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Interview mit Peter Geyer: "Kinski funktioniert wie eine Penisverlängerung"

Klaus Kinski war Deutschlands liebster Feind. Seine Berliner Live-Interpretation des Neuen Testaments endete 1971 in Tumulten, wie ein neuer Dokumentarfilm zeigt. Im stern.de-Interview erzählt Regisseur Peter Geyer von der Borniertheit der 68er, Kinskis Schlagfertigkeit und verrückten Fans.

Herr Geyer, im November 1971 betrat Klaus Kinski die Bühne der Berliner Deutschlandhalle, um seinen Text über das Leben von Jesus zu rezitieren. Warum wurde er dabei vom Publikum permanent gestört und zur Weißglut getrieben?

Klaus Kinski war seiner Zeit oft unglaublich weit voraus. Er hat 30 bis 40 Jahre vor dem Triumphzug des Hörbuchs bereits Sprechplatten aufgenommen. Er war der erste in Deutschland, der sich geschickt über Boulevardgeschichten in der Presse interessant machte. Und wenn er dieses Bibel-Projekt, wie geplant, 1961 hätte verwirklichen können, wäre das wahnsinnig revolutionär gewesen. Aber 1971, auf dem Höhepunkt des Musicals "Jesus Christ Superstar" und der Hippiebewegung, erschien Kinski wie ein Mitläufer und Epigone.

Trotzdem wundert es einen schon, dass die Zuschauer für etwas Eintritt bezahlt haben, was sie gar nicht sehen wollten...

Die meisten sind gekommen, um Kinski zu provozieren und ihren Straßenkampf in der Halle fortzusetzen. Er wird nur als selbsternannter Glaubensführer missverstanden. Die denken, da ist ein abgehalfterter, reicher Sack, der sich vor ihren Karren spannt. Einmal kommt jemand auf die Bühne und sagt ins Mikro: "Ich weiß, dass viele von euch Jesus suchen, aber ich glaube, er ist es nicht." Ach was, Kinski ist gar nicht Jesus? Was für eine bahnbrechende Erkenntnis!

Dabei ist der ja noch recht harmlos. Insgesamt ist die Stimmung ziemlich aufgeheizt. Wieso reagiert ausgerechnet die 68er-Generation dermaßen aggressiv auf Kinski?

Gegenfrage: Wie antiautoritär waren die 68er wirklich? Wir befinden uns ja in den 68er-Jubeltagen und die Erklärung tut weh, aber wird auch durch diesen Film deutlich: Ich glaube, das ganze Lebensgefühl und die geistige Wellenlänge der 68er fußte mehr auf den Späßen eines Fritz Teufel als den Worten eines Rudi Dutschke. Der war in jener Zeit einfach überqualifiziert und die meisten sind ihm hinterher gerannt, obwohl oder gerade weil sie nichts verstanden haben. Was ich in dem Fall besonders kurios finde, denn das waren ja genau die Leute, die ihren Eltern blindes Mitläufertum vorwarfen.

Sie haben den Abend zwar minutiös und mit allem verfügbaren Filmmaterial rekonstruiert, aber auf erklärende Kommentare verzichtet. Warum?

Weil ich es am spannendsten fand, ein Kinski-Live-Erlebnis zu bieten. Zu zeigen, wie er nachdenkt und wie schlagfertig er reagiert. Wenn er nach einem Zwischenruf innehält und sagt: "Ich muss mich an dieser Stelle leider unterbrechen und ein Zitat von Jesus sagen, das lautet..." - und dann sieht man förmlich, wie es in seinem Kopf arbeitet, bis er plötzlich anfängt: "Da, wo man zu dumm und borniert ist Euch anzuhören...", dann wieder: ratter, ratter, ratter, und weiter, "...haltet Euch nicht auf!" Kinski zwischen Zeitzeugen und Dokumaterial einzusperren hieße, den freiesten aller freien Geister in die Schranken zu weisen.

