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Matthias Schweighöfer: Das deutsche Burschenwunder

Eigentlich braucht es in diesem Land flachgängigen Mainstream à la Bully und Til Schweiger, um ein Kinostar zu sein. Trotzdem ist ein junger Mime auf dem Weg ganz nach oben - und das mit beachtlichem Tiefgang. Warum Matthias Schweighöfer gerade durchstartet.

Von Sophie Albers

Er hat das Talent, das Aussehen, den Biss und eigentlich auch ein ganz gutes Händchen, was die Rollenwahl betrifft. Gerade überzeugte Matthias Schweighöfer im Fernsehen als frei fallender, manipulativer Adelsspross in dem wunderbaren "Tatort" "Weil sie böse sind". Im Kino ist er gleich zwei Mal zu sehen: als Dating-Dilettant in Til Schweigers Erfolgsfortsetzung "Zweiohrküken" sowie als guter Freund in dem gelungenen Mauerfall-Roadmovie "Friendship". Im Dezember lief zudem das smarte Piratenabenteuer "12 Meter ohne Kopf" über die Seeräuberlegende Störtebeker an. Und nun bekundet Hollywood Interesse an dem jungen Mann mit dem ebenmäßigen Gesicht - schon wieder. Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh will Schweighöfer in seiner Comicverfilmung "Thor" besetzen, neben Natalie Portman und Anthony Hopkins. Branagh kennt Schweighöfer aus einer anderen Hollywood-Großproduktion: In dem umstrittenen Stauffenberg-Film "Operation Walküre" (2008) durfte der 28-Jährige Tom Cruise verraten.

Es läuft also gut für Matthias Schweighöfer. Sollte man meinen. Aber der junge Mann, der seit 14 Jahren schauspielert und die Schauspielschule nach einem Jahr schmiss, hat schon einiges an Dreck fressen müssen. Das von ihm mitproduzierte Mammutprojekt über die Kriegsfliegerlegende Manfred von Richthofen "Der rote Baron" (2008) ging als eine der teuersten und zugleich erfolglosesten deutschen Filmproduktionen in die Kino-Annalen ein. Rund 18 Millionen Euro soll das mit Spezialeffekten gespickte Drama gekostet haben, rund 1,6 Millionen hat es eingespielt. Auch "12 Meter ohne Kopf" (2009) war trotz aller Originalität des Drehbuchs ein Kinokassen-Fiasko: Den rund sechs Millionen Euro Kosten stehen 130.000 Euro Einspielergebnis gegenüber.

Schweighöfer ist keine Zicke

Und was macht Schweighöfer, wenn er im Dreck liegt? Er steht wieder auf. Oder wie er es selbst formuliert: Er muss "nach vorne, nach vorne, nach vorne!" Die Enttäuschung mit "Der rote Baron" stürzte ihn zwar in eine Krise, aber nicht lange. Er habe daraus für später gelernt, sagt Schweighöfer. So einen "Griff ins Klo" wolle er nicht wiederholen. Auch das Denken des Vaters einer acht Monate alten Tochter - mit seiner langjährigen Freundin Ani - geht vor allem "nach vorne". Pantheon heißt seine Produktionsfirma, die ihm die Durchsetzung des eigenen Willens ermöglichen soll, aber "das ist eher ein Aufbauplan. Für später, wenn ich Zeit habe, die Freiheit mehr zu genießen." Noch so ein Projekt mit Zukunft ist seine Klamottenfirma "German Garment", fair produzierte Mode. Nein, Langeweile kenne er eher nicht.

Schweighöfer ist keine Zicke. Er flucht gern, besteht darauf, geduzt zu werden, ist neugierig, was vielen Stars abgeht, und wird rot, wenn man ihn auf sein Aussehen anspricht. Er ist Schauspieler, und er ist es ganz. Er ist Vater, und er ist es ganz. Er ist da, und er ist es ganz. "Wenn das Leben eine Bühne wäre, würde ich mich echt erschießen. Dann wäre ja jeden Tag Vorstellung", sagt er und trinkt seine dritte Cola.

Es sind wohl vor allem diese Fokussierung und Loyalität, die Schweighöfer im Fernsehen, Kino und Theater so überzeugen lassen. Neben seiner Paraderolle des zwischen den Stromschnellen des Erwachsenwerdens hin- und hergeworfenen Jünglings ("Soloalbum", 2003) kann er auch prollig-lustig wie in "Keinohrhasen" (2007), anspruchsvoll-dramatisch wie in der Hauptrolle der TV-Biografie des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki "Mein Leben" (2009) oder experimentell-theatralisch: 2007 holte ihn niemand Geringeres als Theater-Gott Frank Castorf für das Stück "Nord" an die Berliner Volksbühne. "Als ich Marcel Reich-Ranicki gespielt habe, dachten alle 'Der spinnt jetzt'. Wenn ich darüber nachdenken würde, würde ich mich niemals trauen, so etwas zu spielen, weil ich wüsste, dass ich damit vielleicht auch so richtig auf die Fresse falle. (...) Ein Schauspieler muss mutig sein", sagt Schweighöfer.

Ein Problem namens Einsamkeit

Kommt zum Schluss die Zuschreibung "ehrlich". Wenn man Schweighöfer gerade heraus fragt, gibt es eine dem Einfallswinkel entsprechende Antwort. Wenn es ein Problem gäbe, dass den Künstler Schweighöfer antreibt, sei das wohl die "Einsamkeit", sagt er ohne jede prätentiöse Anwandlung. Ein Gefühl, das er aus Kindertagen kennt, denn seine Eltern sind beide Schauspieler und waren immer viel unterwegs. Geboren wurde Schweighöfer in Anklam in Vorpommern. Er sei ein "überzeugter Ossi", hat er mal gesagt, was für ihn Empathie, Offenheit und Hilfsbereitschaft beschreibt. Schweighöfer war acht Jahre alt, als die Mauer fiel.

Aber noch mal zurück zur Schauspielkunst, die er ernster nimmt, als man es von Til Schweiger und Bully Herbig je erwartet: "Dieser unbedingte Wille darf nie aufhören", sagt er entschieden, und sein Markenzeichen-Grinsen verabschiedet sich auf einen anderen Kontinent. "Dieser Drang, diese Energie, die Kraft dafür zu haben, bedingunglos zu erzählen." Und wo ein Wille ist, ist ja bekanntlich auch ein Weg.