Interview Michel Gondry "Viel lieber würde ich heulen"


Mit seinen phantasiereichen Filmen hat sich Michel Gondry als einer der originellsten visuellen Künstler seiner Zunft etabliert. Im stern.de-Interview redet der Regisseur über seinen neuen Film "Abgedreht" und verrät, warum er bei seinen Dreharbeiten sanftes Chaos schätzt.

"Ghostbusters", "Miss Daisy und ihr Chauffeur", "Der letzte Tango in Paris", "2001 - Odyssee im Weltraum"... Es gibt keinen Film, den Jerry und Mike, die beiden Angestellten einer kleinen Videothek in einem Vorort von New York, nicht selbst nachdrehen: Mit Alufolie, Fön, Laubsäge und Filzstift rücken sie der Filmgeschichte zu Leibe. Der Grund: Jerry hat aus Versehen die Bestände der Videothek gelöscht. Da die beiden Verkäufer ihre Kunden nicht vergraulen wollen, nehmen sie die Tapes neu auf. "Abgedreht" ist wieder ein echter Michel-Gondry-Film geworden, in dem er seinen persönlichen Film-Grillen und vorsintflutlichen Gestaltungsideen freien Lauf lassen kann. Zärtlich, chaotisch, lustig und eben "Abgedreht". stern.de-Mitarbeiter Julian Weber sprach mit dem Regisseur über seinen neuen Film.

Herr Gondry, mögen Sie Remakes?

Oh, nein. Remakes kann ich nicht leiden. Ich wurde schon oft gebeten, Remakes zu drehen, habe aber alle Angebote grundsätzlich abgelehnt. Obwohl selbst am Anfang der Filmgeschichte schon Remakes gedreht wurden, halte ich sie für reichlich überflüssig. Denn Remakes sind teurer als das Original. Ich habe dieses Prinzip für "Abgedreht" umgekehrt: Ich nehme teure Filme als Vorlage und mache daraus billige Remakes.

Diese selbstgedrehten Remakes werden nach den Worten Ihrer Hauptdarsteller "geschwedet". Wie kamen Sie darauf?

Zuerst dachten wir an den Begriff "Pimp your Video", aber mein Cutter war der Ansicht, die MTV-Kultur sei mitsamt ihrem Vokabular auf den Hund gekommen. Also haben wir nach einem alternativen Begriff gesucht. Mir schwebte etwas in der Art wie "Suede" (englisch für Samt, Anm.d.A.), aus dem Elvis-Song "Blue Suede Shoes" vor. Als Verb kam schweden dann beim Dreh auf: Jerry (Jack Black) versucht einen aufgebrachten Kunden zu beruhigen. Der knallt ihm ein versehentlich gelöschtes Videotape auf den Tisch und verlangt seine 20 Dollar zurück. Jack improvisierte diese Szene und sagt, alles easy, wir schweden Ihnen das Videotape.... Ich dachte, oh Gott, das ist kein Verb, das ist doch ein Land. Und Jack bejahte. Meine Filme handeln davon, was meine Protagonisten aus ihrer Welt auf der Leinwand machen. Es geht weniger darum, wie die Welt in Wirklichkeit ist.

So wie Sie es darstellen kann man auch nicht durch elektromagnetische Strahlung Videobänder löschen, oder?

Nein, das ist reichlich abstrus. Aber das Elektrizitätswerk, in dem wir gedreht haben in Passaic/New Jersey, gibt es wirklich. Mein Setmechaniker Earl hat früher auf dem Schrottplatz nebenan gearbeitet. Sein Boss hatte Haarausfall, und wir waren uns ganz sicher, dass das mit der Stromspannung zu tun haben muss. Ich habe das für meinen Film ein bisschen zugespitzt. Jerry wird von der elektromagnetischen Spannung des E-Werks aufgeladen und löscht dadurch alle Tapes in der Videothek. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie in Ihrer Videothek einen Film leihen, und statt diesem befindet sich auf dem Tape ein von den Angestellten eigenhändig gedrehtes Remake?

Ich würde mich ziemlich wundern.

Genau wie die Kunden der Videothek in meinem Film zuerst auch. Aber dann zahlen sie doch gerne, um die selbstgedrehten Filme zu sehen. Die Strategie für "Abgedreht" entspricht im Übrigen auch meiner Philosophie vom Filmemachen: Ich nehme mich immer einem unmöglichen Thema an und denke es als Möglichkeit nach. In der Mathematik nennt man das Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Mathematik hin oder her, Ihr Film ist gespickt mit Filmzitaten. Eigentlich eine Frechheit, daraus einen Film zu machen...

Für mich ist "Abgedreht" kein Film über andere Filme. Es ist vielmehr ein Porträt über die Bewohner eines Stadtviertels. Sie beschließen, etwas zusammen zu unternehmen. Lassen Sie es mich mit einer Anekdote über Walt Disney und seinen kleinen Neffen erklären. Als Disney ihn im Sandkasten spielen sah, entwarf er den größten Vergnügungspark, den die Welt gesehen hat. Völlig umsonst, denn sein kleiner Neffe buddelte friedlich im Sandkasten und hatte eine Spitzenzeit mit sich und seiner kindlichen Fantasie. Genauso sage ich, die Menschen sollen lieber ihre eigenen Filme drehen, anstatt die Produkte der Unterhaltungsindustrie zu konsumieren. Sie werden sich ihre eigenen Filme auch lieber ansehen, weil alle Freunde mitspielen und die Dreharbeiten großen Spaß machen.

