Musical "Dirty Dancing" Mach's noch mal, Johnny!


Mit kreisenden Hüften, fliegenden Röcken und riskanten Hebefiguren feierte das Musical "Dirty Dancing" seine Europapremiere. Vor allem bei den Tanzeinlagen jauchzte das Publikum vor Freude.
Von Claudia Pientka

Es gibt Filme, die tauchen auf keiner Bestenliste auf, deren Darsteller wurden bei den Oscars ignoriert und ihre Wiederholungen haben schon so oft das Licht der TV-Röhre erblickt, dass sich bei der bloßen Erwähnung ihres Titels dutzende Augenpaare gen Himmel rollen. Trotzdem sind diese Filme legendär, nein, nicht legendär schlecht, sondern zum schmachten schön, kitschig und für ihre Zeit so treffend, dass sie zum Mythos wurden. "Dirty Dancing" ist so ein Film. Als er 1987 in Kinos kam verzückte er allein in Deutschland mehr als neun Millionen Kinogänger. Doch es sollte 17 Jahre dauern, bis sich die Autorin des Films, Eleanor Bergstein, überreden ließ, ein Drehbuch für die Bühne zu schreiben. Am Sonntag schließlich war es soweit und die Musical-Version von "Dirty Dancing" feierte in Hamburgs Tanztheater "Neue Flora" ihre Europa-Premiere.

Wer sich zunächst über das minimalistische Bühnenbild wunderte, dem wurde schnell vor Augen geführt, worum es in diesem Musical geht: ums Tanzen. Um dreckige, hüftkreisende, aneinanderreibende Balzgebärden. Hinter einem durchsichtigen, netzartigen Vorhang schmiegen sich schon vor Beginn der Handlung Tänzerkörper aneinander, fliegen Beine in Höhe, werden Röcke gelupft. Doch was in der Einstiegsszene noch seltsam steif und einstudiert wirkt und mehr an Aerobicstunde denn an verbotene Hinterhofdisco erinnert, löst sich im Laufe der Vorführung in Wohlgefallen auf. Denn eines muss man der Besetzung des Musicals lassen: Tanzen kann sie.

Arzttochter trifft Tanzlehrer

Die Handlung des Musicals ist schnell erzählt: "Es war im Sommer '63, alle nannten mich Baby und irgendwie hat mir das gefallen. Es war der Sommer, den wir bei Kellerman's verbrachten..." Baby, das ist Frances Houseman, gutbürgerliche Tochter eines Arztes, die gegen das Schlechte in der Welt kämpft und dabei das anstößige Tanzen lernt. Denn statt mit dem braven Jurastudenten Hufeisen zu werfen, schleicht sich Baby in die verruchte Welt der niederen Hotelangestellten und Animateure und verliert dort Herz und Jungfräulichkeit an den gut aussehenden Tanzlehrer und Maurergehilfen Johnny Castle. Tanzend überwindet das Paar intellektuelle Gegensätze, elterliche Vorurteile und tollpatschige Bewegungsübungen, "Bleib auf den Zehenspitzen... tu was ich dir sage... die Technik alleine macht's nicht... du musst den Rhythmus spüren! " und zeigt das Happy End der gegensätzlichen Königskinder.

Wen die Bühnen-Geschichte an den Film erinnert, der wird bald bestätigt. Jede Szene, jeder Dialog, jedes Bühnenbild, ja sogar fast jeder Hüftschwung gleicht exakt dem filmischen Pendant. Bis auf wenige Veränderungen, vor allem in der zweiten Hälfte, wurde das Drehbuch auf der Bühne identisch umgesetzt. Doch während sich der Film genüsslich seiner Oberflächlichkeit hingibt und großartig in dem ist, was er ist, nämlich ein unterhaltender Tanzfilm, versucht das Musical künstlich Tiefe zu schaffen indem Szenen über die Bürgerrechtsbewegung hinzu gefügt wurden.

Mitsingen möglich

Der Vorteil der sonst getreuen Adaption: Das Publikum weiß genau, was es bekommt, kann die Szene fast mitsprechen und verfällt bei Stichworten wie "Mein Baby gehört zu mir" in erwartungsvolles Gekreische. Ein "Im Film war das aber so und so" kann hier niemand bemeckern, von der Wassermelone, die Baby ins Gesindehaus trägt bis zum Tanz auf dem Baumstamm - alles da.