Dabei wäre es sicher einfacher gewesen, ein paar Originalausschnitte mit Zeitzeugen zusammenzubasteln und fertig ist die Guido-Knopp-Variante...

Ja, und jeder, der dich bei sowas berät, sagt dir auch, dass das publikumswirksamer wäre. Vielen mag das Format etwas spröde und die Machart unzeitgemäß erscheinen, doch das passt in gewisser Weise zum Vortrag. Aufgrund der Ereignisse und Kinskis Präsenz wird es trotzdem nie langweilig - auch ohne Erklärungen.

War es schwierig, den Film in seine jetzige Form zu bringen?

Ehrlich gesagt, meine Regieleistung geht gegen Null. Aber die Puzzlearbeit, das Restaurieren des ganzen Abends ist wirklich eine Mission gewesen! Schließlich war das Rohmaterial, 16mm-Filmrollen und Tonbandspulen, nicht durchgängig und komplett. Immer fehlte etwas. Wir wollten auch keine Zwischenrufe nachsprechen lassen. Nur, was macht man mit denen, die man nicht versteht? Wir haben so lange nach Fremdmaterial gesucht, bis wir welches fanden. Teilweise sind an den entsprechenden Stellen Tonband-Aufnahmen des Publikums daruntergemischt.

Ein Beispiel?

Wenn man den hämischen Einwurf eines Zuschauers nicht hören würde, dass ihm die Krimis besser gefallen haben, wüsste man nicht, warum Kinski, den man die ganze Zeit im Bild sieht, mitten in seinem Vortrag plötzlich sagt: "Du weißt aber auch, dass ich diese Krimis nicht für einen Schwachsinnigen gemacht habe, wie du einer bist!"

Haben Sie sich mit Zeitzeugen getroffen?

Ich habe die Leute nie gesucht, aber dennoch gefunden. Erwähne ich irgendwo, dass ich Klaus Kinskis Nachlass verwalte, und jemand ist im entsprechenden Alter, dann hat er ihn grundsätzlich schon mal auf der Bühne gesehen. Und in mindestens der Hälfte der Fälle schleuderte Kinski natürlich tobend den Kronleuchter ins Publikum, was meines Wissens aber nur einmal passiert ist, nämlich in Marburg. Also, was soll ich einen Zeitzeugen fragen, der bei "Jesus Christus Erlöser" dabei war, wenn ich das Filmmaterial habe, und zwar unmanipuliert und ungeschönt? Das wäre für den Film eher hinderlich gewesen.

Waren Kinskis Provokationen vor laufenden Kameras, von denen es viele auf YouTube zu sehen gibt, immer echt, oder ausgeklügelte PR und Imagepflege?

Im Fall von "Jesus Christus Erlöser" widerlegt der Film eindeutig das Gerücht, das sei ein kalkulierter Eklat gewesen. Ein völlig absurder Vorwurf. Aber ganz allgemein konnte Kinski keine Kritik vertragen, weil er dafür zu unsicher war. Das hat zu Angstbeißertum und einer extremen, eingeübten Schlagfertigkeit geführt. Geplant war also nur, nicht kritisiert zu werden und möglichen Verletzungen zuvorzukommen. Dieses kleine, schmächtige Männchen hat ja mit so viel Macht gebrüllt und sich behauptet, dass die Leute perplex waren und nicht wussten, wie sie damit umgehen sollten.

Talkmaster hatten es mit ihm nicht leicht...

Jemand, der Kinski lobhudelnd behandelte, hatte nichts zu befürchten. Nur wenn er gespürt hat, da will ihn jemand hinterfragen und ihm vielleicht was beweisen: Dann hat er das Blatt in die Hand genommen, sehr amüsant, aber nicht immer überragend logisch. Er hat ja im Eifer des Gefechts auch manchen Schwachsinn verbreitet.

Sehen Sie ihn mit anderen Augen, seit Sie 1999 sein Nachlassverwalter wurden?

