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James Bond: Ein ganz anderes Kaliber

Wir kennen ihn als lässigen Killer und charmanten Frauenvernascher: James Bond, der seit über 40 Jahren die Welt rettet. Sein jüngstes Abenteuer "Casino Royale" bricht die Traditionen. Hauptdarsteller Daniel Craig ist ein wortkarger, schlagkräftiger Kerl. Und der Film zeigt, wie der berühmteste Geheimagent der Kinogeschichte überhaupt erst die Lizenz zum Töten erhält. Ein Neuanfang - in jeder Beziehung

Es ist die Szene, auf die man natürlich wartet. James Bond geht zur Bar und bestellt einen Wodka-Martini. Der Barkeeper will den alten Gag machen und "gerührt oder geschüÉ" fragen, als Bond ihn anbellt: "Mir scheißegal, ich will einen Drink!" Alles klar, Männer? Bond ist wieder einer von uns.

Und das so sehr, wie schon lange nicht mehr. Mit "Casino Royale" kommt nächsten Donnerstag das 21. Bond-Abenteuer weltweit in die Kinos, und 007-Kenner sollten besser nicht darauf hoffen, dass der Tüftler Q wieder unsichtbare Autos und Armbanduhren mit Laserstrahl erfunden hat, dass ein Bond-Girl ständig "Oh, James" stöhnt und Miss Moneypenny vergebens schmachtet. Kein Q, keine Moneypenny und kein Bond-Girl, das nur zwitschert. Im 21. Bond ist vieles anders. Am meisten er selbst, Commander Bond. Keine hochgezogene Augenbraue, kein nach jeder Schlägerei perfekt sitzender Smoking, keine Ironie, kein Dandy. Der Liverpooler Schauspieler Daniel Craig überrascht mit einer wortkargen, kantigen Version der erfolgreichsten Figur der Filmgeschichte. Und so ist auch "Casino Royale" ein konzentrierter, kantiger, ja, fast düsterer Film, der aber genau in seiner Präzision seine Unterhaltungswucht entwickelt. Eine geradlinige Story mit wenigen Zutaten: Terroristen, Waffen, Geld und 007.

"Casino Royale" ist die Verfilmung des ersten Bond-Romans von Ian Fleming. Der beschreibt, wie der junge James zum Doppelnull-Agenten 007 mit der Lizenz zum Töten wird. Barbara Broccoli, die Erbin des verstorbenen Bond-Produzenten und Filmrechtebesitzers Albert Broccoli, und ihr Halbbruder Michael G.Wilson hatten sich 2000 die Rechte an Flemings Debüt gesichert. Schon damals ahnten sie, dass sie das Image des Agenten bald würden überdenken müssen. Zu sehr waren die Geschichten mit Bond-Darsteller Pierce Brosnan aus dem Ruder gelaufen; alberne und unglaubwürdige Gags standen in "Der Morgen stirbt nie" oder "Stirb an einem anderen Tag" genauso im Weg herum wie lausige Computeranimationen von einem auf Riesenwellen surfenden Brosnan, der auch beim Weltuntergang immer noch aussah wie einer dieser Männer, deren Fotos bei Herrenfriseuren im Schaufenster hängen.

Mit 456 Millionen DOLLAR spielte das letzte Spektakel zwar so viel Geld wie nie ein, aber die Kinosäle glichen Elternabenden, junge Zuschauer schauten "Spider-Man" und nicht diese Frisur mit Pistole. "Wir mussten mit Bond wieder auf die Erde kommen", sagt Produzent Wilson, und "Casino Royale" soll der Weg dahin sein. "Der Stoff bringt Bond wieder zum Ursprung. Wir zeigen, wie Bond Bond wurde." Das schöne Wort "Prequel" (am besten übersetzt mit "Was vorher geschah") benutzt Wilson nicht, das hatte längst George Lucas mit seiner "Star Wars"-Geschichte besetzt, und auch in "Superman Returns" und "Batman Begins" hat Hollywood eine Zeitreise unternommen zur Geburt von Superhelden. Einen 007, der erst 007 werden soll, konnte allerdings der amtierende Bond nicht spielen. Das war das Aus für Pierce Brosnan, der, so hört man, Bond bleiben wollte und sich immer wieder über die charakterlosen Drehbücher beschwert habe.

