Nina Hoss spielt "Anonyma" Vergewaltigungen als grausames Kriegsmittel


"Anonyma- Eine Frau in Berlin" zeigt einen dunklen Teil der deutschen Geschichte, der lange totgeschwiegen wurde. Nina Hoss spielt "Anonyma", die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges Misshandlungen und Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee erleiden muss.

Vermutlich waren es hunderttausende Frauen, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges von Soldaten der Roten Armee in Berlin und im Osten Deutschlands vergewaltigt wurden. Gesprochen über das Leid haben die Opfer meist nicht. Zuhören wollte ihnen ohnehin fast niemand, der eigene Ehemann oft schon gar nicht.

Als Ende der 50er Jahre die von einer betroffenen Frau anonym veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen über diese traumatische Zeit auch in Deutschland auf den Markt kamen, stieß das Thema auf wenig Interesse. Erst mit der Wiederveröffentlichung der Aufzeichnungen von "Anonyma - Eine Frau in Berlin" (Eichborn Verlag) im Jahr 2003 begann eine Aufarbeitung dieses Teils der deutschen Geschichte.

Regisseur Max Färberböck inszenierte den Stoff 2008 als Kinofilm, den das ZDF an diesem Montag und Mittwoch (jeweils 20.15 Uhr) als Zweiteiler ausstrahlt. "Komm Frau, komm!" - mit diesem Ruf holten die Soldaten in der sterbenden Stadt Berlin die von Hunger, Angst und Bombennächten zermürbten Frauen aus ihren Wohnungen, Verstecken und mitten von der Straße weg. In Färberböcks Film spielt Nina Hoss (34) die "Anonyma", die dieses Schicksal erleidet.

Es ist eine ungewöhnliche Notgemeinschaft, die im April 1945 in einem halbzerstörten Haus irgendwo in Berlin zusammengefunden hat. Da ist die scheinbar heitere Witwe, die Irm Hermann als Frau spielt, die noch unter den widrigsten Umständen Stil und Haltung bewahren möchte und damit immer leicht am Rande des Wahnsinns wandelt. Oder das in ständiger Angst vor Aufdeckung lebende lesbische Liebespaar Steffi (Sandra Hüller) und Lisbeth (Isabell Gerschke). Und die Freundin (Juliane Köhler) von "Anonyma", die die Vergewaltigungen durchzählt und weglacht.

Hoss zeigt die "Anonyma", im zivilen Leben Journalistin und Fotografin, als verletzliche und starke Frau zugleich. Trotz größter eigener Not verliert sie nie den Blick und das Gefühl für ihre Mitmenschen - egal ob Freund oder Feind.

Allen Mut nimmt die junge Frau zusammen, als sie ins Hauptquartier der Russen geht, um sich über die fortgesetzten Misshandlungen der Berlinerinnen zu beschweren. "Unsere Männer sind gesund", bekommt sie als lapidare Antwort - die paar Minuten seien doch wohl nicht so schlimm. Daraufhin entschließt sich die "Anonyma", Schutz bei einem russischen Offizier zu suchen. Ihm will sie sich freiwillig zur Verfügung stellen, damit er sie im Gegenzug vor den Übergriffen weiterer Männer bewahrt. Tatsächlich findet sich ein solcher Offizier (gespielt von Evgeny Sidikhin) - und was im Tagebuch nur zwischen den Zeilen angedeutet wird, schmückt Färberböck im Film aus: der sensible Russe und die mutige Deutsche kommen sich nicht nur körperlich näher.

"Als ich das Tagebuch gelesen habe, hat mich an dieser Frau gleich ihre Fähigkeit fasziniert, so distanziert zu reflektieren", sagt Hoss. "Als Journalistin findet sie Begriffe für das, was sie erlebt. Für sie war das Schreiben wie ein Ventil - dass man es sich erstmal von der Seele schreibt, dass man das Erlebte ablegt und trotzdem nicht das Gefühl hat, dass es dadurch vergessen und verdrängt ist."

Jetzt, gut anderthalb Jahre nach der Kinopremiere fügt sie hinzu, dass das lange totgeschwiegene Thema Vergewaltigung in der Nachkriegszeit Gesprächsthema geworden sei, unter anderem durch den Film. Viele Frauen hätten lange nicht darüber reden können. Jetzt sei der Eisendeckel "bröselig" geworden.

Wichtig sei auch, dass über das Thema auch von Männern gesprochen werden müsse, "damit sich wirklich etwas ändert. Vergewaltigung ist ein Kriegsmittel, das es seit Urzeiten gibt und bis heute immer noch zur Demoralisierung eines Volkes benutzt wird", sagt Hoss. "Die Vergewaltigungen sind auch ein Teil unserer Geschichte. Es geht nicht darum zu sagen, wir waren auch Opfer. Man vergisst nicht, dass wir die Aggressoren waren", sagt die Schauspielerin. "Aber trotzdem ist es etwas, worüber man sprechen muss - weil es eines der grausamsten Kriegsmittel ist, und nie dürfen die Frauen darüber sprechen."

DPA DPA

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