie ich ihr gefolgt bin. Aber da musste Elisabeth Plessen lachen. Sie kam mit einem Glas Wasser an. Er trinkt ja nie genug, sagte sie, man muss ihm ja alles hinterherschleppen. Und erzählte, dass es am Anfang gewaltige Probleme gab, dass sie sogar vor ihm bis nach Kalifornien geflohen war. Bloß weg!

Zeitungen, Bücher, Filme - kein Fernsehen

Hier in Vecoli, mit den vielen Tausend Büchern, waren sie dann ein richtiges Kulturduett geworden. Sie schrieb Romane und Gedichte und übersetzte die Shakespeare-Stücke, die er machen wollte. Er bereitete seine Inszenierungen vor. Aber jetzt saß er oft nur noch da und guckte in die Bäume, dachte nach, las englische Zeitungen oder den "Spiegel" und ärgerte sich, wie er sagte, grün. Sah die "Tagesschau" und war entsetzt über die angeschlagene Welt, die, wie er sagte, ohne Theater wohl völlig kaputtginge. Las Philip Roth und begriff, dass die Leiden des Alters noch bitterer sein konnten. Fern sah er kaum. Zu schlechte Programme. Wenn er etwas sehen wollte, schob er eine seiner vielen Hundert Kassetten ein: "Rebecca", "Casablanca", "Der Dritte Mann", "Die Kinder des Olymp" oder "Sein oder nicht sein". Die unerreichten Klassiker.

Ein Klassiker ist nun auch Zadek. Ein Titan, der 50 Jahre lang das Theater in Trab und in Atem gehalten hat. Vor allem mit seinen drei Theatergöttern: Shakespeare, Tschechow und Ibsen. Niemand hat uns Shakespeare so eingetrichtert wie er mit seinem "Held Henry", "Maß für Maß", "König Lear", "Hamlet" oder "Richard III." Er war ja nicht Zerstörer um der Zerstörung willen. Er las die Stücke nur ganz genau und dachte sie in seine politische Zeit hinein. Und Tschechow kannte er von englischen Bühnen her. Aber dort wurden sie nicht so traurig und melancholisch aufgeführt wie in Deutschland. Also wurde neu übersetzt und mit Witz gespielt. Und Ibsen liebte er, weil der seine Stücke wie einen Kriminalroman baute, und Zadek war ja ein leidenschaftlicher Krimileser.

Auch Privates wird mit dem Stück verwoben

Er war überhaupt ein genussvoller Inhalierer, der Bilder, Bücher, Filme oder Comics ausschlachtete und verarbeitete. Und weil er eine herrlich freie, aber immer kontrollierte Fantasie besaß, verwob er schon mal alles miteinander. Auch sehr Privates. Als er sich Mitte der Siebziger von einer Geliebten getrennt hatte, sagte er zu seinem Lieblingsschauspieler Ulrich Wildgruber: Hör mal, Uli, ich weiß auch nicht, warum, aber du solltest den Othello spielen. Zadek wusste natürlich genau, warum. Er war eifersüchtig wie Othello. Weil die Geliebte nun mit einem Kollegen schlief, der homosexuell war. Das machte ihn ganz hilflos. Und da fiel ihm dann das Verhältnis Othellos zu Jago ein. Das hatte für ihn immer homosexuelle Züge. Und in Italien war ihm auch noch ein Comicstrip in die Hände gefallen, wo Jago - der ja die ganze Intrige mit Desdemonas vermeintlicher Untreue einfädelt - als alte Tunte dargestellt war. Und die akademische Frage, was bedeutet die schwarze Farbe von Othello, hat er immer als verlogen angesehen. Ein Neger, sagte er knallhart, schläft nicht mit einer weißen Frau. So simpel ist das. Die Leute denken es, aber sie sagen es nicht. Es ist also ein rassistisches Stück, sagte Zadek. Und sein mit schwarzer Schuhwichse eingeschmierter Wildgruber färbte ab, färbte auf Eva Mattes ab. Desdemona war also eine von Othello Gezeichnete. Da wurde der Tabubruch sichtbar. Es war eine aufrührerische, wüste, aggressive und laszive Inszenierung, lang beklatscht und laut beschimpft, so wie Zadek es liebte. Gestern ein Skandal, heute eine Theaterlegende.

Am nächsten Tag wurde Geburtstag gefeiert. Elisabeth Plessen, ihre Schwester und italienische Nachbarn schmückten die Tische, stellten Salate und Pasta, Torten und Obst zu Brot, Wasser und Wein. Die Gäste trudelten den ganzen Vormittag über ein mit Blumen, Küssen und Geschenken. Freunde und Schauspieler, auch ein paar Geliebte waren dabei. Die älteste kam aus London. Darf ich vorstellen, sagte Zadek, sie war die Erste, mit der ich zusammenlebte. Seine Mutter, sagte er, sei damals entsetzt gewesen. Eine Schauspielerin! Das war natürlich lebensgefährlich.

Es war ein schöner, warmer, träger Sonnentag mit viel Gelächter und langen Gesprächen. Und weil Zadek ein bisschen schlapp war, lagerte er draußen im Sofa auf Kissen in kurzer Hose und beobachtete die ganze Gesellschaft um sich herum. Nicht mit dem Röntgenblick vom Theater, eher wie einer, der gern für sich ist. Und guckt. Und denkt. Er war ja immer ein bisschen abgeschottet. Ich glaube, sagte er, mein Außenseitertum ist genetisch. Und Angst vor dem Tod hat er schon als kleiner Junge gehabt. Wollte schon mit drei Jahren von seiner Mutter wissen, wie Totsein ist. Aber was sollte sie ihm sagen? Sie war nicht religiös. Er war es auch nie, auch wenn er Jom Kippur und Rosch ha-Schana, den jüdischen Neujahrstag, feierte. Aber das hatte nichts mit Religion zu tun, sagte er. Und da hat man dann natürlich keine Vorstellungen von Himmel und Hölle und Tod und Teufel. Da muss man dann eben auf Erden gegen die Angst anspielen.

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