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Kinostart "Charlie Bartlett": Der Dealer als Psychiater

In der charmant-unorthodoxen Teenagerkomödie "Charlie Bartlett" wird ein Sonderling zum Seelsorger. Um sich bei seinen Mitschülern beliebt zu machen, zieht der Außenseiter Charlie einen Drogehandel auf. Und therapiert die halbe Oberstufe von der Schultoilette aus.

Charlie ist ein ziemlich schlaues Kerlchen - zu schlau für teure Privatschulen, die den 17-Jährigen nacheinander vor die Tür setzen. Seinen letzten Rauswurf hat er gefälschten Führerscheinen zu verdanken, die er an seine Mitschüler verkaufte. Seine Mutter ist mit ihrem Latein am Ende und steckt den Knilch auf eine öffentliche High School. Prompt läuft Charlie dort mit Krawatte und Blazer ein und präsentiert sich in der am 26. Juni anlaufenden Teenager-Komödie "Charlie Bartlett" gleich als perfektes Mobbing-Opfer. Der schuleigene Schläger Murphey nimmt den reichen Pinkel umgehend brutal in die Mangel. Doch hier befinden wir uns in einer Komödie, und so bewahrt Charlie Haltung und versucht aus der Situation seinen Vorteil zu ziehen.

Der eloquente Knabe lässt sich von seinen Psychoklempnern Gute-Laune-Pillen verschreiben, engagiert den Punk als seinen Bodyguard und betreibt von der Jungstoilette aus einen schwungvollen Handel mit Ritalin, Prozac und anderen Psychopharmaka. Als Gratis-Zugabe gewährt der Dealer seinen Mitschülern ein offenes Ohr und steigt zum allseits beliebten Therapeuten auf. Damit droht er die ohnehin wacklige Autorität von Direktor Gardner zu untergraben. Und auch Gardners Tochter hat schon ein Auge auf den smarten Neuankömmling geworfen.

Ein Teeniefilm, der Drogen propagiert? In den USA war die Aufsichtsbehörde nicht amüsiert und verpasste der zotenfreien Komödie das R-Rating, nach dem Jugendliche unter 17 nur mit erwachsener Begleitung Einlass finden. Dabei sind im Film Erwachsene schlechte Vorbilder; Charlies Mutter spült ihre Antidepressiva mit Chardonnay hinunter, und auch Direktor Gardner ersäuft seine Krise heimlich in Alkohol. Die Komödie demonstriert schlicht die allgemeine Verfügbarkeit und Verbreitung legaler Drogen - aber eben auch, dass diese auf Dauer nicht weiterhelfen. Doch

Ohne moralischen Holzhammer

Debütregisseur Jon Poll fand es wohl ebenso blöd, den moralischen Holzhammer auszupacken, wie die sonst übliche dramatische Schwarzweißmalerei zu betreiben. Robert Downey jr. hängt an der Flasche So nehmen Standardsituationen pubertärer Miseren wie etwa das demütigende sogenannte "Happy Slapping" - Handy-Aufnahmen von Prügelattacken auf Mitschüler - paradoxe Wendungen.

Trotz einiger holpriger Szenen schafft es das Drehbuch oft genug, klischeehafte Figuren durch unorthodoxe Perspektiven lebendig zu machen. Dabei helfen großartige Nebendarsteller wie der unverwüstliche Robert Downey Jr. ("Iron Man"), der als selbstmitleidiger Direx die ärgste Pointe liefert. Auch Charlies charmant-derangierte Mama ist kein gewöhnliches ödipales Schreckgespenst. Vielversprechend als lakonisch-gewitzter Sonderling ist zudem Titelheld Anton Yelchin, ein Sohn russischer Eiskunstläufer.

Feelgood-Komödie mit kauzigem Humor

Natürlich lautet die Quintessenz auch dieser Teenie-Geschichte, dass man sich selbst am besten hilft, wenn man anderen hilft. So hat der arme, reiche Charlie, der nichts weiter will, als beliebt zu sein, ein Riesenproblem mit seinem Vater, der wegen der Steuer im Knast sitzt. Auch behandelt die Feelgood-Komödie sogar einen Suizidversuch als Neurose light und serviert mit kauzigem Humor oberflächliche Instant-Lösungen.

Keine Bösartigkeit, kein Kummer ist zu groß, als dass man sie nicht durch Sublimierung der Energie in kreative Bahnen überwinden könnte. Und so werden Neurosen auf die Schultheaterbühne verbannt, nach dem harmlosen Motto: Die tun nichts, die wollen bloß spielen. Für eine unterhaltsame Komödie ist das genug. Ende.

Birgit Roschy, AP / AP
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