Eigentlich überhaupt nicht. Ich bin allerdings ganz froh, dass ich ihm nie begegnet bin. Ich glaube, ich hätte ihn als Mensch in vielen seiner Ausprägungen nicht so geschätzt wie als Künstler. Aber seine aufregenden Rezitationen endlich hören zu können und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen, war schon toll. Ich war von seiner Vortragskunst immer genauso angetan, wie von den Edgar-Wallace-Filmen abgeschreckt.

Dabei hat er ja noch viel Schlimmeres gedreht...

Es war wahnsinnig schwierig, für meine Kinski-Biografie in seinem fatalen Filmwerk von ca. 130 Produktionen zehn zu finden, in denen er eine Hauptrolle spielte und die was taugten. Die große Entdeckung für mich war der Italo-Western "Satan der Rache", den ich vorher nicht kannte. Ansonsten gab es da wenige Überraschungen.

Wie erklären Sie das Phänomen Kinski, seine permanente Beliebtheit?

Er ist ein Nonkonformist, der nicht wehtut. Das ist wie bei Che Guevara. Hätte der große politische Erfolge mit ideologisch klar definierten Richtlinien zu verzeichnen gehabt, würden wir ihn heute nicht mehr auf T-Shirts und Taschen finden. Die Leute, die sowas tragen, müssen sich mit keiner politischen Richtung auskennen, können aber gleichzeitig zum Ausdruck bringen: Ich bin dagegen. Dafür ist auch Kinski ideal. Sich hinter ihn zu stellen, ist eine moderne Form der Penisverlängerung.

Sie scheinen auf Kinski-Fans nicht besonders gut zu sprechen zu sein?

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich rede jetzt nicht von Leuten, die Kinski mögen. Bewunderer sind eine tolle Sache. Ich spreche von den Fanatikern, die sich ihre ganze Klaus-Kinski-Fotosammlung von Nikolai Kinski durchsignieren lassen, wenn der auf Tournee ist. Oder die sich Kinski nur an die Brust heften, um ihr eigenes schlechtes Benehmen zu rechtfertigen und dabei übersehen, dass Kinski nicht nur laut war, sondern im Gegensatz zu ihnen auch sehr viel Großartiges geleistet hat.

Machen die Ihnen das Leben schwer?

Das sind Verrückte, die darf man überhaupt nicht ernstnehmen, weil sie irgend einem Wahn fröhnen, der sich ihrer als Ideologie bemächtigt hat. Über meine Kinski-Biografie habe ich im Internet den Vorwurf gelesen, dass ich die Geschichten von ihm zerstöre, die sie so lieb gewonnen haben. Was soll ich denn schreiben: Kinski war in seiner Jugend tatsächlich ein armer kranker Poet, und in den 50er Jahren gab es im Westteil Berlins wirklich Küchenschaben so groß wie Schildkröten?

Aber an dem Film werden sie sicher nichts auszusetzen haben...

Da weiß ich jetzt schon, was kommt: Wo bleibt die DVD? Die drücken ihre Freude immer nur mit dem Unmut über - von mir verantwortete! - weitere Lücken in ihrer Sammlung aus. Ich glaube, allein der Umstand, dass es jemand wagt, sich vor den Kinski-Karren zu spannen und diese ganzen Dinge zu organisieren, empfinden sie schon als falsch und Unterdrückung. Ich erlebe das tagtäglich. Die reiten im Grunde auf der gleichen, geistigen Wellenlänge, wie das Publikum in der Deutschlandhalle.

Haben Sie denn wenigstens noch etwas im Nachlass, das Sie ihnen bieten können?

Es gibt da beispielsweise ein spätes, ganz famoses Drehbuch, das er geschrieben hat. Es heißt "Alles gedeiht auf der Welt, nur die Liebe nicht" und handelt von einem Massenmörder in einem Mädchenpensionat. Aber ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Darum erwähne ich es immer mal wieder in Interviews, in der Hoffnung, dass ein fähiger Regisseur oder Produzent auf mich zukommt und sagt: Das würde ich gern drehen.

Interview: Olaf Schneekloth
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.