Nun muss man ein bisschen etwas über "Casino Royale" wissen. Ian Lancaster Fleming schrieb die ersten Sätze der Geschichte am Vorabend seiner Hochzeit 1952 auf Jamaika auf. Fleming war 44, und als er den Lärm der Hochzeitsgesellschaft aus dem Nachbarhaus hörte, ahnte er, dass ihm der Abschied aus seinem alten Leben mit Pokerspielen und schnellen Autos bevorstand.

Wie ein Schatten huschte da ein Mann durch seinen Kopf, jemand, der sein altes Leben übernehmen sollte, einer, in den Fleming all seine Männerfantasien hineinschreiben konnte. Und weil Männer am Vorabend des Jawortes gern noch ein letztes Mal Bosheit wie einen Drink genießen, entstand in Flemings Kopf ein trinkender, rauchender Charakterbrocken, blaue Augen, Narben im Gesicht, wortkarg, mit schneller Faust und brachialem Sex. Schönheit, Eleganz und Ironie gab es in dem schmalen ersten Bond-Buch nicht, die Schurken waren die Russen, die über eine geheime Organisation an einem Spieltisch Terrorgelder zurückgewinnen wollten.

Buchstäblich im Groben haben sich die Macher bei der Verfilmung an die Vorlage gehalten. Vor allem beim Hauptdarsteller Craig, um den es, wie immer bei Bond, im Vorfeld ein leidenschaftlich verbissenes Für und Wider gab - der aber, liest man Fleming, dem Urbond am nächsten kommt. "Ja, sie haben alle geschrieben, ich sei zu hässlich für die Rolle, damit muss ich wohl leben", sagt Craig.

Dass es wirklich nicht um Schönheit geht, zeigen schon die ersten Minuten des Films. Grobkörnig und in Schwarzweiß prügelt und killt Bond da einen Gangster auf einer Toilette, mit eisigem Gesicht schießt er einen anderen von seinem Stuhl. No mercy; im Kinosessel spürt man, dass es besser ist, sich nicht mit diesem Mann anzulegen. Und druckvoll und auch brutal geht es atemlos weiter. Auf einer Baustelle in Afrika jagt 007 einen Terroristen so knochenhauend und halsbrecherisch über Kräne und Gerüste, dass einem selbst die Knochen schmerzen. Und wenn sich Bond auf dem Flughafen von Miami endlose Minuten lang mit einem arabischen Terroristen prügelt, der mit einem Tankwagen ein Flugzeug in die Luft jagen will, dann erinnert das an Bruce Willis' Schmerzopus "Die Hard 2", nur geht es hier realistischer und härter zu.

Dass sie ein Geschehen, das eigentlich 1952 spielt, mit Handys und modernsten Computern ausstatten, bezeichnen die Produzenten übrigens als künstlerische Freiheit. Im Film selbst ist einfach nie die Rede davon, in welchem Jahr er spielt.

Tja, und dann, die Handlung läuft schon eine Stunde, kommt die eigentliche Geschichte, ein packendes Pokerspiel in einem Casino, bei dem der Terrorfinanzier Le Chiffre (grandios fies: Mads Mikkelsen) die Millionen zurückgewinnen will, die er leichtfertig verspekuliert hat. Bond, ausgestattet mit Millionen britischer Steuergelder, soll ihn besiegen, in der Hoffnung, der verarmte Weltschurke werde dann zum bettelnden Überläufer.

