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Nach "Fack Ju Göhte": Jella Haase braucht keine Anti-Chantal

Die Prolltussi Chantal in "Fack Ju Göhte" hat Jella Haase berühmt gemacht. Dabei kann die Berliner Schauspielerin so viel mehr. Ein Gespräch über den Ernst des Lebens, ihren Freund und Zukunftsangst. 

Von Sophie Albers Ben Chamo

Die deutsche Schauspielerin Jella Haase- berühmt wurde sie als Chantal in "Fack Ju Göhte"

So viel mehr als Chantal: Jella Haase

Den Anfang ihrer Karriere machte 2009 ein Kurzfilm über eine 16-Jährige, die zu einer Gangbang-Party lädt. Sie spielte eine Drogenabhängige, eine Neonazi-Braut und eine minderjährige Prostituierte. Der Durchbruch ist Jella Haase allerdings mit der tumben Prolltussi Chantal in "Fack Ju Göhte" (2013) gelungen. Chantal ist seitdem Kult ("Chantal, heul' leise"), "Fack Ju Göhte 2" hat gerade Zuschauerrekorde gebrochen, und nun sitzt Haase in einem Berliner Hotel, weil sie über ihren neuen Film sprechen will. Den nach Chantal.

Jella Haase in "4 Könige"

"4 Könige" ist das imposante Debüt der Regisseurin Theresa von Eltz und eine mutige Geschichte fernab des Mainstream über vier Jugendliche, die Weihnachten in der geschlossenen Anstalt verbringen müssen. Angststörung trifft auf Zwang trifft auf Aggression. Haase spielt Lara, die sich irgendwo zwischen all dem verloren hat. Ein Mädchen, das in der Gefühlskälte, die es umgibt, Hitze zu provozieren sucht. Wenn man unbedingt will, kann man in Laras grenzüberschreitender Dreistigkeit zuweilen Chantal wiedererkennen. Aber das würde weder Lara noch Jella Haase gerecht.

Die Berlinerin kuschelt sich in schwarzer Jeans, schwarzem Shirt und weißen Turnschuhen etwas müde auf eine Bank. Mit 23 Jahren hat sie noch immer dieses kindlich runde Gesicht mit den großen Augen. Dabei wirkt sie ungemein zerbrechlich.  

Ist "4 Könige" für Sie auch ein Anti-Chantal-Film?

Nein, das ist eine neue Rolle für sich und eine neue Art von Film. Wenn ich in ein neues Projekt reingehe, denke ich nicht an das davor. Ich habe vor "Fack Ju Göhte" eher ernste Filme gedreht wie "Die Kriegerin" oder "Lollipopmonster". Ich habe mich gefreut, wieder etwas spielen zu dürfen, wo ich mehr zeigen kann.

Ist Chantal ein Fluch oder ein Segen?

Definitiv ein Segen. Ich kann mich nicht beklagen. Ich werde nicht auf irgendwelche Rollen festgelegt, ich kann weiterhin mein Leben führen wie ich will, und es ist doch toll, wenn man eine Figur erschaffen kann, die so viel Anklang findet.

Reagieren die Leute auf der Straße immer noch so heftig?

Eher normal. Die erkennen mich meist gar nicht, weil ich mich ja nicht wie Chantal anziehe. Und auch auf dem roten Teppich versuche ich, mich von der ganz privaten Jella zu distanzieren. Also nicht so rumzulaufen, wie man mich auf der Straße sehen würde. Das schützt mich. Das ist eine bewusste Entscheidung. Und ich halte mich auch bewusst nicht an Orten auf, wo ich erkannt werden würde. Ich fahre schon noch U-Bahn, aber ich verhalte mich eben unauffällig. Das geht alles noch.

Weil Ihre Rollen früher ernsthafter waren: Ist Komik schwieriger oder leichter?

Ich glaube, ernste Rollen liegen mir mehr. Andererseits ist es in "4 Könige" auch Lara, die Komik reinbringt. Ich fühle mich am sichersten, wenn beide Seiten sich vermischen lassen. Auch Chantal ist authentisch geworden, weil ich sie ernst genommen habe als Figur.

In "4 Könige" gibt es diesen schönen Satz: "Älterwerden ist auch eine Sache von Durchhalten". Haben Sie schon mal über das Älterwerden nachgedacht?

Ich glaube, Älterwerden bedeutet vor allem auch zu begreifen, dass die Dinge manchmal einfach nicht gut laufen. Und dass das okay ist. Das musst du akzeptieren. Aber man sehnt sich ja immer nach der Geborgenheit der Kindheit zurück.

