Mit ihrem Spielfilmdebüt "Promising Young Woman" sorgte Emerald Fennell 2021 für Aufsehen und gewann einen Oscar für das Drehbuch. Zwei Jahre später etablierte sich die britische Filmemacherin mit ihrem satirischen, atmosphärischen Thriller "Saltburn" als eine der provokativsten Stimmen im zeitgenössischen Kino. Jetzt hat sich Fennell eines der großen Klassiker der britischen Literatur angenommen.
Emily Brontës "Wuthering Heights" gilt als einer der größten Klassiker der britischen Literatur. Der 1847 veröffentlichte Roman - in Deutschland als "Sturmhöhe" bekannt - wurde schon unzählige Male verfilmt. Fennell (40), die nach eigenen Angaben sämtliche Filmadaptionen kennt, entdeckte den Roman bereits als Teenagerin für sich. Ihr Kinofilm basiert auf dieser Erfahrung.
Literaturklassiker als "emotionales Erlebnis"
"Ich habe versucht, eine Welt zu erschaffen, die sich anfühlt wie die erste Begegnung eines Teenagermädchens mit einem großen Kunstwerk, eine Art emotionales Erlebnis", erklärt Fennell im Interview der Deutschen Presse-Agentur in London. Jahrelang hatte sie das Buch nicht mehr gelesen. Bevor sie es erneut las und sich überlegte, wie sie den Stoff umsetzen könne, habe sie zuerst alles aufgeschrieben, was sie aus Brontës Buch erinnerte.
"Ich habe alles notiert, was ich noch im Kopf hatte", erzählt sie. "Dabei stellte sich heraus, dass vieles, was ich als Teil des Buches in Erinnerung hatte, in Wirklichkeit Wunschdenken war. Oder ich hatte etwas zwischen den Zeilen gelesen, etwas missverstanden oder übersehen. Und dann habe ich mir überlegt, welche Fantasieelemente aus meiner Vorstellung ich behalten wollte."
Entsprechend erhebt Fennells Film keinerlei Anspruch auf Vorlagentreue. "Ich wollte probieren, ob ich eine Adaption schaffen könnte, die eher eine emotionale Reaktion darauf ist als eine wörtliche Umsetzung", sagt sie. Und doch sind viele Dialoge originalgetreu. "Ich wollte so viel wie möglich von Brontës Originaldialog behalten, weil der einfach am besten ist. Selbst wenn man nur ein Wort ändert, hat das eine Wirkung."
Margot Robbie und Jacob Elordi als unglückliches Paar
Unter anderem Merle Oberon und Laurence Olivier, Juliette Binoche und Ralph Fiennes sowie Charlotte Riley und Tom Hardy waren schon das unglückliche Paar Cathy und Heathcliff. In Fennells Film spielen es jetzt zwei australische Stars: Margot Robbie ("Barbie") und Jacob Elordi ("Saltburn").
"Ich finde, es ist eine der größten Liebesgeschichten aller Zeiten – und natürlich ist das subjektiv", sagt Robbie im dpa-Interview. "Ich liebe diese Geschichte. Ich liebe das Buch, und es hat einfach etwas Zeitloses. Es wurde vor fast 200 Jahren geschrieben, unzählige Male adaptiert, und ich glaube, das wird auch so weitergehen."
Wie die meisten Adaptionen konzentriert sich auch Fennells Version auf die erste Hälfte des Romans, in der es vor allem um die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff geht, die bereits in der Kindheit beginnt.
Eine heimliche Romanze, eine toxische Beziehung
Catherine Earnshaws verwitweter Vater nimmt einen namenlosen und bislang stummen Straßenjungen in dem Anwesen Wuthering Heights auf. Seine Tochter findet sofort Gefallen an dem Jungen, den sie als Spielgefährten - oder wie sie sagt "als Haustier" - behalten möchte. Cathy gibt ihm den Namen Heathcliff und bringt ihm das Sprechen bei. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft.
Jahre später wird aus Freundschaft Begehren. Als sich Cathy der Haushälterin Nelly (Hong Chau) anvertraut, lauscht Heathcliff. Er hört Catherine sagen, dass sie eine Hochzeit wegen seines Status für unmöglich hält, aber nicht, dass sie ihn liebt. Über Nacht verlässt Heathcliff Wuthering Heights. Catherine heiratet den wohlhabenden Edgar Linton (Shazad Latif). Sie zieht zu ihm und seiner Schwester Isabella (Alison Oliver).
Als Heathcliff Jahre später als wohlhabender Mann und neuer Besitzer von Wuthering Heights zurückkehrt, flammt die Begierde wieder auf. Doch für Cathy und Heathcliff gibt es keine gemeinsame Zukunft. Aus der heimlichen Romanze wird eine zunehmend toxische Beziehung, die ihr gesamtes Umfeld in Mitleidenschaft zieht.
Prächtige Bilder, mitreißende Musik und viel Sex
"Im Grunde wollte ich nach "Saltburn" etwas machen, das sowohl emotional als auch körperlich berührt", sagt Fennell. "Ich habe immer wieder an das erste Werk zurückgedacht, das genauso ein Gefühl in mir ausgelöst hat. Und das war dieses Buch."
Der visuell spektakuläre Film beeindruckt mit prächtigen Bildern von Kameramann Linus Sandgren ("La La Land", "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"). Die kräftigen, leuchtenden Farben der Kostüme und Studiokulissen stehen im Kontrast zu den dramatischen, düsteren Landschaftsbildern aus dem stürmischen West Yorkshire.
Der Film ist durch und durch sexuell aufgeladen. Fennell zeigt Catherine bei der Selbstbefriedigung, Sex mit Pferdegeschirr, schwitzige Körper und allerlei Sinnliches. Obendrein gibt es reichlich schlüpfrige Symbolik - platzende Eier, Finger im glibbrigen Dotter oder eine ziemlich schleimige Schnecke.
Den Soundtrack für das voyeuristische Spektakel der Sinne lieferte Charli XCX. "Sie ist ein Genie, eine Poetin", schwärmt Fennell. Ihr Soundtrack ist eine mitreißende, Oscar-verdächtige Mischung aus eingängigen Popmelodien und dramatischen Streichern. 13 Cello-Spieler werden im Abspann genannt.
Ein Kino-Erlebnis für die Sinne
In manchen Momenten wirkt "Wuthering Heights" wie ein stylishes Musikvideo. Die zweite Hälfte des 135 Minuten langen Films ist stellenweise etwas langsam und zäh. Aber die Bilder sind schön und die Besetzung ist bis in die kleinen Rollen erstklassig. Besonders Elordi überzeugt als gleichermaßen liebestoller wie rücksichtsloser Heathcliff.
Puristen werden vermutlich die Nase rümpfen. Fennell-Fans hingegen dürften begeistert sein. In jedem Fall ist Emerald Fennels "Wuthering Heights" ein intensives Kino-Erlebnis für die Sinne.