An Bonds Seite: die britische Geldaufpasserin Vesper Lynd, gespielt von Eva Green ("The Dreamers"). Die Französin sagt: "Ich weiß nicht genau, wie sie auf mich gekommen sind, könnte auch sein, dass eine Menge A-Listen-Frauen vor mir abgesagt haben." Glück für Mademoi- selle Green und Glück für den Film - denn mit sichtbarer Respektlosigkeit vor den Bond-Traditionalisten und mit großer Konzentration spielen sich Green und Craig zu einem tiefgründigen Paar zusammen. Ein Paar, das sich zunächst hasst und sich die Abneigung in einem der überhaupt besten Dialoge, die es je in Bond-Filmen gab, wie in einem Match gegenseitig zuspielt.

Doch wie das immer so ist, aus Hass wird Herz, eine Liebesgeschichte, die für Bond zum Lehrstück im Sentimental-Fach wird. Besonders hier ist den Drehbuchautoren und Darstellern ein Meisterstück gelungen. Nie zuvor hatte Bond diese Doppelseele aus eisiger Härte und beinahe pubertärer Liebelei, es gibt Minuten, die erinnern eher an Eric-Rohmer-Filme als an Bond. Die Action kommt dann wieder unverhofft, mal als wuchtige Prügelei, mal als furioses Finale. Es sei hier nicht alles verraten, aber es gab auch noch keinen Bond-Film, in dem der Held so oft das blutverschmierte Hemd wechseln muss, sich die Wunden wäscht und dabei ein Glas Whisky trinkt, als sei es Aspirin, und der auf seinen Fingergelenken noch Blutkrusten kleben hat, wenn er die Geliebte streichelt.

Eigentlich, sagt Daniel Craig, wollte er die Rolle nicht, als die Broccolis ihn fragten. Craig, Theaterschauspieler und eher in Independent-Filmen zu Hause als im großen Blockbuster-Geschäft, war die Rolle unheimlich. Auf dem Mond waren mehr Männer als auf der Erde Bond gespielt haben, raunten ihm seine Freunde zu, als Craig in die Auswahl kam. Und er wusste um das Etikett, das an ihm kleben bleiben würde, der "Bond" oder eben später der "Ex-Bond", eine lebenslange Marke, die auch Sean Connery und Roger Moore nicht wieder loswerden. Warum denn ausgerechnet er 007 spielen sollte, wollte die bissige britische Presse im Oktober von ihm wissen. "Warum denn nicht?", knurrte er zurück. Und auch als vermeldet wurde, dass er früher in der Schule "Kartoffel-Kopf" genannt wurde, und sich die Bondianer auf hysterischen Websites über den Blondschopf empörten, blieb sich Craig treu. Stoisch, einsilbig und arbeitend. Der 38-Jährige ehemalige Kurzfreund von Kate Moss und Heike Makatsch, Vater einer Teenager-Tochter aus einer frühen Ehe, versuchte die Bond-Werdung seiner Figur mit seiner eigenen zu paaren.

"Ich mochte an dem Drehbuch, dass Bond fehlbar ist. Dass er Fehler macht und auch das Publikum denkt, nein, er sollte es so oder so machen", sagt er. Und 007 macht Fehler in "Casino Royale". Er verzockt sich um ein paar Millionen am Spieltisch. Er vertraut einer Frau. "Sie müssen lernen, Ihre Emotionen herauszuhalten", sagt ihm seine Chefin M (Judi Dench). "Und trauen Sie nie irgendjemandem."

Und, wie geht es weiter? Ganz am Ende des Films sagt Bond den Satz wie einen gebrummten Geburtsschrei: "Mein Name ist Bond. James Bond." Nein, sie denke aber nicht daran, nun alle schon verfilmten Bücher von Fleming erneut vor die Kamera zu bringen, sagt Produzentin Barbara Broccoli. "Wir arbeiten aber schon weiter. Es gibt noch einige Geschichten von Fleming, aus denen wir Stoff holen können." Gute Nachricht, Männer.

Jochen Siemens / print