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Kinostart "Der kleine Nick" Mon Dieu! Ein Brüderchen!


Fast ein Jahr musste vergehen, bis die deutschen Zuschauer in den Genuss der französischen Realverfilmung des "Kleinen Nick" kommen. Auch im Kino ist zunächst einmal alles prima im Nicks Leben - bis er eines Tages mitbekommt, dass seine Mutter wieder schwanger ist...

Es war einmal ein Land, in dem kleine Jungs kurze Hosen trugen, brav gescheitelt waren und an Märchen glaubten. Es handelt sich um das Frankreich des "Kleinen Nick", Held eines erstmals 1960 erschienenen illustrierten Kinderbuchs, das die Streiche des Lausbuben Nicolas schilderte. Die am 26. August anlaufende Real-Verfilmung haben in Nicks Heimat bereits über fünf Millionen Zuschauer gesehen. In Deutschland ist "Le petit Nicolas" besonders als erste Lektüre im Französischunterricht bekannt.

Nick ist ein rundum zufriedener kleiner Franzmann, der mit viel Fantasie begabt ist. In der Schule hört er eines Tages das Märchen vom Däumling, dessen Eltern ihn aus Not im Wald aussetzten. Zugleich schildert sein Schulkamerad Joachim missmutig, dass er einen kleinen Bruder bekommt und bei seinen Eltern nicht mehr die erste Geige spielt. Als Nick beobachtet, wie seine Eltern verliebt turteln und sein Vater zudem den Müll runterbringt, erkennt er darin exakt die Anzeichen der Schwangerschaft, die sein Freund Joachim beschrieb - und glaubt, dass auch er ein Brüderchen bekommt. Wird Nick jetzt von seinen Eltern im Wald ausgesetzt werden?

Zaubertrank gegen den kleinen Bruder

Mit seinen Freunden bildet er einen Kriegsrat, bei dem vom Kidnapping des zukünftigen Rivalen um die mütterliche Gunst bis zum "Lieb Kind machen" verschiedene Strategien diskutiert wird. Während die Clique mittels des Verkaufs eines selbst gebrauten "Zaubertranks" 500 Francs einnehmen will, um einen Gangster für das Kidnapping anzuheuern, haben auch die Erwachsenen Sorgen. Nicks Papa will seinen Chef einladen, um seine Beförderung voranzubringen, worauf Mama sich über das Diner den Kopf zerbricht. Und seine nette Lehrerin wird krank und durch einen gestrengen Drachen ersetzt.

Inszeniert wurde die hübsche Literaturadaption von Laurent Tirard, der bei einem weiteren nationalen Kulturgut, der dritten "Asterix"-Fortsetzung (2011), Regie führen wird. Wie Comic-Held Asterix ist auch der kleine Nick, dessen Geschichten sich noch heute mit jährlich 300.000 Exemplaren verkaufen, von René Goscinny erdacht. Optisch wurde der kleine Racker vom Zeichner Sempé verewigt, der mit feinem Strich ein liebenswürdiges Nachkriegsfrankreich schuf. Im Film wirken besonders die Kindercharaktere so, als seien sie direkt aus Sempés Zeichnungen gestiegen. Kad Merad ("Willkommen bei den Sch'tis"), der zurzeit größte französische Star, spielt den geplagten Vater.

Nostalgisches Panorama der französischen Nachkriegszeit

Der Film fasst mehrere Episoden in einer augenzwinkernden Geschichte zusammen, in deren bonbonfarbenen Kulissen sich das Flair der guten alten Zeit entfaltet. So schickt sich Nicks kleinbürgerliche Familie an, mittels Auto und Fernseher am französischen Wirtschaftswunder teilzuhaben. Zugleich herrscht im Schulhof mit Hausmeister "Bouillon" noch ein zackiger Ton vor. Hie und da ein bisschen Slapstick, eine rasante Autofahrt, und Wortwitz, der allerdings in der deutschen Synchronisation wegfällt, sorgen für Schmunzler. Zugleich transportiert der Film, der sich mindestens so sehr an Erwachsene wie an Kinder adressiert, ein gerüttelt Maß Nostalgie.

So sind zum Beispiel die Baustellen, auf denen die Buben spielen, längst zu jenen berüchtigten Vorort-Hochhauskomplexen herangewachsen, deren Kriminalität dem heutigen "kleinen Nick" an der Spitze der französischen Regierung, Nicolas Sarkozy, fast unlösbare Probleme bereitet. In diesem Film aber löst sich jedes Übel ohne großes Getöse in Wohlgefallen auf. Gelungen ist vor allem die Übernahme der entlarvenden kindlichen Perspektive auf die seltsame Welt der Erwachsenen. Mögen die späten 50er Jahre auch weit weg sein, so erschienen die Gefühle des kleinen Nick dennoch als universell.

Birgit Roschy, APN APN

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