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Hildegard-Knef-Film: Rote Rosen für Heike Makatsch?

In dem Film "Hilde" spielt Heike Makatsch die große Hildegard Knef. Kann das gutgehen? Aber ja, meint Sophie Albers und schwärmt von Makatschs Gesangeskünsten. Nein, sagt Carsten Heidböhmer. Der Film ist ein billiger Abklatsch von Hollywood-Filmbiografien und wird "der Knef" nicht gerecht.

Pro: Merkel muss Abwracken
Contra: Bescheidenheit statt Brioni
Von Sophie Albers

Frauen wie Hildegard Knef gibt es nicht mehr im deutschen Showgeschäft. Statt Ehrlichkeit, große Gesten und Kampf um Leben und Kunst gibt es nun Ganzkörper-Botox, Zickendrama und Castingshows. Gut, dass "Hilde" uns an andere Zeiten erinnert.

Es fängt an mit der niedrigen Erwartung: Das Budget war nicht umwerfend, Heike Makatsch spielt die Hauptrolle, und der Regisseur hat vorher viel Fernsehen gemacht. Also setzt man sich hin und erwartet im günstigsten Falle gar nichts. Aber dann fängt "Hilde" an zu erzählen.

Zugegeben: Schon in den ersten Minuten nervt Makatsch, die sich in der Stimmlage Alt versucht und eine lebenserfahrene Jovialität vor sich herträgt, die man ihr einfach nicht abnimmt. Aber lässt man ihr etwas Zeit, finden sich Stimme und Habitus, Heike und Hilde - ein bisschen zumindest. Der noch viel beeindruckendere Effekt dieser Filmbiografie über Deutschlands großen Nachkriegs-Star ist allerdings, dass eben gerade Makatschs Grenzen zeigen, wie groß diese Hildegard Knef eigentlich war. Denn auch wenn Hungerhaken Makatsch nie so sehr Frau sein wird wie die Knef, wenn sie wohl nie deren ungebremsten Lebenshunger und Trotz in sich hatte, zeigt die Schauspielerin ("Margarete Steiff"), wie das ansatzweise hätte aussehen können. Und eine Erinnerung, wenn nicht ein Denkmal für die spielende, singende, schreibende Knef war schon lange fällig.

Das sehen Knef-Fans in "Hilde" nicht, wenn man sich die bisherigen Reaktionen auf Kai Wessels Film ansieht. Immer wieder wird Makatsch als Grund genannt, weil sie einfach nicht an die Diva heranreiche, immer sie selbst bleibe. Aber genau da liegt der Denkfehler. Es kann immer nur eine Annäherung sein. Eine Vorstellung mit anderen Mitteln. Ob nun Joaquin Phoenix als Johnny Cash in "Walk the Line" oder Marion Cotillard als Edith Piaf in "La vie en rose", alle mussten sich anhören, dass ihnen - wenn überhaupt - gerade mal der Joaquin Cash oder die Marion Piaf gelungen sei. Nun gibt es eben die Hilde Makatsch. Und geben wir es doch zu: Dass Makatsch alle Songs selbst eingesungen hat, ist verdammt beeindruckend. "Stand by your Man" ist vergessen.

Doch noch etwas schafft dieser Film in seinen 136 Minuten: Er porträtiert nicht nur eine Figur des Showgeschäfts, er zeichnet auch noch ein ziemlich genaues Bild der Zeit, der Stadt Berlin, Deutschlands. Das geht manchmal so weit, dass man Hilde ein bisschen aus den Augen verliert, wenn die Mauer gebaut wird, oder wenn das deutsche Publikum sich zwar voller Elan in den Hass auf die Knef wirft, weil die sich in Willi Forsts "Die Sünderin" ausgezogen hat, aber gerne einfach ausblendet, dass vor ein paar Jahren in seinem Namen sechs Millionen Juden ermordet worden sind. "Hilde" zeigt das alles. Den Krieg, die Menschen, den Alltag. Und der Film zeigt es durch die Augen von Hilde Makatsch.

