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Interview mit Luc Besson: "Lucy könnte jedem passieren"

Luc Besson hat den ultimativen Luc-Besson-Film geschaffen: "Lucy". Ein Gespräch über Erwartungen, Drogen und warum es Scarlett Johansson sein musste.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Kinotrailer: "Lucy"

Der Mann macht Hollywood in Frankreich, und das seit Jahrzehnten. Luc Bessons Filme hatten immer schon eine eigene Handschrift, die französische Abgedrehtheit und Traumfabrik-Action miteinander perfekt verbunden hat. Mit dem Sci-Fi-Actionthriller "Lucy", der Scarlett Johansson noch mehr zur Überfrau macht, als sie es ohnehin schon ist, hat er ein Meisterwerk dieser eigenen Handschrift geschaffen. "Lucy" hat mittlerweile weltweit fast 220 Millionen Dollar eingespielt. Kein Wunder, dass Besson blendend gelaunt ist, als er eines Abends anruft, um über "Lucy", Scarlett und das Leben als Film zu plaudern.

Monsieur Besson, wie hat "Lucy" angefangen?


Es ist immer etwas kleines, ein Detail, etwas, das man liest oder sieht, und wenn dieser Funken dich noch nach ein paar Wochen oder Monaten immer noch beschäftigt, dann ist da vielleicht was. Ich habe irgendwo in Frankreich einen Film beworben, der Bürgermeister gab ein Abendessen, und sie haben eine junge Frau neben mich gesetzt. Ich dachte, das ist wahrscheinlich die Cousine des Bürgermeisters, die Schauspielerin werden will...

Ist das meistens so?


Immer! Die denken immer, ich merke es nicht. Aber das ist in Ordnung, meistens sehen die Frauen gut aus, und so ist es ein nettes Abendessen. An diesem besagten Abend drehe ich mich also zu ihr und frage höflich: "Und, was machen Sie?" Und sie sagt: "Ich bin Professorin und arbeite über Kerne von Krebszellen." Und ich so: "Was?" Dann haben wir uns drei, vier Stunden unterhalten. Ich habe vieles gelernt, was auch im Film auftaucht. Das Gespräch hat mir eine Tür geöffnet. Das Gehirn ist großartig, es ist alles. Und wir wissen sehr wenig darüber, was für einen Künstler wiederum großartig ist, denn dann kann man sich Dinge vorstellen.

Was sagen Sie zu all den Leuten, die nun mosern, dass "Lucy" wissenschaftlich nicht einwandfrei sei.
Wissen Sie, manche Leute gehen ins Kino, um sicher zu gehen, dass sie den Film nicht mögen. (lacht) Dabei will doch jeder, der Geld dafür bezahlt, den Film mögen. Aber manche Leute genießen offensichtlich das Gefühl, sagen zu können: "Ich habe widerstanden. Ich weiß, dass es ein Trick ist, natürlich hat der Magier das Kaninchen nicht aus dem Hut gezaubert." Dabei antwortet der Professor in "Lucy" auf die Frage eines Studenten, ob die Existenz des ungenutzten Potenzials unseres Gehirns wissenschaftlich bewiesen sei, sogar mit Nein. Er sagt, dass es eine Theorie sei, an der ein paar Nerds arbeiten. Deshalb hat mich diese Kritik doch überrascht. Vielleicht wissen diese Kritiker aber auch nicht, dass Spider-Man und Hulk gar nicht echt sind. (lacht)

Was haben Nikita und Lucy gemeinsam?


Absolut nichts. Lucy, und ich glaube, es ist das erste Mal in einem Film von mir so, ist total gewöhnlich. Sie ist ein Mädchen von der Straße, nicht sonderlich intelligent, sie hat keinen Plan, ihr Freund ist nicht wirklich ihr Freund, sie feiert zu heftig. Nikita ist von Anfang an außergewöhnlich: Sie ist drogenabhängig, sie hat getötet. Lucy könnte jedem passieren. Sie wird einfach hereingelegt.

War das Absicht?


Stellen Sie sich eine Lottoziehung vor: Wenn der Gewinner der 100 Millionen schon reich ist, ist es nicht wirklich interessant. Aber wenn du einen Penner von der Straße nimmst, dann wird es spannend. Lucy ist der Penner. Ich habe sie wirklich in die denkbar schlechteste Ausgangssituation gepackt.

Lucy ist auch ziemlich unromantisch – anders als zum Beispiel in "Das fünfte Element" gibt es in "Lucy" keine Liebe.
Wenn man in Intelligenz und Wissen vordringt, realisiert man, dass alles, was wir in Poesie und Literatur Liebe nennen, nichts weiter ist, als chemische Reaktionen. Da steht Lucy drüber. Die einzige Liebe, die Lucy fühlt, ist die zum Leben. Sie respektiert den natürlichen Kreislauf.

Sie haben etwa zwei Drittel Ihres Lebens mit Filmemachen verbracht. Hat Ihnen das Kino eine Lehre fürs Leben mitgegeben?


Ich habe definitiv Disziplin gelernt, denn als junger Mensch war ich absolut undiszipliniert! (lacht wild) Es lehrt dich, fokussiert und hartnäckig zu bleiben. Ich denke, es ist eine gute Schule fürs Leben. Das ist wie die Formel 1, wenn du von der Straße abkommst, bist du raus.

War Scarlett Johansson die erste Wahl?


Ich habe mir viele Schauspielerinnen angesehen, denn viele hätten die Rolle spielen können. Aber bei einem Film kommt es darauf an, ob ich mich mit der Schauspielerin verstehe, ob wir uns verstehen. Und Scarlett und ich haben uns sofort verstanden. Sie war sehr konzentriert und hat viele Fragen gestellt. Es ging nie darum, wie sie aussieht oder um Glamour, sondern immer um den Charakter.

Wissen Sie, was mir gerade passiert ist: Ich wurde angerufen von einer Frau, die sagte, sie vertrete einen Club von Menschen, die wie Lucy seien, die angeblich 30 Prozent ihres Hirnpotenzials nutzen.


Das waren wahrscheinlich Drogendealer. (lacht sehr laut) Ist mir auch schon mal passiert. Ich war in den USA, da hat mir jemand Pilze angeboten, "damit ich mich fühle wie Lucy". Und das mir, der weder raucht noch trinkt.

Wie bitte?! Aber Sie sind doch Franzose!


Genau deshalb hassen Kritiker mich wahrscheinlich.