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Kinofilm "Home": Erdkunde mit Yann Arthus-Bertrand

Die berückend schönen Luftaufnahmen des französichen Fotografen Yann Arthus-Bertrand begeistern die ganze Welt. Mit seinem ersten Kinofilm "Home" will er die nun auch noch retten.

Von Matthias Schmidt

Der Mann, der die Welt retten will, legt die Füße auf den Tisch und lässt erst mal Dampf ab. "Ich bin wirklich sauer auf Indien", sagt er, und sein schneeweißer Schnurrbart bebt. "Erst mussten wir mit Dutzenden von Behörden verhandeln, bevor wir überhaupt die teure Fluggenehmigung bekamen, und am Ende haben sie 50 Prozent unserer Aufnahmen zensiert. So was macht mich rasend." Er holt Luft. "Selbst in China durften wir al- les verwenden, was wir gedreht haben."

Yann Arthus-Bertrand kennt sich aus mit internationalen Turbulenzen. Seit gut 30 Jahren saust der französische Fotograf an Bord von Heißluftballons, Hubschraubern oder Ultraleichtfliegern durch die Luft und macht sich ein Bild der "Erde von oben". Sein so betiteltes Fotobuch wurde mit mehr als drei Millionen verkauften Exemplaren zum Weltbestseller, die dazugehörige Wanderausstellung begeisterte von Hamburg bis Tokio. Und ermöglichte dem heute 63-Jährigen, einer gemütlichen Mischung aus Märchenonkel und Tom Selleck, ein angenehmes Leben auf seinem Anwesen vor den Toren von Paris.

Auch für sein neues Projekt ging Yab, wie ihn enge Freunde nennen, wieder in die Luft. Doch diesmal lernen seine global geschätzten Aufnahmen das Laufen. "Home" ist der erste Kinofilm Bertrands, mit einer hochauflösenden Digitalkamera komplett aus dem Helikopter heraus gefilmt. Unterstützt vom erfahrenen französischen Regisseur und Produzenten Luc Besson ("Leon - der Profi", "Transporter") und Jean de Trégomain, dem Produktionsleiter des Films "Nomaden der Lüfte", rückt Bertrand einerseits wieder die Schokoladenseite unseres Planeten in den Fokus - etwa eine Pelikankolonie, Korallenriffe, Vulkanketten, Wasserfälle und die unvermeidliche Mama Eisbär mit ihren zwei Knuts. Aber Bertrand zeigt diesmal auch, in welchem Ausmaß der Mensch seine Heimat ausweidet, brandrodet, abschöpft, verpestet und zubetoniert.

Ein ehrgeiziges Projekt

Im chinesischen Shenzhen und in Dubai schwebt seine Kamera über den Wolkenkratzer-Wäldern, im Süden Spaniens kreist sie über dem schier endlosen Meer aus Gewächshäusern, und im Nahen Osten folgt sie dem staubigen Flussbett des Jordan ins Tote Meer. Bilder, die zugleich berücken und bedrücken.

In Indien wollte Bertrand unter anderem die Armut der Menschen einfangen, was den Beamten der größten Demokratie der Welt offensichtlich nicht gefiel. Und auch in den USA bekam Yab Ärger: Weil er unerlaubt eine der gigantischen Rinderfarmen überflog und filmte. Massentierhaltung, die das Fleisch für den billigen Burger von morgen liefern soll.

Dass einige Nationen so empfindlich reagieren, hängt wohl damit zusammen, dass Bertrands Werk nicht nur irgendein weiterer Natur- und Umwelt-Dokumentarfilm ist, sondern ein sehr ehrgeiziges, globales Projekt. "Home" soll weltweit, gleichzeitig und auf allen Medienkanälen bis zu 500 Millionen Zuschauer erreichen. Größtenteils gratis.

Berückend und beglückend

Wenn alles klappt wie geplant, wird es am Weltumwelttag, am Freitag, dem 5. Juni, kostenlose Freiluftaufführungen geben in Städten wie New York, Paris, London oder Athen; TV-Sender werden den Film auf sechs Kontinenten ausstrahlen, Al Jazeera versorgt beispielsweise die Araber, und Youtube überträgt im Internet. Möglich wird der logistische und finanzielle Kraftakt vor allem, weil die französische Firmengruppe PPR, der auch Marken wie Gucci, Puma, Yves Saint Laurent oder Bottega Veneta gehören, einen Großteil des Zwölf-Millionen-Euro-Budgets von "Home" übernommen hat.

Dass Bertrand nun nicht nur als fotografierender Luftikus für Schlagzeilen sorgt, sondern als Öko-Aktivist, ist keine sonderliche Überraschung. Schon als er Anfang der 90er Jahre die auf Luftbildaufnahmen spezialisierte Agentur "Altitude" gründete und 2005 die gemeinnützige Umweltschutzorganisation Good Planet, war sein erklärtes Ziel die visuelle Bestandsaufnahme des Planeten. Er wolle zeigen, was wir haben und was wir verlieren können.

"Home" solle jedoch nicht einstimmen in das allgemeine Gejammere. Bertrand: "Es ist zu spät, pessimistisch zu sein. Sich in den Sessel setzen und heulen bringt nichts. Wir brauchen Action, wir müssen handeln!" Und so zeigt er am Ende seines Filmes ein paar Beispiele, wie es gehen kann: Wind- und Solarparks, Öko-Projekte in Costa Rica und eine vorbildliche Siedlung aus Niedrigenergie-Häusern im deutschen Freiburg.

Ausgleichszahlungen für Kohlendioxidproduktion

Ein paar prominente Beteiligte an "Home" konnte er bereits bekehren. François-Henri Pinault, Chef von PPR und Ehemann von Salma Hayek, verzichtete auf seinen Sportwagen, Luc Besson, ein leidenschaftlicher Motorrad-Fan, stieg zähneknirschend auf einen Elektroroller um: "Der klingt wie eine U-Bahn, swuuuusch, sehr cool."

Schön und gut, könnte man einwenden, aber Hubschrauberflüge an 217 Drehtagen in 54 verschiedenen Ländern sind doch ebenfalls eine ziemliche Umweltsauerei. Immerhin: Bertrand ließ die Menge an Kohlendioxid berechnen, die während der Dreharbeiten freigesetzt wurde, und leistete für jedes Kilogramm Ausgleichszahlungen an ein Biogasprojekt. Im Bezirk Hassan. In Indien.

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