Der Nachteil: Hauptdarsteller, Bühnenbild und Tanzeinlagen müssen sich den Vergleich mit dem Film gefallen lassen und das ist nicht immer einfach. Den Musical-Johnny, auf der Leinwand spielte ihn Patrick Swayze, gibt der niederländische Latein-Profitänzer Martin van Bentem. Den lässig-coolen Underdog kauft man ihm vor allem ab, wenn er tanzt. Doch mit dem Schauspielern und auch mit den deutschen Dialogen hapert es noch. "Sie kann's nicht. Sie kann's einfach nicht", wehrt Johnny sich anfänglich noch gegen Baby als Tanzpartnerin, doch leider kommen die Sätze weder dialektfrei noch flüssig über seine Lippen. Das aber macht nicht wirklich was, schließlich kann der Mann tanzen und wie gesagt, in "Dirty Dancing" geht's ja ums wilde, dreckige Undsoweiter.

Ein weiteres Minus werden für wahre Musical-Liebhaber die fehlenden Gesangseinlagen sein. Keiner der beiden Hauptdarsteller trägt ein Lied vor, nicht einmal das im Original von Patrick Swayze gesungene "She's like the Wind". Dafür wird das Stück zusammen mit den wichtigsten Filmhits "Hungry Eyes" und "The Time of my Life" von einer Live-Band auf der Bühne gespielt und gesungen von Sabrina Weckerlin, bekannt von dem "Drei Musketiere"-Duett mit Super-Schmusi Alexander Klaws.

Anfängliches Fremdschämen verfliegt im Nu

Etwas einfacher hat es da seine Partnerin Ina Trabesinger. Wie ihr Charakter Baby, der auch erst im Laufe der Handlung aufblüht, kann auch sie sich von Szene zu Szene entwickeln - vor allem tänzerisch, wobei die Zurückhaltung und gespielte Tollpatschigkeit einem Profi wie Trabesinger sicher nicht leicht fallen. Doch das Bühnen-Baby bewältigt ihre Aufgabe mit erfrischender Leichtigkeit, selbst dümmliche Sätze wie "Ich habe eine Wassermelone getragen" wirken aus ihrem Mund charmant und natürlich. Anfängliches Fremdschämen verfliegt im Nu.

Ebenfalls lobenswert: Franziska Lessing, die die naive Schwester Lisa Houseman mit großem komischem Talent spielt. Und weil "Dirty Dancing" in erster Linie ein Tanzmusical ist, brilliert darin besonders auch Rachel Marshall in der Rolle der schwangeren Tanzlehrerin Penny. Mit ihren exakten weichen Bewegungen erntet sie nicht nur die neidischen Blicke der Frauen, sondern auch die bewundernden der Männer. Genau diese Einlagen des Paares van Bentem-Marshall werden etliche Lernwillige in die Tanzschulen treiben - in der Hoffnung auf einen wenigstens halbwegs eleganten Mambo.

Künstlicher Waldsee für die Hebefigur

Leider wird kein Übungsraum eine Atmosphäre erzeugen können, wie sie das atemberaubende Bühnenbild des Musicals kreiert. Die zunächst minimalistisch anmutende Bühne dreht und wendet sich zur perfekten Ferienclub-Kulisse, Johnny braust im originalgetreuen 57er Cadillac von dannen, ein 18 Meter langer Baumstamm kippt aufs Podium, damit Baby und Johnny ihr Gleichgewicht auf ihm trainieren können und für die berühmte Hebefigur wird ein künstlicher Waldsee mit Nebelschwaden auf die Bühne projiziert.

So viel Liebe zum Detail weiß das Publikum zu schätzen: Jubelschreie, lautstarke Seufzer - "Mein Baby gehört zu mir, ist das klar?!" - und am Ende Standing Ovations beweisen den geglückten Zeitsprung ins Jahr 1963 - den Sommer, den wir alle bei Kellerman's verbrachten.


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