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Kino: Bubi war gestern

Die "Titanic" hat er überlebt, jetzt versucht Leonardo DiCaprio weit Schwierigeres: Er will mal ganz in Ruhe seine Arbeit machen.

Kürzlich saß Leonardo DiCaprio im Berliner Four-Seasons-Hotel. Grüßte wie stets mit den paar Brocken Deutsch, die er von seiner Oma aus Oer-Erkenschwick kennt. Hatte keine Pausbacken mehr, sondern ein Bärtchen im schmalen Gesicht. Sah kantiger aus, beinahe männlich. War sehr entspannt. Und draußen, in der eisigen Kälte, warteten seine Fans. Es waren genau vier. Was denn passiert sei, wurde der Star gefragt - bei seinem letzten Besuch in Deutschland, vor drei Jahren, hätten doch noch 2000 Mädchen am Potsdamer Platz gekreischt. Die überfüllte Pressekonferenz zum Abenteuerfilm "The Beach" wurde damals abgebrochen, weil selbst Journalisten von seiner Gegenwart derart überfordert waren, dass ihre Fragen sich vom Gekreisch der Fans nur durch Lautstärke, nicht durch Inhalt unterschieden. Seit den Beatles, hieß es, habe es eine solche Aufregung nicht mehr gegeben. Und nun? Die Hysterie ist vorbei. Zum Glück.

"Ich fühlte mich als Produkt"

"Ich fühlte mich als Produkt und immer weniger wie ein Schauspieler", sagt der heute 28-Jährige über den Ruhm, der 1998 nach seinem Auftritt als milchbubiger "König der Welt" im Untergangsepos "Titanic" von ihm Besitz ergriff. Er konnte fortan keinen Schritt mehr tun ohne eine gierige Gefolgschaft von Paparazzi, konnte ohne sie keine Bar mehr besuchen, kein Model mehr küssen, keinen Big Mac verspeisen. Sein Glamour strahlte weltweit, selbst in Afghanistan offerierten Friseure "DiCaprio"-Schnitte.

Es ist ihm geglückt, sich freizuschwimmen aus der Publicity-Welle dieses verdammten Dampfers. "Leonardo", hieß es lapidar in der "New York Times", "ist ein bisschen gestorben, aber er hat überlebt."

Und besser hätte er sein Survival kaum demonstrieren können als gleich mit zwei großartigen Filmen. In Steven Spielbergs charmanter Komödie "Catch me if you can", die auf der wahren Geschichte des Hochstaplers Frank W. Abagnale beruht und nächste Woche in den deutschen Kinos anläuft, spielt DiCaprio den jugendlichen Betrüger, der sich in den sechziger Jahren als Pilot, Arzt und Anwalt ausgab und Schecks in Millionenhöhe fälschte.

Dieser Abagnale ist ein smartes Kerlchen, hübsch, glatt, ohne Gesichtsbehaarung - im Prinzip der junge Leo, wie er einst an Bord der "Titanic" auftauchte und dann für viele, viele Monate in Mädchenträume sank.

Wenige Wochen später ist er dann in "Gangs of New York" zu sehen - Martin Scorseses blutigem Epos über Bandenkriege in Manhattan kurz vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs. DiCaprio spielt einen bulligen Immigrantensohn - diesmal mit Gesichtsbehaarung -, der nach Jahren im Heim zurückkehrt auf die Straße, um den Mord an seinem Vater zu rächen. Beinahe 15 Kilo Muskelmasse trainierte er sich für die Rolle an, die mit seinem Welpen-Image so gar nichts mehr zu tun hat. Ein Jahr lang dauerten die komplizierten Dreharbeiten in Roms Cinecitta; der Schauspieler verzichtete sogar auf einen Teil seiner 20-Millionen-Dollar-Gage, als der problemgebeutelten Produktion das Geld ausging. "Welten voneinander entfernt" seien die beiden Filme, sagt DiCaprio. Und es wird sofort klar, welche Welt ihm mehr bedeutet. Immer schon habe er mit "Meister Scorsese" arbeiten wollen, dessen Filme er auswendig zu kennen scheint. In DiCaprios Büro in Los Angeles hängen Poster von Scorseses Filmen (mit Autogramm!), und schon mit 16 Jahren verließ der Jungstar seinen Agenten und wechselte zu dem des Regisseurs, um seine Chancen auf eine Kooperation zu erhöhen.´

Leo in Deutschland

Leo in Deutschland. Wenn er über Scorsese spricht, über "Gangs in New York" und das Thema des Films, die Geburt der Demokratie in Amerika, so macht er dies freundlich, entspannt, souverän. Nur die Frage nach dem Wechsel vom Romeo zum Charakterdarsteller - immerhin verglich Scorsese ihn mit dem jungen Marlon Brando -, das ganze Gerede von einem Comeback bügelt er genervt ab. "Ich bin nie weg gewesen", sagt er. Wahr ist, dass er viel öfter hätte hier sein können: Die Rolle des Anakin Skywalker in den neuen "Star Wars"-Folgen hat man ihm angeboten, "Spider-Man" und auch den psychotischen Frauenmörder im Schocker "American Psycho". Er schlug alles aus. Alexander den Großen wird er stattdessen spielen in einem Historienfilm von Baz Luhrmann. Und für Scorsese den exzentrischen Multimillionär Howard Hughes. Er wolle nicht im Zentrum der Aufregung sein, sagte er mal, sondern "Teil des amerikanischen Kinos": "Man wird mich ablehnen oder mögen. So oder so, es ist mir egal." Die Hysterie hat ein Ende, zum Glück. Für ihn.

Bianca Lang / print