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Jackass 2: Darf's ein Gläschen Pferdesamen sein?

Die Pubertät ist noch nicht vorbei, zumindest bei Johnny Knoxville und seinen Jungs. Sie reiten auf Raketen, stopfen sich Röhren in den Anus und fahren mit dem Skateboard aus Spaß gegen die Wand. Kurzum: Im Kino ist "Jackass II" angelaufen.

Von Lutz Kinkel

Die Theorie, Menschen würden das nachahmen, was sie in den Bildmedien sehen, ist nicht bewiesen. Aber manchmal funktioniert sie. Zum Beispiel bei meinem Cousin Olaf (Name gnadenhalber geändert). Olaf also, ein promovierter Wissenschaftler und zweifacher Familienvater, hatte Weihnachten 2004 das Bedürfnis, im Hohenloher Ländle "Jackass" nachzuspielen. Deswegen sprang er ohne Ansage in einen Busch, überschlug sich ein paar Mal und blieb brüllend vor Lachen im Garten eines namenlosen Reihenhausbesitzers liegen. Der Alkohol verhinderte, dass er die Stacheln in seinen Unterarmen bemerkte, von der aufgeschürfte Hand nicht zu reden. Tags darauf diagnostizierten die Ärzte allerhand Hautgefetze sowie eine Blutvergiftung. Silvester verbrachte Olaf säuberlich bandagiert bei Wasser und Keksen.

Scheinbar passiert derlei häufig unter den Fans von "Jackass", weshalb auch der zweite Kinofilm der MTV-Trash-Serie mit einer Hinweistafel beginnt, die sinngemäß folgende Warnung verbreitet: "Nein, nein, nein, liebe Zuschauer, bitte versucht erst gar nicht, diese Stunts nachzumachen. Hier agieren Profis! Ihr seid nur Olafs!" Und dann geht die altbekannte Orgie los, die wir so ähnlich schon tausendmal bei MTV gesehen haben und gerne noch ein paar tausendmal sehen möchten. Eine der schönsten Szenen: Knoxville und zwei Jungs aus seiner Truppe schauen sich auf einer amerikanischen Ranch die Besamung einer Pferdestute an. Der Rancher trickst den Hengst, der gerade die Stute bespringt, brutal aus und leitet sein Glied in einen Lederschaft um. Nach einigem Geruckel ergießt sich das Tier in den Schaft, der Samen fließt in eine Glasflasche. Niemand unter den Kino-Zuschauern ahnt, was nun passieren wird. Aber klar: Prösterchen! Knoxville und Freunde hängen sich die Flasche an den Hals und würgen den Samen runter.

Tätowieren mit glühendem Eisen

Unnötig zu erzählen, dass dies nicht das letzte Sekret des Filmes ist. Und Schmerzen gibt es auch wieder reichlich. Etwa, wenn sich Ryan Dann mit einem glühenden Eisen einen Penis auf den Hintern brennen lässt - eine Prozedur, die leider mehrfach wiederholt werden muss, weil das erste Branding verwackelt ist. Oder die Szene in der sich Steve-O einen mächtigen Anglerhaken durch die Wange zieht, um als Köder in einem Haifisch-Gewässer zu dümpeln. Nach solcherlei Erfahrungen schaut man ganz entspannt zu, wenn einer der Jungs absichtlich und mit vollem Tempo auf dem Skateboard gegen eine Plexiglaswand fährt. Oder sich Knoxville mit verbunden Augen einem Stier stellt.

Jackass als kathartisches Erlebnis

Was dieser ganze analfixierte Nonsense soll? Jackass war und ist ein filmischer Flashback der Pubertät: Mutproben, sexuelle Spielchen, Männergehabe, Schadenfreude bis zum Abwinken. Das ist unglaublich befriedigend zu sehen, denn jeder, der im Kino sitzt, hat diese Zeiten hinter sich und freut sich, dass er sie nie wieder erleben muss. Darüber hinaus vermittelt Jackass zwei weitere, zutiefst beruhigende Botschaften. Erstens: Innere Schweinehunde können, auch im Rudel, mannhaft vertrieben werden. Zweitens: Die menschliche Physis hält Unglaubliches aus. Man kann sie in ein irres Amerika-Kostüm stecken, auf eine selbst gebastelte Rakete flanschen und über einem See abschießen. Irgendwann taucht Knoxville wieder aus den Fluten auf. Alle lachen, Schwein gehabt, jeder in der Knoxville-Truppe ist mal Held und mal schlotternder Angsthase. Weil das auf der Leinwand alles so hinkommt, gehen die Zuschauer - zumindest jene, die nicht frühzeitig angeekelt den Saal verlassen haben - völlig entspannt aus dem Kino. Jackass ist ein kathartisches Erlebnis.

Finanzieller Reibach für die Filmfirma

Die Amerikaner können von dieser Spaßgewalt - die geradezu ein Anti-Bild der realen Kriegserlebnisse liefert - gar nicht genug bekommen. Jackass II hat weniger als 12 Millionen Dollar gekostet und nach Angaben der New York Times innerhalb von zwei Wochen bereits 55 Millionen Dollar eingespielt. Paramount und MTV reiben sich die Hände, keine Frage, dass auch Jackass III herauskommen wird, egal wie laut die radikalen Evangelisten und andere manierliche Menschen protestieren. Ein Wunder, dass die Bush-Administration Jackass nicht längst zum Kino des Bösen zählt und die Marines losgeschickt hat.

Gesellschaftskritische Ambitionen sind dahin

Vielleicht - Achtung, jetzt kommt die Kritik - liegt es daran, dass Jackass mittlerweile intellektuell kastriert ist. In den TV-Folgen gab es noch viele eindrückliche Stunts mit gesellschaftskritischer Ambition. So stakste ein Jackass als Uncle Sam verkleidet auf Stelzen durch die Stadt und ließ sich einfach umfallen - niemand half. In einer anderen Folge bettelte ein auf verwahrlost geschminkter Stunt-Bruder vor einem Würstchenstand. Dann leckte er, weil ihm niemand etwas gab, zum Entsetzen der Anstehenden eine Babywindel aus dem nächsten Mülleimer aus. In die Windel hatten die Jungs vorher Schokoladenpudding geschmiert. Solche brettharten Live-Satiren kommen in Jackass II nur noch in Spurenelementen vor. Die Pubertät, oh elender Zeitgeist, ist leider nur noch ein körperliches Phänomen.

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