Michael Moores "Sicko" Auf dem Weg in die Wolfsgesellschaft


Oscar-Preisträger Michael Moore hat in seinem neuen Werk "Sicko" das amerikanische Gesundheitssystem im Visier. An den USA sehen wir, wohin die hemmungslose Privatisierung des Gesundheitswesens führt: Kranke Menschen werden dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Das droht ihnen auch bei uns.
Von Markus Grill

Nichts ist einfacher als Michael Moore zu kritisieren. Man kann seine Filme zu plump finden, zu populistisch, zu demagogisch, zu klamaukhaft. Doch mit Blick aufs Große und Ganze hat Moore Recht. Zum Beispiel mit seinem neuen Film "Sicko" über das US-Gesundheitssystem.

Moore zeigt darin ganz gewöhnliche Amerikaner und man empfindet mit allen Sympathie: ein kleines Mädchen kommt zu Tode, weil eine Krankenversicherung sich weigert, die Kosten im nächst gelegenen Krankenhaus zu übernehmen, und das Kind nach dem Weitertransport in eine andere Klinik stirbt. Ein Ehepaar mit vier Kindern verliert sein Haus und endet in Armut, nachdem die Mutter an Krebs erkrankt, der Vater einen Herzinfarkt erleidet, und die Eigenbeteiligung an den Behandlungskosten auf mehrere tausend Dollar wächst. Ein fast 80-jähriger Mann putzt weiter im Supermarkt, weil er nur so krankenversichert bleibt.

Im US-Gesundheitssystem herrscht Marktwirtschaft pur, gleichzeitig ist es das teuerste und ineffizienteste der Welt. Rund 200 Millionen Amerikaner, also der größte Teil der Bevölkerung, sind privat krankenversichert. Doch die Versicherungskonzerne gehen erbarmungslos mit ihren Versicherten um: Wer bestimmte Vorerkrankungen hat, wer zu dick oder zu dünn ist, wird erst gar nicht aufgenommen. Wer ernsthaft krank wird, bekommt von seiner Versicherung einen Brief, dass die Behandlungskosten leider nicht übernommen werden können, dazu fingieren Gutachter medizinische Begründungen.

Wer nicht zahlen kann, fliegt schon mal blutend aus der Klinik

Wer es dennoch in eine Klinik schafft wird trotz Versicherung zur Kasse gebeten (Wirtschaftsliberale nennen dies gern "Eigenverantwortung"). Und wer nicht zahlen kann, wird von der Klinik auch schon mal blutend in ein Taxi gesteckt und vor einer Obdachlosenunterkunft rausgeworfen. Es ist beschämend, wie wenig sich das reichste Land der Welt um seine Bürger kümmert, wenn sie krank werden. Beschämend, wie im 21. Jahrhundert die kranken Menschen dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden.

Kein Wunder, dass Michael Moore ein Trip nach Europa wie eine Reise ins Paradies vorkommt. Moore fährt nach England und Frankreich und kann es gar nicht fassen, dass hier jeder, unabhängig von seinen Vermögensverhältnissen, eine ordentliche medizinische Behandlung erfährt. Man kennt allerdings aus England auch Berichte von Patienten, die ewig lang auf Operationen warten müssen. Viele US-Amerikaner wären dennoch froh, sich überhaupt in eine solche Warteschlange einreihen zu dürfen.

Die oberen Zehntausend sind auch bei uns schlauer und schlanker

Hat das alles auch was mit Deutschland zu tun? Ja, vor allem wenn wir wissen wollen, wohin eine hemmungslose Privatisierung führt. Noch können die Privatversicherungen bei uns ihr Sonntagsgesicht aufsetzen, weil sie vom Gesetzgeber besonders geschützt werden. Denn Privatpatient darf in Deutschland nur werden, wer selbständig oder Beamter ist, oder wer mehr als 47.700 Euro pro Jahr verdient. Diese oberen zehn Prozent der Bevölkerung sind gesünder als der Durchschnitt, sie sind besser gebildet, treiben mehr Sport, ernähren sich besser, werden seltener krank. Selbst der dümmste Manager kann eine Privatversicherung erfolgreich führen. Würde es aber nicht die Gesetzliche Krankenkasse geben, müssten also die Privatversicherungen die ganze Bevölkerung versichern, würden sie sich uns gegenüber bald so verhalten wie in den USA.

Gier der Pharmamultis macht uns krank

Größere Profite als die Privatversicherungen machen nur noch die Pharmakonzerne. Für sie herrschen in Deutschland perfekte Zustände. Denn sie können, so unglaublich dies klingt, den Preis für ein neues Medikament so hoch festsetzen, wie sie wollen. Vor zehn Jahren mussten die Gesetzlichen Kassen noch 17 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben, in diesem Jahr werden es 27 Milliarden sein. In den USA sterben Patienten, weil sie sich überteuere Medikamente nicht leisten können.

In Deutschland sorgt die Gier der Pharmamultis nur dafür, dass Kassenbeiträge steigen und weniger Geld für Ärzte und anderes zur Verfügung steht. Noch kann Europa stolz auf sein staatliches Gesundheitssystem sein. Doch je mehr wir den Phrasen der Privatisierungs-Ideologen erliegen, je weniger wir uns für Gesundheitspolitik interessieren, desto schneller werden wir am eigenen Leib erleben, was wir jetzt noch mit Schaudern im Kino sehen.


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