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Kinostart "Toy Story 3" Woody im Monsterland


Der dritte Teil von Pixars Spielzeugabenteuer "Toy Story" bricht in den USA Zuschauerrekorde und bringt Kritiker vor Rührung zum Weinen. Aber worum geht es hier eigentlich wirklich?
Von Sophie Albers

Als "Toy Story" vor 15 Jahre als erster komplett computergenerierter, abendfüllender Animationsfilm in die Kinos kam, haben der smarte Kuschel-Cowboy Woody, der tumbe Plastik-Astronaut Buzz Lightyear und all die liebevollen Filmdetails das Publikum verzaubert. Seitdem geht der Erfolg der Pixar-Disney-Studios ab wie eine Rakete - gemäß Lightyears Motto "Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter!". 15 Jahre später - nach "Nemo", "Wall-E", "Oben" - startet mit "Toy Story 3" der elfte Pixar-Langfilm.

In Deutschland läuft es jetzt erst an, aber international bricht Woodys neues Abenteuer bereits Zuschauerrekorde und hat schon 730 Millionen Dollar eingespielt. Die Figuren sind wie immer wunderbar, die Details glitzern, und die Geschichte strotzt vor popkulturellen Referenzen, damit die erwachsene Kinobegleitung sich nicht langweilt. Aber irgendwas stimmt hier nicht, langsam wird es nämlich nicht nur auf, sondern auch vor der Leinwand gruselig.

Verlustängste

Wie im ersten Film geht es auch in "Toy Story 3" um Verlustängste: Die Geschichte beginnt mit der Erinnerung an die "gute alte Zeit", als Andy noch klein und verspielt war. Mittlerweile ist Woodys "Herrchen" aus dem Spielzeugalter raus und packt seine Sachen, um aufs College zu gehen. Da weist Mama ihn auf sein Spielzeug hin, und schon landen alle bis auf Woody in einer Tüte für den Dachboden. Als die aus Versehen zum Müll gestellt wird, kann der Actionfilm beginnen.

Natürlich will der sensible Cowboy seine Freunde retten, und so kommt es zu Verfolgungsjagden und Stunts, die Tom Cruise und Cameron Diaz im überproduzierten "Knight and Day" auch nicht besser hinkriegen. Nur hat Woody eben den Vorteil, Woody zu sein: ein Spielzeug, bei dem es völlig okay ist, dass es nichts weiter will, als geliebt zu werden - von allem und jedem. Und dieses liebessüchtige Ding folgt seinen Freunden auch, als sie in einem Kindergarten landen, der auf den ersten Blick hübsch, freundlich und bunt aussieht, sich jedoch als Spielzeugfolterstätte entpuppt, die von einem flauschigen Teddy-Diktator mit Kindheitstrauma beherrscht wird.

Tränen der Rührung

Das ist der Zeitpunkt, wenn aus dem Roadmovie ein Ausbruchsfilm wird. Wenn Woody seine Freunde aus dem Gefängnis führt, über Abgründe, vorbei an Wächtern und durch unwegsames Gelände, ist das genauso spannend wie "Prison Break". Und dann ist da noch eine wirklich verdammt gruselige Baby-Puppe, die man eher in einem "Chucky"-Film erwarten würde als zwischen Pixars possierlichen Helden. Das hat Pixar schon immer gekonnt: ganz realer Spielzeughorror.

Doch zurück zu den Tränen der Rührung, die manche Kritiker angesichts Woodys neuer Abenteuer verdrücken: Welche Knöpfe werden da eigentlich gedrückt? Und sind das eigentlich noch Kinderfilme, wenn es doch die ganze Zeit Erwachsene sind, die sich so an der düsteren Seite von Pixar erfreuen? Umwelttod und Einsamkeit in "Wall-E", der tragische Anfang von "Oben", wenn Griesgram Karl seine Frau verliert, die keine Kinder bekommen konnte? Ist der dämliche Hund mit der Schlappzunge vielleicht nur ein Alibi, um die Kinder im Kino auch mal lachen zu lassen? So wie in "Toy Story 3" der Gummidinosaurier, das Sparschwein oder Mister Kartoffelkopf ein bisschen herumalbern dürfen?

Horror im Kinderland

Aber Moment. Das Sparschwein macht Witze, wie viel das Spielzeug wohl noch auf Ebay wert ist. Der Dinosaurier flippt aus vor Glück, als er kurz angefasst wird. Und dann sind da noch Barbie und Ken, die einen auf "Sex and the City" machen. Und wenn dann auch noch Baby-Chucky sein kaputtes Glasauge auf Woody richtet, ist er vorbei, der niedliche Kinderfilm ohne Altersbeschränkung. Und da waren die Kuscheltiere noch nicht mal in der Müllverbrennungsanlage.

"Toy Story 3" ist ein wirklich gelungener Animationsfilm über Erwachsenenängste und die Melancholie des Älterwerdens, abgerundet mit einer Recyling-Botschaft. Aber könnten Pixar und die gerührten Erwachsenen endlich mal damit aufhören, so zu tun, als handle es sich um unschuldige Kinderfilme? Nur weil Erwachsene sich in die vermeintlich goldene Kinderzeit zurückwünschen, müssen sie damit doch nicht Kinder belämmern.


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