Harry Potter Das große Finale


Ein Kinderbuch ist das coolste Medium des digitalen Zeitalters: Seit zehn Jahren hält ein schottischer Zauberlehrling Millionen von Fans weltweit in Atem. Bevor sich nun im letzten Band das Schicksal von Harry und seinen Freunden erfüllt, heizt ein neuer Potter-Film den Hype an. Startschuss für die totale Pottermania.
Von Oliver Fuchs

Einmal noch tief durchatmen. Dann: Festhalten! Gleich bricht ein Sturm los, ein Kreischen und Drängeln und Schubsen. Und glauben Sie bloß nicht, liebe Leser, Sie wären in Sicherheit, weil Sie bisher einen Bogen um die ganze Sache gemacht haben und gar nicht wissen, was "Hufflepuff" bedeutet und "Horkrux" und "Quidditch"! Trillionen von Menschen sind außer sich. Ihr Nachbar ist sehr wahrscheinlich einer von ihnen, Ihre Tochter oder Ehefrau. Seit Monaten fiebern die Fans diesem Moment entgegen. Jeder will als Erstes den Star sehen, ihn berühren und mit ihm ins Bett.

Der Star ist 20,5 Zentimeter hoch und 13,5 Zentimeter breit und wiegt circa 700 Gramm. Der Star ist ein Buch. 608 Seiten dick. Es ist der siebte und letzte Band von Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Saga und heißt "Harry Potter and the Deathly Hallows". Am 21. Juli wird es millionenfach in der englischsprachigen Originalversion ausgeliefert an ein sehnsüchtiges Publikum, das vor Buchhandlungen kampieren wird und sich notfalls auch dort anketten würde. Nur um beim Finale dabei zu sein. Tumult. Spitze Schreie. Szenen wie bei einem Rockkonzert. Es ist der Sommer des Harry Potter. Pottermania überall.

Es gibt Tote

Kurz vorher, am 12. Juli, kam die Verfilmung des fünften Bands weltweit in die Kinos, "Harry Potter und der Orden des Phönix". Wobei der Kino-Potter ein ganz normaler Blockbuster werden dürfte. Die Leute rennen rein, essen Popcorn, haben Spaß, gehen wieder heim. Der Film ist düsterer als die Vorgänger, härter, realistischer (soweit das bei Fantasy möglich ist). Der Zauberlehrling pubertiert, wird zum angry young man, er entdeckt die Magie der Liebe. Das ist hübsch anzusehen, aber nicht wahnsinnig aufregend. Zumal der Kino-Potter ja auch nur die Vorgruppe ist. Der Haupt-Act ist das Buch. In "Harry Potter and the Deathly Hallows" geht es um alles. Es kommt zum finalen Showdown zwischen Gut und Böse, so viel ist bekannt. Und: Am Ende gibt es wohl Tote. Zwei Tote. Wer stirbt, darüber wird im schwatzsüchtigen Internet spekuliert, bis die Drähte glühen. Harrys Freundin Hermine? Kann sein. Harrys Kumpel Ron? Gut möglich. Harry selbst? Das wäre natürlich Rock'n'Roll.

Damit auch nicht das winzigste Detail an die Öffentlichkeit dringt, lässt der britische Verlag Bloomsbury in einer ostdeutschen Kleinstadt drucken, in einem Hochsicherheitstrakt, der ähnlich streng bewacht wird wie das Gefangenenlager Guantánamo. Bei Band Nummer 6 war es so, dass ein Sicherheitsmann zwei Exemplare aus der Druckerei stahl und drohte, die Handlung an die Boulevardpresse preiszugeben. Ein Gericht verurteilte ihn zu viereinhalb Jahren Gefängnis. In den USA wurden Potter-Bücher von christlichen Fundamentalisten verbrannt, in Moskau ermittelten Staatsanwälte wegen des Verdachts auf Anstachelung zu religiösem Hass.

Gesundheitstipps zum Schlangestehen

Am Erscheinungstag des letzten Potter- Bands wird das Transportunternehmen Fed Ex in den USA wohl wieder seine gesamte Lastwagen- und Flugzeugflotte mobilisieren müssen. In Großbritannien gibt die BBC auf ihrer Website Gesundheitstipps zum Schlangestehen ("Nehmen Sie ausreichend Wasser und Nahrung mit"). Gerade hat ein bloggender Spaßverderber und Potter-Gegner im Internet den vermeintlichen Schluss verraten. Das letzte Wort des Romans lautet ihm zufolge übrigens "Narbe".

Narbe? Wieso ausgerechnet die Narbe? Darüber zerbrechen sich jetzt Trillionen von Potterianern den Kopf. Wann hat es zum letzten Mal so einen Wirbel gegeben um Literatur? "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende, der Märchen-Hype der 80er Jahre, war ein Klacks dagegen. Nicht mal Goethe kann da mithalten. Sein Bestseller "Die Leiden des jungen Werthers" löste nur eine klei- ne Selbstmordwelle unter Jugendlichen in Mitteleuropa aus.