Sie haben Sehnsucht nach Ihrer Kindheit?

Ich will überhaupt nicht erwachsen werden! Ich fühle mich auch noch total jung.

Was Sie ja auch sind.
Naja, 23 hört sich schon älter an. (lacht) Es ist auf jeden Fall eine Sache des Durchhaltens. Man darf nicht aufgeben, man muss sich immer wieder beweisen und befreien. So wie im Film.

Und sind es - so wie im Film - Ihrer Meinung nach auch immer wieder die Eltern, denen Kinder ihr Wohl- oder Schlechtergehen verdanken?

Es hat ganz viel mit den Eltern zu tun! Das sehe ich auch in meinem Freundeskreis. Ich bin sehr frei aufgewachsen und mir wurde schon als Kind vermittelt, dass es in Ordnung ist zu scheitern. Das sehe bei meinen Freunden leider nicht so oft. Da ist Scheitern keine Option. Und deshalb wird vieles verschwiegen.

Sagen Sie etwas dazu?

Na klar, wir reden viel darüber und analysieren. Aber erstaunlicherweise, obwohl wir jetzt alle Anfang, Mitte 20 sind, sind viele nicht fähig, etwas zu ändern.

Sagen Sie immer noch "Studentin", wenn Sie jemand nach Ihrem Job fragt, oder mittlerweile doch "Schauspielerin"?

Kommt darauf an. Manchmal ist Schauspielerin mit so einer falschen Erhabenheit belastet. Dabei ist es auch nur ein ganz normaler Beruf. Manchmal möchte ich nicht bewertet werden. Ich habe die Frage aber zum Glück lange nicht mehr gestellt bekommen. (grinst)


Sie haben mal erzählt, dass Sie früher wegen Ihres Aussehens unter Druck gesetzt worden sind. Wie haben Sie sich dagegen gewehrt?

"Ja, drei Kilo weniger wären schon gut", war der Text. Da habe ich geschluckt und war total verunsichert. Deshalb ist es so wichtig, den Mädels zu vermitteln, dass sie total okay sind, so wie sie sind. Bei mir hängt es, glaube ich, wieder mit meinen Eltern zusammen. Aber auch mit meinem Freund, den ich seit langen Jahren habe: Der hat mir einfach immer das Gefühl vermittelt, dass mein Körper schön ist. Ich kann mich wohlfühlen, so wie ich bin. Für alles andere wäre ich auch zu faul. Ich bin ein totaler Genussmensch!

Sie setzen sich schon länger für Flüchtlinge ein. Geben Sie immer noch Nachhilfe?

Weil darüber berichtet wurde, habe ich es gelassen. Ich will mich ja nicht mit Ruhm bekleckern. Mir war das peinlich. Ich hätte es nicht sagen dürfen, aber ich fand es auch wichtig, als Vorbild zu fungieren. Ich mache jetzt etwas anderes, aber eben für mich.

Haben Sie eigentlich Angst vor der Zukunft in Deutschland?

Es gibt schon ein Unwohlsein nach den Anschlägen in Paris. Aber ich finde es viel wichtiger, dass wir uns gemeinsam gegen die Angst stellen. Das ist das viel stärkere Zeichen. Ich war gerade auf einem total schönen Konzert, und ich habe mir bewusst gemacht, wie schnell das alles vorbei sein kann. Aber ich glaube, jetzt findet ein Umdenken statt. Die Leute fragen nach den Ursachen. Das war lange Zeit überhaupt nicht so.

Gibt es etwas, das Ihre Generation der ihrer Eltern vorwerfen kann?

Vielleicht ein zu wenig bewusster Umgang mit der Umwelt. Und dass viele Menschen in hohen Positionen nur an Profit denken und nicht an die Zukunft. Ich glaube aber auch, dass meine Generation mehr über ihre Probleme reden kann. Das war früher nicht so. Unsere Großeltern haben nicht darüber gesprochen, wenn es ihnen schlecht ging. Unsere Eltern haben das aufgebrochen, und für uns ist es jetzt einfacher, uns mit unseren Problemen an jemanden zu wenden. Wir haben unseren Eltern auch viel zu verdanken. 

"4 Könige" kommt am 3. Dezember ins Kino. Im nächsten Jahr ist Haase auch im Ermittlerteam des "Tatort"-Dresden zu sehen.