Es sei ihm wichtig gewesen, dass man die Knef in ihrer Zeit und in dieser Stadt verstehe, sagte Regisseur Wessel im Gespräch mit stern.de. Diese Frau, die nicht politisch sein wollte, es aber mit jeder Zelle war, während sie nach Freiheit, Liebe und Ausdruck suchte. Wessel spricht von ihr wie von einer alten Bekannten. Und das schafft dieser Film denn auch. Wenn das Licht wieder angeht, hat man das Gefühl, ein bisschen mehr über "Die Knef", ihre Zeit und dieses Land zu wissen. Und für den Heimweg gibt es eines der brillanten Bonmots, mit denen Knef um sich geworfen hat: "Wer sich mit der Kunst verheiratet, bekommt die Kritik zur Schwiegermutter."
Von Carsten Heidböhmer

Es wäre gemein, wollte man das Scheitern von "Hilde" Heike Makatsch in die Schuhe schieben. Es wäre auch falsch: Denn an der Hauptdarstellerin liegt es zuallerletzt, dass einen dieser Film zu keiner Minute berührt, dass einem der Mensch nicht nahe kommt und man hinterher immer noch nicht weiß, was diese Hildegard Knef eigentlich angetrieben hat.

Auch wenn sie die meiste Zeit im Film aussieht wie Heike Makatsch mit Hilde-Knef-Perücke: Man merkt ihr an, dass sie sich redlich Mühe gegeben hat, sich in ihre Rolle gründlich eingearbeitet hat. Vor allem stimmlich gelingt es ihr bisweilen ganz gut, den Knef-Sound zu treffen. Mehr hätte auch eine andere Darstellerin nicht zustande gebracht: Denn die Knef ragt wie ein einsamer Fels aus der gesamten bundesdeutschen Nachkriegskultur heraus, dagegen muss jede Schauspielerin wie ein blasses Abziehbild wirken.

Das Problem von "Hilde" ist ein ganz anderes: Anstatt einen eigenen Ton anzuschlagen und eine typisch deutsche Geschichte zu erzählen - denn die Triumphe und brutalen Abstürze im Leben des Weltstars sind eng mit der Geschichte Nazi-Deutschlands und der BRD verknüpft -, ahmt der Film in Bildsprache und Drehbuch die großen Hollywood-Biopics nach.

In Ermangelung einer eigenen erzählerischen Idee haben die Macher 1:1 von "Walk the line" abgekupfert, dem gefeierten Biopic über das Leben von Johnny Cash. Das begann unmittelbar vor einem Auftritt. Bevor Cash die Bühne betritt, durchläuft der Film noch einmal die wichtigsten Stationen in Cashs Leben und mündet schließlich in das triumphale Konzert im Folsom Prison 1968.

"Hilde" setzt ein im Jahr 1966, die Situation ist dieselbe: Die Sängerin besucht ihre Heimatstadt Berlin, um ein Konzert zu geben. Während sie sich hinter der Bühne auf den Auftritt vorbereitet, lässt sie die wichtigsten Stationen ihres Lebens Revue passieren, ehe sie zum Abschluss tosenden Applaus vom Berliner Konzertpublikum erntet.

Diese Konstruktion hat leider einen kapitalen Fehler: Cash hatte 1968 seine Alkoholsucht besiegt und mit June Carter die Frau geheiratet, die ihn bis zu ihrem Tod begleiten sollte. Das Konzert im Folsom Prison kann tatsächlich als einer der Höhepunkte in seiner Karriere gelten. Insofern hat es eine gewisse Stimmigkeit, den Film an diesem Punkt enden zu lassen.

Dagegen mutet es vollkommen willkürlich an, ein Hildegard-Knef-Biopic mit dem Berlin-Konzert von 1966 enden zu lassen. Weder nimmt dieser Auftritt eine besondere Stellung in der Karriere der Künstlerin ein, noch ist die charakterliche Entwicklung hier zu einem Endpunkt gekommen. Im Gegenteil: Die turbulentesten Jahre folgten erst noch! Die Geburt ihrer Tochter Christina Antonia. Der Triumph als Buchautorin mit "Der geschenkte Gaul" - immerhin das erfolgreichste Buch eines deutschen Autors seit 1945. Die Scheidung von ihrem zweiten Ehemann David Cameron und die Hochzeit mit Ehemann Nummer drei, dem 15 Jahre jüngeren Paul von Schell. Misserfolge, brutale Abstürze, Alkoholprobleme, Krebserkrankung. 1982 Flucht ins Ausland, schließlich die Rückkehr nach Deutschland und die späten Triumphe und Ehrungen.

Wer all das ausspart, reduziert das Leben eines hoch talentierten, komplexen, widersprüchlichen, chaotischen, ehrgeizigen, vor allem aber unbändig lebenshungrigen Menschen auf eine platte Selbstfindungsgeschichte: Wie die kleine Hilde zu sich selbst fand. Das hat Hildegard Knef nicht verdient. Diesen Film hat nicht einmal Heike Makatsch verdient.
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