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Katarina Witt: Das Retro-Babe

Sie hat schon im Osten gelernt, ihren Ruhm zu vermarkten. Da darf Katarina Witt nicht fehlen, wenn die DDR jetzt zur großen TV-Show wird.

Als pubertierendes Mädchen in der DDR der Achtziger musste man auf vieles verzichten, auf echte Jeans, gute Pickelcreme und die "Bravo". Aber wir hatten etwas, was sie drüben nicht hatten: Kati. Eine junge Frau mit blitzenden braunen Augen und dem Haar einer Südländerin. Sie sprach zwar das schauderhafte Sächsisch aus Karl-Marx-Stadt, aber egal: Katarina Witt, eine von uns, war da draußen, in der weiten Welt. Sie tanzte auf dem Eis alle um den Verstand, besonders den Klassenfeind.

Ist jetzt 19 Jahre her, Pickel und Klassenfeind haben sich erledigt. Nur Katarina Witt bleibt, was sie war: das schönste Gesicht des Sozialismus. Diese Marke ist so alt wie ihr erster Olympiasieg von 1984, aber gut gepflegt. Witt ist jetzt 37, ihr Sächsisch sanft, sie läuft noch Schlittschuh, aber mehr in den USA, darum merkt das hier keiner.

Deutsche Medien-Männer haben Kati immer dann im Kopf, wenn sie nach den schönen Seiten des Ostens suchen, denken an ihr herzhaftes Lachen oder ihre Kurven im "Playboy". Und wenn sie eine "DDR-Show" planen, wie jetzt RTL, rufen sie Kati an. Nächste Woche Mittwoch wird sie zu sehen sein. Im Vorspann der Show braust ein Trabi heran, und Honni winkt. Das sagt schon alles. Witt spielt die "DDR-Expertin". Sie sagt: "Natürlich habe ich auch mal in der Kaufhalle Schlange gestanden, wenn es etwas Besonderes gab." Das finden Westmänner süß.

Das Etikett, des Sozialismus Schönste gewesen zu sein, haftet an ihr, obwohl sich schon in der DDR in ihrem Antlitz all das Erstrebenswerte des Kapitalismus spiegelte, vom Osten aus betrachtet: Sie war zwar in der SED, aber sie fuhr Golf. Sie trat neben Erich Honecker auf, reiste aber durch die USA. Sie nahm an der Jugendweihe teil, aber die Klamotten dafür kaufte sie sich in Göteborg während der Europameisterschaften. Eigentlich war Witt der schöne Anfang vom Ende der DDR, der Beweis, dass Westgeld zu haben sich lohnte. Es ist konsequent, sie zur Expertin zu erklären, jetzt, wo es nicht mehr um den bösen Sozialismus, sondern um die DDR als gut verkäuflichen Retro-Chic geht.

"Ich kenne viele Gäste selbst nicht, weil sie vor meiner Zeit angesagt waren." Witt betont ihre Jugendlichkeit, als ende sie nicht. Sie ist viel in den bunten Blättern zu sehen, als Frau und nicht als Werktätige. Sie wirbt für Anti-Faltencreme, Schmuck und Kleider. Man hört von ihr, wenn sie einen Freund abgelegt hat. Und dass es nun wieder nichts werde mit dem Baby, ach. Nach Kindern sehnt sich Witt gar nicht, "ich möchte diese Verantwortung noch nicht", sagt sie. Aber das will man da nicht hören, wo die Welt der Frauen nur heil ist, wenn sie sich vermehren. Die seichte Art zu leben. Oder?

Witt trainiert vier Stunden am Tag, Minimum. Sie produziert Eis-Shows für NBC, geht im Herbst in Deutschland auf kleine Tournee. Sie hatte fünf Jahre lang keinen Urlaub gemacht, aus Furcht nachzulassen. Die Goldmedaillen aus DDR-Zeiten sind ihr Kapital. Solange sie schön ist, legt sie es auf Promi-Partys an. Immer im Gespräch bleiben, lächeln. Sie weiß nicht, wann sie ihre Eis-Karriere beendet. "Solange ich noch gefragt bin, denke ich nicht darüber nach." Sie nimmt mit, was kommt. Und ihr passt.

Hat man sich dafür 1988 die Nächte um die Ohren geschlagen, als Witt in Calgary den zweiten Olympiasieg holte? Die DDR war um drei Uhr morgens erleuchtet, weil alles fernsah. Und nun? In Witt ist zusammengewachsen, was zusammengehört, die gesamtdeutsche Projektionsfläche für Bewunderung, Mitleid und Neid. Und wenn Kati mal ein Kind bekommt, möchte man das doch gerne ganz genau wissen.

Dorit Kowitz

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