Ist "Abgedreht" also eine Hommage an Menschen, die ihre Homemovies auf Youtube stellen?

Klar, diese Kultur spielt da schon mit rein. Aber: Leute, die sich den ganzen Tag mit Youtube beschäftigen, gehen nicht vor die Tür. Mir gefällt der Gedanke besser, die Leute drehen draußen einen Film und schauen ihn sich hinterher zusammen an. So wie am Ende von "Abgedreht", als sich viele Zuschauer die fiktive Fats-Waller-Dokumentation auf der Straße vor der Videothek ansehen. Das war nicht geschauspielert, wir haben viele Passanten unter den Cast gemischt, und sie dachten alle, wir drehen einen Film über den Jazzpianisten Fats Waller. Ich habe meine Videokamera auf die Zuschauer gerichtet: Aus ihren Gesichtern sprechen Stolz und Freude.

Warum Fats Waller?

Er ist einer meiner großen Idole. Fats Waller ist für mich ein wahrer Alltagsheld, sein Spirit schwebt über der Gemeinschaft in meinem Film. Auch in "Abgedreht" wird Geld gesammelt, so wie damals in den 1940ern zu Lebzeiten von Fats Waller, als die Schwarzen in Harlem spontane Miet-Partys in Privaträumen veranstalten, auf denen der Gastgeber die Monatsmiete mit Getränkeverkäufen reinholte.

Sie haben sich als Filmemacher weiterentwickelt, machen mal eine Komödie, dann wieder einen Dokumentarfilm. Wie geht das?

Ich bleibe immer in Bewegung. "Eternal Sunshine" handelte nur von enttäuschter Liebe, der Nachfolger "Science of Sleep" handelte dagegen von enttäuschter Liebe und dem Versuch, diese Enttäuschung in Kreativität umzumünzen. In Zukunft möchte ich mich auch von der leichten Komödie hin zu anderen Genres begeben. Mein nächster Film könnte politisch sein, dafür werde ich recherchieren müssen. Ich habe mir nur eins vorgenommen: Ich will keine manipulativen Filme machen und nicht nur eine Sichtweise zulassen. Jeder meiner Filme ist anders. In dem Dokumentarfilm "Dave Chappelle's Block Party" habe ich die HipHop-Kultur und den Komiker Dave Chappelle porträtiert. Es war sozusagen meine Einführung in die afroamerikanische Welt, die ich vorher bereits mit Sympathie, aber nur aus der Distanz verfolgte. Bei den Dreharbeiten habe ich viel gelernt. Es genügte schon, dass Dave Chappelle die Straße runterlief, dann nahmen die Kids auf der Straße seine positive Energie auf. Und dieses Wissen wendete ich auch bei "Abgedreht" an, denn der Film handelt letztendlich von der heilenden Kraft der Gemeinschaft.

Sie sind zurzeit auch künstlerischer Stipendiat am berühmten naturwissenschaftlichen Think Tank M.I.T. in der Nähe von Boston. Was machen Sie da?

Es ist ein Studienprogramm, bei dem ich mehrmals im Monat Naturwissenschafts-Doktoranden treffe. Wir diskutieren zusammen und machen Experimente. Sie reagieren naturgemäß sehr stark auf meine Ambitionen als verrückter Professor: Mein Zeitmaschine aus "Science of Sleep", die für eine Sekunde die Uhr anhalten kann, stieß auf großes Interesse. Das gemeinsame Brainstormen kommt meiner Arbeit als Regisseur zugute.

Sie benutzen grundsätzlich keine Special Effects, alles ist bei Ihnen handgemacht und gezeichnet, wie im Trickfilm. Wieviel Improvisation ist dabei?

Oft entstehen die Ideen direkt am Set. Ich finde etwas in meinen Equipment-Kisten und teile dem Filmteam spontan mit, wie wir etwas daraus machen. Manchmal zeichne ich einen Plan und dann müssen sich die Leute meiner Crew eine Lösung dafür überlegen. Handgemachte Effekte sind eigentlich viel schwerer zu gestalten als digitale Effekte, die irgendwo am Schneidetisch im Computerstudio entstehen. Bei mir sind immer mehrere Mitarbeiter am Set beteiligt und sie können den Prozess live verfolgen und müssen dafür zusammenarbeiten.

Oft wirken die Ergebnisse chaotisch.

Ja, ich mag das Chaos. Sanftes Chaos ist bei den Dreharbeiten besonders gut, dann vergessen die Schauspieler, was sie eigentlich tun sollen. Sie sind ja eher egomanisch veranlagt. Besser ist es aber, wenn sie alles um sich vergessen und mit den Umständen kämpfen müssen. Das Chaos und der ganze technische Kram lenken sie ab und dann wird das Schauspielen gut.

Was bedeutet Ihnen eigentlich das Kino.

So wie ich es verstanden habe, ist Kino die Idee, dass man einen Film von Grund auf selbst gestaltet. Das ist der angenehme Teil meiner Arbeit. Wir bauen zusammen eine Geschichte von A bis Z...

Und der schwierige Teil?

Ich muss immer so tun, als breche um mich herum nicht die Welt zusammen. Aber meine Welt am Dreh ist voller Desaster. Und währenddessen muss ich mein Filmteam auch noch bei Laune halten. Das ist nicht einfach, denn viel lieber würde ich selber heulen.

Interview: Julian Weber


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