Ein Buch als coolstes Medium

Dass das gedruckte Wort tot sei, behaupten Kulturpessimisten wie Fortschrittsoptimisten seit vielen Jahren. Vor allem die Jugend findet Bücher angeblich langweilig, weil viel zu analog. Nun ist ausgerechnet ein Buch - Kinderbuch? Jugendbuch? Erwachsenenbuch? Na, jedenfalls ein Buch - zum coolsten Medium des digitalen Zeitalters geworden. Am Erscheinungstag des neuen iPod kampieren nur wenige Fans vorm Fachgeschäft.

Warum wird ausgerechnet dieses Buch so rauschhaft gefeiert? Weil es gut geschrieben ist, sagen die einen. Das sagen im Übrigen auch Literaturwissenschaftler. Harry Potter bietet eine Traumwelt, sagen die anderen, eine Art gedrucktes Rollenspiel, in das man sich prima flüchten kann, wenn einem die blöde Tatsachenwelt auf den Keks geht.

Nicht so fantastisch, wie es scheint

Das gute alte Eskapismus- Argument wird ja immer gern genommen. Dabei sind die Potter-Bücher gar nicht so fantastisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Auch im Zauberreich gibt es Schulstress und Konsumterror, verfeindete "ethnische" Gruppen bekämpfen sich mit kriegerischen Mitteln, und statt einer SMS wird halt eine Eule verschickt. Der Potter- Kosmos ist ein satirisch überhöhtes Paralleluniversum, das unserer Wirklichkeit auf frappierende Weise ähnelt.

Viel märchenhafter ist die Entstehungsgeschichte, die damit beginnt, dass eine Frau während einer Zugfahrt plötzlich eine Idee hat. Vor ihren Augen entsteht eine Welt, ein Internat mit knarzenden Dielen, Zauberlehrlingen, die wettkampfmäßig Besen reiten, so wie Jugendliche in der wirklichen Welt snowboarden. Sie schreibt die Geschichte auf. Mit Kuli in ein Notizbuch. Eine Schreibmaschine kann sie sich nicht leisten. Die Frau ist arbeitslos, alleinerziehende Mutter, lebt von Sozialhilfe.

Zentrales Kapitel entsteht auf Formular

Ein zentrales Kapitel entwirft sie auf einem Amtsformular, es ist ein Antrag auf Mietbeihilfe. Heute ist Joanne K. Rowling eine der reichsten Frauen der Welt. Reicher als die Queen. Sie hat weltweit 325 Millionen Bücher in 65 Sprachen verkauft. Ihr Vermögen wird auf rund 810 Millionen Euro geschätzt. Rowling schreibt immer noch mit dem Kuli, heißt es. Man könnte sagen, dass sie eine One-Woman- Band ist. Mit ihrem Kuli rockt sie die Welt. Heftiger als Madonna und Robbie Williams und die Red Hot Chili Peppers zusammen.

Nichts von dem, was Rowling schreibt, ist neu. Sie variiert eine Geschichte, die wohl so alt ist wie die Menschheit: Ein Held, der nichts ahnt von der metaphysischen Mission, die er zu erfüllen hat, und den überirdischen Kräften, die in ihm schlummern; den Ruf des Schicksals überhört er zunächst, er hält sich ja für einen ganz normalen Versager; irgendwann fügt er sich doch, zieht in den Kampf. Und so weiter.

Exportschlager britischer Humor

Rowling nimmt diesen Mythos vom Helden, der in die Welt zieht, um sie zu retten, und schmückt ihn aus. Mit überbordender Fantasie und unendlicher Liebe zum Detail. Die Britin schlägt einen ironischen, mitunter schrulligen Ton an, der Menschen in China, Russland und Brasilien gleichermaßen betört. Exportschlager britischer Humor. Durch diesen Rowling-Ton hebt sich "Harry Potter" ab von ähnlich konstruierten Traumwelten wie "Star Wars" und "Herr der Ringe". Sollte jetzt beim Finale Harry Potter seinem Erzfeind, dem Dunklen Lord, zum letzten Duell gegenübertreten, wäre das zunächst nichts anderes als der Schwertkampf zwischen Luke Skywalker und Darth Vader im dritten Teil von "Star Wars".

Der große Unterschied aber ist, dass bei "Star Wars" Hunderte Millionen Dollar verpulvert wurden für Spezialeffekte und Statistenarmeen. Die Produktionskosten eines "Harry Potter"-Manuskripts belaufen sich auf circa vier Euro. Oder vielleicht sieben? Okay, neun Euro höchstens. Viel mehr können ein Kuli und ein Notizbuch nicht kosten. Die irrsten Bilder und die spektakulärsten Spezialeffekte entstehen immer noch an einem Ort, den kein Medienmoloch je kolonialisieren kann: in der Fantasie. Das ist - und das war nun leider - die eigentliche Magie von Harry Potter.

Mitarbeit: Christian Aust print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker