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Neuer Haußmann-Film: Die Wiedergeburt der Maruschka Detmers

Eigentlich jagt er von Berufs wegen Schulmädchen, doch dann verknallt er sich in eine 20 Jahre ältere Frau. Tom Schilling und Maruschka Detmers spielen in "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" ein ungleiches Paar. Und Regisseur Leander Haußmann ist endlich wieder in Topform.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Los geht die Hatz auf die unschuldigen Schulmädchen. Geraten sie ins Visier von Robert Zimmermann (Tom Schilling), dann kennt er kein Erbarmen. Die Pferdeschwanz-Girlies werden gnadenlos niedergemetzelt. Auch buddhistische Mönche beten umsonst um ihr Leben. Köpfe rollen. Blut spritzt. "Geil, ist das menschenverachtend!", so Roberts Kommentar. Blöd nur, dass die Blutorgie nicht in knallrot über den Bildschirm tropfen darf. Der erfolgreiche Ego-Shooter-Designer muss das Blut grün einfärben. Eine Auflage des deutschen Jugendschutzes. Ausgerechnet Grün. Dann ist der Effekt natürlich weg. Robert bleibt auch nichts erspart.

Das nächste Desaster wartet an der Currywurstbude. Kollege Ole (Christian Sengewald) bewaffnet sich mit einer Ketchup-Flasche, doch statt auf seinen Hotdog zielt er versehentlich auf Roberts Jackett. Der 26-Jährige ist über und über mit dickflüssiger Pampe besudelt - und sieht aus wie eine seiner Baller-Figuren. Allerdings in der knallroten Variante. Was Robert nun aber gar nicht gebrauchen kann. Schnurstracks marschiert er in die nächste Reinigung, blickt dort in die rehbraunen Augen der 20 Jahre älteren Monika (Maruschka Detmers) und verliebt sich Hals über Kopf. Keine Frage: Die ist es oder keine. Los geht die Jagd auf die gereifte Frau. Und im Hintergrund schmachtet die Berliner Band Element of Crime: "Ohne Dich will ich nicht, mit Dir kann ich nicht sein."

Erfrischender als ein 24h-Deo

Wer nach dieser Eröffnungssequenz der Vollblut-Komödie "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" erstmal Atem holen will, muss den Kinosaal verlassen. Denn auf der Leinwand geht es in rasantem Tempo weiter. Regisseur Leander Haußmann ist endlich wieder in Topform. Vielleicht hat er sich bei seinem extrem mittelmäßigen Vorgängerfilm "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" einfach nur mal ausgeruht. Nun, zum Glück, nähert er sich wieder dem Niveau von "Sonnenallee" an, seinem bislang größten Kinoerfolg.

Haußmann zeigt, wie sich die ganz großen Gefühle ohne deutschen Ernst inszenieren lassen und kommt mit einer Leichtfüßigkeit daher, die erfrischender ist als jedes 24-Stunden-Deodorant. Sketch folgt auf Sketch. Menschlichkeit trifft Humor. Das dürfte sogar Berufs-Melancholiker zum Lachen verführen. Und gerade dass es manchmal so richtig albern wird, dass heftig über die Stränge geschlagen wird, genau das macht einen Heidenspaß. Man fühlt sich wie ein Kind, das Karussell fährt und gar nicht mehr aussteigen will. Und das Extra für alle Fans der Hanseatenstadt: Die Story nach der Romanvorlage von Gernot Gricksch ist in viel Hamburger Lokalkolorit eingebettet.

Die harte Hand von Godard

Hinter den Kulissen dürfte es ebenfalls recht turbulent zugegangen sein. Leander Haußmann ist bekannt für seine eigenwillige Arbeitsweise mit den Schauspielern. Soll heißen: Szenen, die er am Anfang des Drehtages gut findet, mag er plötzlich nicht mehr. In der Folge werden Dialoge ständig geändert. Wie gut, dass Hauptdarstellerin Maruschka Detmers so schnell nichts umhaut. Drehte sie doch bereits als 19-Jährige unter der Regie von Jean-Luc Godard die poetische Tragödie "Vorname Carmen". Und Godard soll seine Akteure auch nicht gerade mit Samthandschuhen anfassen.

Überhaupt Maruschka Detmers. Leander Haußmann sei Dank, dass er sie wieder ins deutsche Kino geholt hat. Ob in geblümter Kittelschürze oder royalblauem Paillettenkleid, die gebürtige Niederländerin ist einfach eine Wucht. So viel subtile Erotik ist selten. Tom Schilling hingegen schlägt in eine ganz andere Richtung. Seine größten Momente hat er in den tollpatschigsten Szenen. Das weckt fast Mutterinstinkte. Man hätte nicht übel Lust, ihm Pausenbrote zu schmieren.

Wie nun geht es weiter mit Monika und Robert? Ein Happy End zwischen dem ungleichen Paar scheint so wenig wahrscheinlich wie eine Busenfreundschaft zwischen Angela Merkel und Paris Hilton. Monika, allein erziehende Mutter eines heftig pubertierenden Sohns, geht auf Distanz. Doch ihr draufgängerischer Verehrer lässt nicht locker. Er steht regelmäßig vor ihrer Haustür und bombardiert sie mit SMS. Nichts, was Monika aus der Reserve lockt.

"Kumm bi de Nacht"

Bedauerlich, aber in Sachen Liebe ergeht es auch anderen nicht besser. Roberts Eltern (Adam Oest und Marlen Diekhoff) verkünden, dass sie sich trennen werden. Der Vater kommt plötzlich in Motorradkluft daher. Seine dreißig Jahre jüngere Freundin ruft ihn "Bärchen". Die Mutter angelt sich einen niederdeutschen Literaten, der "Kumm bi de Nacht" rezitiert, und bei einem Familientreffen fragt sie dann unvermittelt in die Runde: "Wer fickt denn hier die Barbie-Puppe?"

Mit am Tisch sitzt Roberts Schwester (Annika Kuhl). Die ist eigentlich liiert mit einer Oberkampf-Lesbe (Bettina Stucky). Doch weil sie sich hat schwängern lassen, ist heftiger Knatsch angesagt. Und wieder steuern Element of Crime, verantwortlich für den hervorragenden Soundtrack, ihren musikalischen Delikatess-Senf bei: "Vater ist Biker jetzt, Mutter noch schlimmer/ Jeden Sonntag gibt's Essen und einer weint immer/ Da werden noch Nudeln in Schweiß und Tränen gegart/ Und Vaters Neue ist jünger als ihr alle je wart."

Irgendwann kann der hartnäckige Robert seine unnahbare Monika doch noch überreden - zu einem nächtlichen Ausflug in den "Planten und Blomen"-Park. Achtung aber, hier droht Kitsch-Alarm, den der übermütige Humor allerdings wieder ausbügelt. In einer grotesken Choreographie tanzt das Paar mit einer Hippie- Balletttruppe durch ein Wasserbassin.

Überhaupt weht viel 60er-Jahre-Geist durch den Film. Nicht zuletzt ist der Filmtitel eine Hommage an diese Zeit. Richtig: Bob Dylan heißt mit bürgerlichem Namen Robert Zimmermann. Und weil es sowieso passt, taucht auch noch James Garfunkel auf, der Sohn des 60er-Jahre-Stars Art Garfunkel. Ein Cameo-Auftritt, eine kurze Gesangseinlage. Das war es auch schon wieder. Schnell, schnell. Es muss ja weitergehen. Das Karussell soll sich bloß nicht aufhören zu drehen.

  • Sylvie-Sophie Schindler