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Interview

"My First Lady": Was die Obamas und Horrorfilme gemeinsam haben

Es geht weder um Trump-Tourette noch um Clinton-Unterstützung. "My First Lady" ist nicht Wahlkampf, sondern ein kleiner, feiner Film über das erste Date von Barack und Michelle Obama. Der Regisseur ist gerade mal 31 - und hat eine unerwartete Vorgeschichte. 

Von Sophie Albers Ben Chamo

Tika Sumpter und Parker Sawyers in "My First Lady" und Regisseur Richard Tanne

Tika Sumpter und Parker Sawyers in "My First Lady" und Regisseur Richard Tanne

Mit "My First Lady" ist Richard Tanne ein sonnendurchflutetes, entspanntes, aber auch sehr präzises Regiedebüt gelungen. Es geht um Liebe und darum, was es heißt, als Schwarzer in Amerika zu leben. Und um die Obamas. Das weltweit beliebteste Regenten-Paar seit... immer. Besonders verblüffend an diesem Film ist der Regisseur selbst: Tanne ist weiß, 31 Jahre jung und offensichtlich ein Horrorfilm-Fan.

Mister Tanne, Romanzen schienen bisher nicht Ihr Ding: Sie haben mit Horrorfilmen angefangen, Sie haben für Torture Porn"-Meister Eli Roth ("Hostel") gearbeitet, in "Swamp Shark" mitgespielt, "Mischief Night" produziert. Und dann erschaffen Sie plötzlich diesen perfekten kleinen Liebesfilm. Wie konnte das passieren?

(lacht) Eli hat mir vor zehn Jahren meinen ersten Job in Los Angeles gegeben. Ich habe für "Hostel" recherchiert, und dann war ich Assistent für "2001 Maniacs". Das war aber nur mein Ausflug ins Horror-Genre. Eigentlich bin ich eher der Romantik-Typ.

Ihre Freunde haben sich also nicht gewundert?

Was die Romanze angeht, war allen klar, dass es zu mir passt. Ich liebe schließlich romantische Filme! Aber als ich den Leuten anfangs erzählt habe, dass ich einen Film über das erste Date der Obamas machen will, gab es tatsächlich seltsame Reaktionen: Meine afroamerikanischen Freunde haben es sofort verstanden und mich total unterstützt. Meine weißen Freunde dagegen waren etwas verblüfft ob der Idee. Sie haben das nicht gleich verstanden. Das fand ich interessant.

Was meinen Sie mit interessant?

Ich habe verstanden, dass es ein Publikum für diesen Film gibt. Dass in diesem Land zu wenig schwarze Liebesgeschichten im Kino zu sehen sind. Und dass es einen tiefen Stolz auf den ersten schwarzen Präsidenten und die First Lady gibt. Das macht so viel Sinn. Mich hat es ja auch total inspiriert und ermutigt, diesen Film zu machen.


Gab es auch das Feedback: Warum dreht ein Weißer diesen Film?

Klar. Die Frage kam andauernd. Allerdings von Leuten, die das Skript noch nicht gelesen haben. Danach haben sie es verstanden. Erst recht nachdem sie den Film gesehen haben. Ich bin echt dankbar und berührt von den positiven Reaktionen. Und davon dass die Hautfarbe des Autors und Regisseurs nicht mehr so Thema ist. Aber ich rede viel darüber in Interviews, denn für mich war ein großes Privileg, dass ich für diesen Film aus mir selbst heraustreten und versuchen konnte, die kulturellen und ethnischen Nuancen zu verstehen. Oder wie Barack im Film sagt: Mein Bestes zu versuchen, um mich in die Lage eines anderen zu versetzen.

Das Erstaunliche an diesem Film war für mich, dass es am Ende egal ist, dass es die Obamas sind. Die Liebesgeschichte steht für sich.

Das freut mich, dass Sie das so sehen. Es war mir wichtig, dass das Label "Präsident und First Lady" irgendwann wegfliegt. Als ich mit den Darstellern an der Geschichte gearbeitet habe, ging es immer darum zu ignorieren, was wir heute wissen. Und stattdessen einen Moment zu schaffen, in dem diese beiden Menschen sich verlieben. Andererseits hätte ich den Film nie geschrieben, wenn ich nicht von den Obamas inspiriert worden wäre.

Was genau hat dieses Paar denn in Ihnen ausgelöst, das andere Paare nicht auslösen?

Das beschreibt es ganz gut. Ich finde, wie sie zusammen sind, wie sie sich angucken, wie sie miteinander flirten, das sieht man nicht so häufig, weder in der eigenen Familie, noch unter Freunden und auch nicht auf der Straße. Und erst recht nicht bei Personen des öffentlichen Lebens, bei Politikern. Es hat mich zutiefst beeindruckt, wie sie miteinander umgehen. Ich habe mich aber nicht hingesetzt und gesagt: Ich schreibe jetzt eine Romanze oder ein Biopic. Erst als ich über das erste Date von Barack und Michelle gelesen habe, 2007 oder 2008 war das, wurde mir klar "Wow, das ist ein Stück echtes Leben. Dieser Tag, an dem diese Liebe begann. Das gehört alles dazu. Sie war nicht interessiert, er musste sich beweisen, und er hatte dafür ein einziges Date. Das war eine tickende Uhr." So einen Konflikt brauchst du, um einen guten Film zu machen. Es war also alles vorhanden. Wäre ich schlauer, hätte ich auch über die politischen Folgen nachgedacht, und darüber, dass ich weiß bin. Aber ich war so begeistert davon, diese Geschichte zu erzählen, dass ich einfach reingesprungen bin.

Aber das historische Gewicht und vor allem das Timing, dass der Film just vor dem Ende von Obamas Amtszeit in die Kinos kommt, müssen Sie doch spüren.

Es war wirklich nicht geplant, dass der Film ausgerechnet jetzt in die Kinos kommt. Es hätte auch 2010 passieren können oder 2014. Aber weil er jetzt startet, wird er von den Leuten anders betrachtet. Das finde ich faszinierend. Jeder hat eine andere Beziehung zum Präsidenten, zu dessen Regierungszeit und seinem politischen Vermächtnis. Im Augenblick kann man den Film durch die Linse sehen: Der Typ regiert gerade. In ein paar Monaten dann nicht mehr. Und dann sieht man ihn auch anders. Dieser Film ist definitiv eine Liebeserklärung an die Liebe, und weil er jetzt rauskommt, sehen viele darin eben auch eine Liebeserklärung an den Präsidenten und die First Lady am Ende ihrer Zeit. Das war aber ursprünglich nicht meine Absicht.

Aber ein Fan der Obamas sind Sie schon.

Ja, klar. Aber hätte ich bei der Recherche Kontroverses entdeckt, hätte ich das auch erzählt. Aber rein objektiv betrachtet kann man sie gar nicht anders als in schmeichelndem Licht darstellen, weil sie gute Menschen waren.

Gab es schon eine Reaktion aus dem Weißen Haus?
Letzte Woche waren Parker, der Barack spielt, und ich in Washington DC und sind Essen gegangen. Plötzlich war draußen total der Auflauf vor dem Restaurant nebenan. Wir sind rausgegangen und haben gefragt, was los ist, und jemand deutete durchs Fenster: Da saßen der Präsident und die First Lady beim Dinner. 15 Meter von uns entfernt. Näher sind wir ihnen bisher nicht gekommen (lacht)